Effektvoll verstreute Menschenknochen

Susan Sontags Essay "Das Leiden anderer betrachten" lehrt Skepsis gegenüber Kriegsfotografien

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Während des Irak-Krieges brachte "Die Zeit" ein Foto, das ihre Leserschaft entzweite. Das Bild eines US-Militärarztes, der ein verwundetes oder getötetes irakisches Kind in den Armen hält, wurde emphatisch begrüßt und - entrüstet abgelehnt. Ein Teil der Leser glaubte, dass sich auf dem Gesicht des Arztes das jähe Erkennen der Sinnlosigkeit dieses Militäreinsatzes widerspiegele. Der andere warf der Zeitung vor, mit dem Abdruck eines solchen Fotos die US-Kriegspropaganda zu unterstützen.

Der für die Redaktion vermutlich überraschende Streit um dieses Foto machte etwas deutlich, das in Zeiten, in denen wir mit Gräuelbildern aus Kriegsgebieten überschwemmt werden, meist vergessen wird: Kriegsfotos, Fotos von getöteten Zivilisten oder Soldaten, sind nur scheinbar eindeutige Botschaften. Auf dieses Problem macht die amerikanische Kritikerin Susan Sontag, diesjährige Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, in ihrem intelligenten Essay aufmerksam. "Fotografien von Kriegsopfern sind eine Art von Rhetorik. Sie insistieren. Sie vereinfachen. Sie agitieren. Sie erzeugen die Illusion eines Konsensus."

Sontags wohltuend zurückhaltend, gleichsam mit einer versteckten Schärfe geschriebenen Reflexionen sind Ausdruck eines höchst produktiven, "alteuropäischen" Skeptizismus, der den Leser lehrt, seine Wahrnehmung zu schärfen, den Produkten der Kriegsreporter wie auch den eigenen Reaktionen (der Abscheu, der Empörung usw.) beim Anblick solcher Bilder mit mehr Misstrauen zu begegnen. An zahlreichen Beispielen aus der Geschichte der Kriegsfotografie zeigt Sontag, wie fragwürdig und naiv der Glaube ist, Kriegsfotos seien zwangsläufig Appelle an die Menschlichkeit oder würden automatisch pazifistisches Engagement fördern.

Fotos zeigen nur, was sie zeigen - aber wissen wir wirklich, was sie zeigen? Im Balkankrieg wurden die gleichen Fotos von getöteten Kindern von der serbischen wie der kroatischen Propaganda benutzt, indem einfach nur die Bildlegende geändert wurde. Viele der berühmtesten Kriegsfotos wurden, wie Susan Sontag erinnert, von den Fotografen inszeniert; wenn auch oft mit guter Absicht: Da wurden Menschenknochen effektvoll über einem Hof verstreut, "Gefallene" in Schützengräben fotogen arrangiert oder gleich Statisten eingesetzt.

Und welche Erkenntnis kann man dem Foto eines getöteten Kindes, etwa eines palästinensischen, entnehmen? Dass Krieg sinnlos und falsch ist, weil Menschen sterben? Oder, wie vermutlich viele Palästinenser es sehen würden, dass man sich gegen die israelische Armee zur Wehr setzen, Widerstand leisten müsse? Wie Sontag zeigt, sind dies in der Ikonographie des Leidens schon Jahrhunderte alte Fragen. Den Voyeurismus des Betrachters beispielsweise bedienen bereits frühe Gemälde von Folterungen oder Massakern.

Es sind viele kritische, oft mit Blick aufs amerikanische Publikum formulierte Fragen, die Sontags Essay aufwirft: Warum werden in den Medien getötete Taliban-Kämpfer oder Iraker gezeigt, aber nur selten getötete oder verwundete US-Soldaten? Was für Regeln des "guten Geschmacks" sind das, nach denen Redakteure entscheiden, was die Öffentlichkeit sehen darf und was nicht? Können Fotos in Zeiten, in denen routinemäßig die Gefühlsreaktionen der Zuschauer ausgebeutet werden, überhaupt noch etwas bewirken, oder stumpfen wir nur ab? Und, vielleicht Sontags abgründigster Einwand: Suggerieren Bilder von Opfern nicht eine unwahre, nur imaginäre Nähe zwischen uns und ihnen? "Solange wir Mitgefühl empfinden, kommen wir uns nicht wie Komplizen dessen vor, wodurch das Leiden verursacht wurde" - Komplizen, die wir als Angehörige der "Ersten Welt", von einer höheren Ebene aus betrachtet, aber womöglich doch sind.

Umso überraschender, dass Sontag am Ende bei aller Skepsis doch nicht mit Resignation endet. Auch wenn Fotos nur Ausschnitte einer komplexeren Wirklichkeit zeigen, eines, so die Kritikerin, sagen sie doch: "Menschen sind imstande, dies hier anderen anzutun - vielleicht sogar freiwillig, begeistert, selbstgerecht. Vergesst das nicht."

Kein Bild

Susan Sontag: Das Leiden anderer betrachten.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser.
Carl Hanser Verlag, München 2003.
150 Seiten, 15,90 EUR.
ISBN-10: 3446203966

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