Um Leben und Tod

Astrid Pauls kleine Arbeit zum Tod in der Literatur um 1900

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Aller Bildung, Verehrtester, entfliehe mit vollen Segeln." Ein fragwürdiger Rat, den Epikur vor mehr als 2.000 Jahren erteilte. Wäre ihm Erfolg beschieden, wären Ratgeber und Ratschlag längst vergessen. Auch Astrid Paul befolgt ihn nicht. Daher ist ihr eine andere der zahlreichen und meist umstrittenen Sentenzen des Athener Philosophen geläufig: "Das angeblich schaurigste Übel also, der Tod, hat für uns keine Bedeutung; denn solange wir noch da sind, ist der Tod nicht da; stellt sich aber der Tod ein, so sind wir nicht mehr da." Auch diese Auffassung mag Paul nicht teilen und erklärt den Tod zu einer "fundamentale[n] Erfahrung menschlichen Daseins". "Wie kein anderes Thema" ermögliche er es LiteratInnen, "[g]rundlegende Aspekte des menschlichen Lebens" darzustellen. Unter dieser Prämisse nähert sie sich in ihrem Buch "Der Tod in der Literatur um 1900" den Romanen "Der Stechlin" und "Buddenbrooks" von Theodor Fontane und Thomas Mann sowie Arthur Schnitzlers Erzählung "Sterben".

Die zentrale These ihres eher schmalen Bändchens besagt, gerade die "Mittelbarkeit" literarischer Darstellung bringe die "Vorstellungen und Verhaltensweisen", mit denen dem Tod begegnet wird, "adäquat" zum Ausdruck. Womit sich Lesenden allerdings die Frage stellt, welches denn die Kriterien für eine adäquate Darstellung sind.

Paul übergeht diese Frage jedoch und wendet sich den Texten zu. Fontanes "Stechlin" dient ihr als "Folie", auf der die Todesthematik der beiden anderen Werke behandelt wird. In Fontanes Roman entdeckt sie den "mehr oder weniger 'klassischen' Fundus des persönlichen und sozialen Umgangs mit Tod und Sterben". So erleide Dubslav von Stechlin einen "klassischen Fürsten- oder Patriarchentod".

Das Sterben der Figuren in den "Buddenbrooks" durchmesse den Weg vom "schönen" und "eigenen" Tod Stechlins, der auch den Figuren Johann, Jean und Leberecht Kröger vergönnt sei, über die "allmähliche Verdrängung des Todes aus der gesellschaftlichen Realität" der Konsulin Elisabeth Buddenbrook bis hin zum "gesellschaftlichen Tod", den Christian erleide.

Arthur Schnitzlers Text schließlich sei durch die "Todesverdrängung" der Moderne gekennzeichnet, die den Menschen "trotz aller medizinischen Fortschritte" dem Tod "ohne jegliche Handhabe aussetzt". So literarisiere die Novelle des Wiener Autors die "soziale Entwurzelung, die Einsamkeit des Sterbens, die volle Ausprägung der Rationalisierung, aber auch der Ausschließung des Todes aus dem Leben".

Nach kaum 100 Seiten hat Paul ihr Unternehmen, den literarischen Niederschlag eines um 1900 statthabenden "mentalitätsgeschichtlichen Wandels" dem Tode und dem eigenen Sterben gegenüber aufzuzeigen, erfolgreich zu Ende gebracht.


Titelbild

Astrid Paul: Der Tod in der Literatur um 1900. Literarische Dokumentationen eines mentalitätsgeschichtlichen Wandels.
Tectum Verlag, Marburg 2005.
104 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3828888437

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