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Régis Debrays "Einführung in die Mediologie"

Von Christof WindgätterRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christof Windgätter

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Medien!? ... - An diesem Wort kommt heute wohl kein theoretisch ambitionierter Text und erst recht kein universitärer Forschungsantrag mehr vorbei. Ob im Singular oder im Plural, ob als einzelnes Substantiv oder, wie immer öfter, als Kompositum: Von Medienkultur, Medienmanagement, Medienkompetenz usw. ist allerorten die Rede, vom Medienkrieg oder Medienkanzler ganz zu schweigen. Kein Thema, das auf sich hält, scheint einer Fusion mit dem Begriff noch ausweichen zu können.

Dabei hat der Diskurs gerade erst begonnen und sein Ende ist nicht in Sicht - wie z. B. auch die kürzlich beim Schweizer Haupt-Verlag aus dem Französischen übersetzte "Einführung in die Mediologie" von Régis Debray zeigt. Ein 250 Seiten starkes Buch mit programmatischem Anspruch und allerlei didaktischen Finessen (von Merksätzen über Abkürzungen bis zu Tabellen), das sich dem Titel entsprechend zunächst an Neulinge in der Debatte wendet. So wie man auch von seinem Autor weiß, dass er bisher vor allem durch sein politisch-militantes Engagement aus den 60er Jahren (einschließlich Freundschaft mit Che Guevara und bolivianischem Gefängnisaufenthalt) in den Medien präsent war, bevor er sie selber zum Thema erhob. Zwar taucht der Begriff "Mediologie" bei Debray schon einmal 1979 auf, in seiner Studie "Le pouvoir intellectuel en France", aber erst nach 1991, in den zwei ebenfalls noch nicht auf Deutsch erschienenen Büchern "Cours de médiologie générale" bzw. "Manifestes médiologiques", wird er wieder aufgenommen und nunmehr systematisch in Stellung gebracht. Mit der Konsequenz, dass es in Frankreich seither eine wachsende Schar von zumeist selbst ernannten Mediologen gibt, samt Zentralorgan, den "Cahiers de médiologie", die zweimal jährlich in üppiger Aufmachung erscheinen.

Hierzulande allerdings sind sowohl die Disziplin als auch ihre Vertreter nahezu unbekannt. Und das nicht nur der fehlenden Übersetzungen wegen, sondern auch (und vielleicht sogar vorwiegend) aus diskurspolitischen Gründen; steht doch der mediologische Ansatz quer zu den akademischen Grenzverläufen und Grabenkämpfen in Deutschland. Keine neue Wissenschaft aber ohne die fortgesetzte Lust am Ungehorsam. Debray, mit anderen Worten, versucht Philosoph, Soziologe, Politologe und Kulturhistoriker auf einmal zu sein; er will seinen Gegenstand zugleich aus struktureller, sozialer, strategischer und technischer Perspektive in den Blick bekommen. Ein ambitioniertes Projekt, aber auch ein heikler Balanceakt zwischen Eklektizismus und Interdisziplinarität, zwischen konkreter Analyse und metatheoretischen Sprüngen - weshalb er nicht nur bei den Lobbyisten der einzelnen Fächer für ernste Mienen oder jedenfalls Stirnrunzeln sorgt.

Was aber ist nun der Gegenstand der Mediologie? Eine Antwort auf diese Frage hält mindestens zwei Überraschungen parat: Erstens, die Mediologie will, ihrem Selbstverständnis entsprechend, keine weitere Massenmedientheorie liefern (samt deren nur allzu bekannten Klagen über Werteverfall, Konsumfixierung oder die Computersucht von Kindern), sondern sich mit den unterschiedlichen Vermittlungsformen der Kulturen beschäftigen; seien es Institutionen oder Werkzeuge, Vehikel oder Codes; genauso wie Rituale, Zeichen, Texte, Monumente und Bilder keinesfalls ausgeschlossen werden. Entscheidend dabei ist, dass es sich jeweils um Mittel zur Beförderung (von Ideen, Normen, Bräuchen usw.) handelt, um Instanzen also, die etwas auf den Weg bringen oder in Bewegung setzen. Dies wiederum nicht im Sinne gewöhnlicher Kommunikationstheorien, die den Transport einer Botschaft im Raum analysieren, vom "Hier zum Anderswo", vielmehr unter historischen Gesichtspunkten, vom "Einst zum Jetzt", als der Transport einer Botschaft zwischen den Epochen. Schon deshalb verwendet Debray neben dem Begriff der "Vermittlung" an zentralen Stellen auch den der "Übermittlung" (frz. transmission), den man im Deutschen vielleicht besser noch als 'Überlieferung' erklärt. Unter dem Vorbehalt freilich, dass damit keine überlieferten Inhalte gemeint sind, sondern die Verfahren selber (als "genealogische Apparaturen"), die es jeweils möglich machen oder möglich gemacht haben, Traditionen zu stiften bzw. Erbschaften aufzunehmen: Debray nennt vor allem Monumente, Religionen, Aufzeichnungstechniken, Archive, Kunstwerke oder Körperschaften - weshalb sich ein Mediologe in Deutschland wohl am ehesten in all jenen Wissenschaften aufgehoben sähe, die an der Beschreibung sozialer oder kultureller Gedächtnisformen arbeiten.

Zweitens, das 'Medio' im Namen Mediologie steht nicht für Medium (als empirisch-technisches Ding), sondern für "Mediation". Das ist zum einen und wie schon angedeutet die französische Übersetzung von "Vermittlung", zum anderen aber auch ein Wort mit dem "Suffix -ion von Aktion", sodass man Debrays Wissenschaft außerdem als einen Versuch begreifen muss, sich mit der Dynamik kultureller Verhaltens- bzw. Funktionsweisen auseinander zu setzen. Oder: Was ihn an den Überlieferungsmitteln interessiert, sind die "Synergien von Werkzeugen und Gesten", die wechselseitigen Beeinflussungen ihrer instrumentalen und operationalen Momente; also weder das technische Innenleben der Apparate allein, vielmehr in Ergänzung dazu auch deren jeweilige Anwendungen. Bezeichnend für diesen mediologischen Ansatz ist jedenfalls seine doppelte Perspektive, die Debray, vielleicht etwas zu weihevoll, "organisierte Materie" und "materialisierte Organisation" getauft hat. Im weiteren Verlauf des Buches heißt es dann einfach der "OM-Flügel" und der "MO-Flügel": Hier die Träger der Überlieferung (Körper, Steine, Papier, Silizium usw.), dort die Orte ihrer Verteilung (Ethnien, Verlage, Büros, Netzwerke etc.); einerseits die Maschinen (und ihre physikalischen Standards), andererseits das Milieu (mit seinen sozialen Zuständen).

Eine Aufteilung, die Debray noch ins Geografische ausweitet, indem er ihr zwei Kontinente, Amerika und Europa, zugeordnet hat. Das geht, mit beachtlicher Schlichtheit, etwa so: "Von Edison bis Bill Gates" wird die Technologie über ihre gesellschaftlich-politischen Effekte gestellt; von der "Frankfurter- bis zur Pariser Schule" dagegen hat man sein Augenmerk hauptsächlich auf die Zwänge der Apparate und ihre symbolische Gewalt gerichtet. "Amerika nimmt zuerst die Autobahn wahr (das Substrat, das Netz) und Europa die Verkehrsregeln (und dazu die Verkehrsunfälle)." So hat jeder nur die Hälfte des Programms, die der Mediologe wieder zusammenfügen möchte: als Bindeglied zwischen den Welten, als "Euro-Amerikanismus"; gleichermaßen hard und soft.

Dabei soll dieses 'Dazwischen' zur Methode werden. Für einen Mediologen nämlich ist es nicht ausreichend, die Geschichte eines Gegenstandes oder einer Institution zu rekonstruieren; zu einem wahren Vertreter seines Faches wird er erst, wenn es ihm gelingt, "Schnittstellen" zu entdecken bzw. sich auf "Korrelationen" einzulassen. Noch anders formuliert: Will man die "Übermittlungstatsachen" einer Kultur studieren, muss man das "Interaktive" daran bemerken, muss sich davon überzeugen, nicht einzelne Dinge, sondern geregelte Prozesse in den Vordergrund zu rücken. Wichtig ist, was sich in der Mitte abspielt: als das "Dritte" zwischen Zweien, als der "Agent" ihres jeweiligen Miteinander.

Hat man den Blick aber erst einmal in dieser Weise justiert, ist es auch zu den religiösen Beispielen nicht mehr weit, die Debray zur Erläuterung seiner Thesen immer wieder heranzieht. "Die Mediologie ist eine profane Christologie", schreibt er an einer Stelle sogar, denn jener Christus soll als mittlerer Begriff der Dreifaltigkeit (Vater, Sohn und Heiliger Geist) nicht nur ein historischer Dritter gewesen sein, sondern ganz im Gegenteil als dessen Modell überhaupt fungieren. Aus Gottes Wort wurde Gottes Sohn, der den Menschen die Frohe Botschaft verkündet: Also ist die Übermittlung von der "Inkarnation" abhängig und "Jesus Christus der einzigartige, universelle Mediator der Sünder, die wir sind." Nur den Hinweis, dass eben dieser Mediator am Ende gekreuzigt wird und wieder verschwindet (gen Himmel fährt), sucht man bei Debray vergebens - müsste er dazu doch bereit sein, den Weg von der Erlösung des Fleisches zurück zur Per- und Resistenz der Apparate selbst zu finden.

Titelbild

Régis Debray: Einführung in die Mediologie.
Übersetzt aus dem Französischen von Susanne Lötscher.
Verlag Paul Haupt, Bern 2003.
256 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-10: 3258065772

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