Über das Sagbare hinaus

Vladimír Holan, dem wohl größten tschechischen Dichter des 20. Jahrhunderts, wird in seinem Jubiläumsjahr ein verdienstvolles Denkmal gesetzt

Von Volker StrebelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Volker Strebel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Pünktlich zum 100.Geburtstag des am 16. September 1905 geborenen Vladimír Holan erscheint mit dem ersten Band der Gesamtausgabe sein lyrisches Frühwerk. Holan, der zu den bedeutendsten tschechischen Dichtern des 20. Jahrhunderts zählt, war, wie seine böhmische Heimat, Zeit seines Lebens einer schicksalsreichen Epoche unterworfen. Er erlebte die Gründung der tschechoslowakischen Republik im Jahr 1918. Die kulturell ungewöhnlich produktiven und vielfältigen Jahre der jungen Republik wurden auch von den Gedichten des jungen Holan geprägt. Die Bedrohung und spätere Besetzung des Landes durch deutsche Truppen sowie die anschließende Protektoratszeit bewirkten auch bei Holan eine Politisierung und führte ihn wie viele seiner Landsleute gerade auch im intellektuellen Milieu in die Reihen der kommunistischen Partei. In den finsteren stalinistischen Jahren folgten jedoch Ernüchterung und Resignation. Holan sollte zum Verstummen gebracht werden und durfte jahrelang nicht mehr publizieren. Erst die vorsichtigen Öffnungen hin zu Reformen in den 60er Jahren brachten Holan, aber auch anderen Schriftstellern wieder Möglichkeiten, ihr Publikum zu erreichen. Am 31.März 1980 verstarb Vladimír Holan in Prag.

Holans Dichtung gilt als dunkel und schwer verständlich, was sich durchaus auf seine verschiedenen Schaffensperioden beziehen lässt. Interessanterweise hebt sich das frühe Schaffen Holans deutlich von dem vitalistischen Poetismus der 20er Jahre ab, obwohl sich auch Holan zunächst im Umfeld dieser verspielten Experimente orientiert hatte. Während in den böhmischen Ländern der Poetismus in den Surrealismus überging, unterwarf Holan seine Dichtung einer strengen versologischen Disziplin - ohne jedoch seine thematische Dunkelheit abzustreifen und ohne auf überraschende Metaphern, Paradoxien und Wortneuschöpfungen zu verzichten. Bereits das Holan'sche Frühwerk drückt somit seine Vorstellung aus, über das Sagbare hinaus in den inneren Brunnen hinabzusteigen, um tieferlegende Wahrnehmungen anzurühren. Im Gedicht "Das Weinen der Symbole" geben die Verse einen winzigen aber bedeutenden Zugang frei: "Das Rätsel Leib und Seele: was es inszeniert, / ist unser ganzes Glück. / Und doch hat nur der Vorhang sich gerührt, / ein kleines Vorhangstück".

In seinem kundigen Nachwort skizziert Urs Heftrich Hintergründe der Holan'schen Dichtung und belegt für die Jahre 1930-1937 Holans Nachfolge einer "poésie pure", einer reinen Poesie in der Tradition symbolistischer Dichtung mit klassizistischer Fassade. Im vorliegenden Band werden die Sammlungen "Das Wehen", "Der Bogen" und "Stein, kommst du..." erstmals kongenial ins Deutsche übersetzt. Heftrich weist auf kennzeichnende Wort- und Begriffsfelder hin: Schleier, die dahinterliegende Wahrheiten verbergen, Varianten des Mythos, das Bild der Leere, aber auch den Begriff der Jungfräulichkeit. Bei allen geheimnisvollen Spannungen, die sich in diesen wortmächtigen Versen verbergen, gelingen Holan wunderschöne Bilder der Liebe: "Ich zünde meine Hände an, wenn müd und schwer / der Vorhang deiner Lider dich des Lichts / beraubt, ich geb dich wie ein Fundstück her, / als hätte Gott selbst nichts".

Der neu erschienene Band belegt die intensive Beschäftigung des Übersetzers und Literaturwissenschaftlers Urs Heftrich mit der Dichtung Vladimír Holans. Heftrich hat sein slavistisches Leben lang an der Übertragung dieser Gedichte gefeilt und getüftelt. Seine zusammen mit Michael Špirit mitgelieferte Kommentierung ist mustergültig, zumal nicht einmal die tschechische Gesamtausgabe über einen kommentierenden Apparat verfügt. Das Projekt der beiden Herausgeber, die Gesamtausgabe des Schaffens von Vladimír Holan in deutscher Übersetzung vorzulegen, überschreitet marktübliche Vorhaben - der letzte der auf 15 Bände angelegten Edition ist für das Jahr 2029 vorgesehen.

Dass der zweisprachige, schön aufgemachte Band in einer Auflage von tausend Exemplaren gedruckt wird, bestätigt einen Vers von Vladimír Holan aus dem Poem "Nacht mit Hamlet" im bereits erschienenen Band 8: "Ich sage dir, kunst ist klage, / etwas für manchen, nicht für alle".

Titelbild

Vladimír Holan: Gesammelte Werke. Bd. 1.
Mit einem Kommentar von Urs Heftrich und Michael Špirit sowie einem Nachwort von Urs Heftrich.
Übersetzt aus dem Tschechischen von Urs Heftrich.
Mutabene Verlag, Köln 2005.
366 Seiten, 30,00 EUR.
ISBN-10: 3934041051

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