Keine Sängerinnen eines politischen Systems

Angelika Döpper-Henrich untersucht Schriftstellerinnen der Weimarer Republik als literarisierende Kommentatorinnen ihrer Zeit

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bekanntlich war die Neue Frau ein beliebtes Motiv von Schriftstellerinnen der Weimarer Republik, doch beileibe nicht das einzige. Ein erhellender, unlängst von Walter Fähnders und Helga Karrenbrock herausgegebener Sammelband stellte einige "Autorinnen der Weimarer Republik" vor und ließ so auch die Vielfalt ihrer Themen deutlich werden. (vgl. literaturkritik.de 12/2003) Eine Thematik, die zwar nicht unbedingt im Mittelpunkt vieler literarischer Werke von Autorinnen dieser Zeit stand, jedoch oft präsent war, bleibt allerdings in dem Sammelband ebenso unterbelichtet wie in der bisherigen Forschung zu Schriftstellerinnen der Weimarer Republik überhaupt: die Politik.

Diesem Desiderat verschafft nun Angelika Döpper-Henrich mit ihrer Dissertation "... es war eine trügerische Zwischenzeit" Abhilfe, in der sie "mit dem heutigen Wissen über den Untergang der Weimarer Republik" beleuchtet, wie die Schriftstellerinnen die politischen Ereignisse der Republik "aus der Nähe ihre[r] Zeit" betrachteten. Zwei Fragen leiten ihr Erkenntnisinteresse: "Wie sahen die Schriftstellerinnen die Republik, in der sie lebten, und wie fügten sie sich mit ihren Anschauungen in den Geist ihrer Zeit ein". Zu ihrer Beantwortung zieht Döpper-Henrich nicht nur literarische Werke, sondern auch andere Textsorten heran, wobei sie ihre Auswahl der untersuchten Texte im Einzelnen nicht weiter begründet. So mutet sie etwas zufällig an. Jedenfalls aber sind Werke von Frauen verschiedenster weltanschaulicher und politischer Couleur vertreten: Feministinnen, Marxistinnen, Demokratinnen, Nationalistinnen und Nationalsozialistinnen, Darunter Ricarda Huch, Gertrud Bäumer, Claire Goll, Vicki Baum, Berta Lask, Rosa Luxemburg, Ina Seidel, Annette Kolb und Agnes Miegel, so dass das gesamte politische Spektrum abgedeckt wird.

Döpper-Henrich organisiert ihre Untersuchung nicht etwa nach den politischen Standpunkten der untersuchten Autorinnen, den Textsorten oder literarischen Kriterien, sondern entlang der geschichtlichen Chronologie der politischen Ereignisse und nach den Entwicklungsphasen der Weimarer Republik. So gliedert sich der Hauptteil der Untersuchung in vier Abschnitte. Der erste befasst sich mit dem Verhältnis der Schriftstellerinnen der Weimarer Republik zum Ersten Weltkrieg. Sodann erörtert Döpper-Henrich, wie sich "die schreibenden Frauen" zu den "revolutionären Ereignissen" von Oktober bis Dezember 1918 verhielten. Unter der Zwischenüberschrift "Konsolidierungszeit" fragt die Autorin im dritten Abschnitt, wie sich Schriftstellerinnen der "Berufstätigkeit der Frauen", dem "Existenzkampf in der Großstadt", der "Vermarktung des Menschen" und dem "neuen Verhältnis der Geschlechter" näherten. Der letzte untersuchende Teil "Untergang der Republik" schließlich stellt Überlegungen zu "jener auch von Frauen verfassten Literatur" mit "antirepublikanischer Intention" an.

Irmgard Keun, Shootingstar am Ende der Weimarer Republik, wird von der Autorin im Hauptteil ihrer Arbeit bewusst nicht berücksichtigt. Denn ihre Romane "Gilgi, eine von uns" und "Das kunstseidene Mädchen", so argumentiert sie, kennzeichneten aus heutiger Sicht weniger den Verlauf der Weimarer Republik, als dass sie "vielmehr solche Hoffnungen transportierten, die erst nach der Befreiung auf fruchtbaren Boden fallen konnten." Eine zweifelhafte Entscheidung aufgrund eines zweifelhaften Ausschlusskriteriums.

Wie Döpper-Henrich in Auseinandersetzung mit den Thesen Heide Soltaus zeigen kann, verfolgten die von ihr untersuchten Schriftstellerinnen die politischen Ereignisse der Weimarer Republik nicht nur vom Ersten Weltkrieg an bis zu ihrem Ende, sondern kommentierten sie auch, sei es "direkt" oder "literarisch gestaltet".

Dass die Autorinnen dem, "was ihnen tagtäglich geboten wurde", "mit Zustimmung gegenübertraten" könne nicht behauptet werden, resümiert Döpper-Henrich. Zur "Fürsprecherin der Republik" habe sich keine von ihnen gemacht. Doch schließlich könne es nicht als deren Aufgabe angesehen werden, "sich zu Sängerinnen eines politischen Systems zu machen". Das haben manche, wie etwa Berta Lask, allerdings schon getan, nur war es nicht das der Weimarer Republik, sondern das kommunistische.

Auch wenn die Ergebnisse von Döppner-Henrichs Arbeit im Ganzen als tragfähig erscheinen, bleibt doch das eine oder andere zu monieren. So etwa, dass sie nicht zwischen der Beweiskraft der Primärquellen und derjenigen von Belegen aus der Sekundärliteratur unterscheidet. Vielmehr setzt sie in ihrer Beweisführung auch schon mal ausschließlich auf letztere und behandelt sie so, als sprächen hier die Autorinnen selbst. Dabei kommt nicht immer ein zutreffendes Urteil zustande. Wenn sie Gabriele Reuter vorhält, "die für existent gehaltene überzeitliche, spirituelle Dimension des Krieges zu genießen, indem sie in masochistisch-lustvoller Weise sich bereit erklärte [...], das Liebste hinzugeben", verzichtet sie gar auf jeden Beleg. Ebenso bei einer dem Marxismus unterstellten These, der zufolge, "der Sinn der Philosophie nicht darin bestehe, die Welt zu interpretieren, sondern sie zu verändern". Hier missinterpretiert die Autorin offensichtlich Marxens berühmte 11. Feuerbachthese ("Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern.") aus dem Jahre 1845. Von der Ansicht, es sei die Philosophie, welche die Welt verändern müsse, war der Begründer des Wissenschaftlichen Sozialismus allerdings weit entfernt. Zur Zeit der Niederschrift der Feuerbachthesen verfasste er gemeinsam mit Engels die "Kritik der deutschen Ideologie", in der die beiden Weltveränderer die "Ohnmacht der Philosophie gegenüber der Welt" konstatieren und daraus den Schluss ziehen, man müsse "aus ihr herausspringen". Doch selbst von der philosophischen Interpretation der Welt hielten sie nicht allzu viel: "Philosophie und Studium der wirklichen Welt", hämten sie wiederum in der "Deutschen Ideologie", verhielten sich zueinander "wie Onanie und Geschlechtsliebe".

Titelbild

Angelika Döpper-Henrich: "... es war eine trügerische Zwischenzeit". Schriftstellerinnen der Weimarer Republik und ihr Verhältnis zu den gesellschaftlich-politischen Umgestaltungen ihrer Zeit.
Kassel University Press, Kassel 2004.
325 Seiten, 39,00 EUR.
ISBN-10: 3899580524

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