Halbwahrheiten und Selbsttäuschungen

Jakob Arjounis Roman "Hausaufgaben"

Von Peter MohrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Mohr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der 40-jährige, in Südfrankreich lebende Autor Jakob Arjouni ist ein literarischer Tausendsassa. Anfang der 90er Jahre wurde er mit seinen Kayankaya-Romanen als Entdeckung auf dem deutschen Krimi-Markt gefeiert, dann widmete er sich mit wechselndem Erfolg und in unterschiedlichen Genres der "ernsten" Literatur, immer etwas verspielt, stets mit einem leichten Hang zu grotesken Verzerrungen - wie zuletzt in seinen modernen Märchen "Idioten".

Nun hat Arjouni es geschafft, in seinem neuen Roman all diese Tugenden zu vereinen - die Ironie, das Changieren zwischen Komödie und Tragödie, sein (aus den Krimis bekanntes) Gespür für realitätsnahes Konfliktpotenzial und seinen lockeren, bisweilen etwas flapsigen Erzählton. Herausgekommen ist - das darf man vorwegnehmen - Arjounis bisher eindrucksvollstes literarisches Werk.

Der Lehrer Joachim Linde (er könnte wegen seiner Turbulenzen ein Bruder des Thomas Linde aus Uwe Timms Roman "Rot" sein) hat allerlei Probleme am Hals. Seine Frau Ingrid befindet sich in einer psychiatrischen Klinik, seine Tochter Martina quält sich immer wieder mit Selbstmordgedanken, zieht dann aber zu ihrem Freund; Sohn Pablo, ein fanatischer Amnesty-Kämpfer, schlägt den Vater eines Tages zusammen, wird dann in einen Verkehrsunfall verwickelt und liegt im Koma; und als Krönung des familiären Ungemachs schickt Lindes Frau eine E-Mail an dessen Schule, in der sie ihren Mann der Pädophilie bezichtigt.

Ziemlich viel, was da auf den Pädagogen einstürzt, der sich auf ein langes Wochenende gefreut, das ihm aber schon seine Schüler in der letzten Unterrichtsstunde mächtig versalzen haben. In einer heftigen politischen Debatte tritt anti-israelisches und neofaschistisches Gedankengut zu Tage. Auch dabei macht Arjounis Protagonist keine gute Figur, delegiert die Lösung des Problems an den Schulleiter und gibt seinen Schülern eine Hausaufgabe zum Thema "Wie kommt Deutschland aus der Nazi-Ecke?" mit ins Wochenende.

Geschickt spielt Jakob Arjouni mit zwei Tabuthemen - dem Vorwurf der Pädophilie und dem aufkeimenden Faschismus an der Schule. Vorwürfe stehen im Raum, aber handfeste Beweise fehlen in beiden Fällen. Um Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen, wird vertuscht und bagatellisiert. Verhaltensmuster, die (leider) zu unserem Alltag gehören.

Zwischen Indizien und Denunziationen zu sondieren, Lindes Selbsttäuschungen und seine höchst subjektiv gefärbte Sicht auf die Geschehnisse in seiner Familie zu entlarven, diese reizvollen Aufgaben überlässt Jakob Arjouni dem Leser. War Joachim Linde nun Täter oder Opfer? Hat sich seine Familie gegen ihn verschworen, oder war er es, der Frau, Tochter und Sohn ruinierte? Ist er ein selbstverliebter Egozentriker, oder hat ihm das Schicksal böse mitgespielt?

Des Autors dichterische Wahrheit liegt wohl irgendwo auf halber Strecke. Trotz aller Bitternis und Ernsthaftigkeit bietet dieser Roman auch eine angenehm spannende Lektüre.

Kein Bild

Jakob Arjouni: Hausaufgaben. Roman.
Diogenes Verlag, Zürich 2004.
189 Seiten, 17,90 EUR.
ISBN-10: 3257861109

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