Abgekapselt von der Gesellschaft

Peter Landerl beschreibt das literarische Leben in Österreich seit 1980

Von Carolina SchuttiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Carolina Schutti

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der 1974 in Oberösterreich geborene Autor, Rezensent und Publizist Peter Landerl nimmt in diesem Buch, der Druckfassung seiner Dissertation, das literarische Umfeld österreichischer Autorinnen und Autoren unter die Lupe. "Macht es Unterschiede, ob deutschsprachige Literatur in Berlin, Graz, Zürich, Linz oder Bremen verfasst und publiziert wird?", fragt er sich in seiner Einleitung und macht sich unter anderem auch Gedanken über Verlage, Förderungen, Preise, literarische Institutionen - und nicht zuletzt über das oft pikante Verhältnis von Literatur und Politik.

Mit dem Titel "Der Kampf um die Literatur" wird auf Pierre Bourdieus Theorie des literarischen Felds angespielt, die diesem Buch zugrunde liegt: Bourdieu definiert es als "Kräftefeld" bzw. als "Arena, in der Konkurrenten um die Bewahrung oder Veränderung dieses Kräftefeldes kämpfen." Landerl legt besonderen Wert darauf zu betonen, dass es weit mehr ernst zu nehmende österreichische Autoren gebe als die in Literaturgeschichten aufgezählten - nur, dass sie eben in einem der vielen ,Kämpfe' den Kürzeren gezogen und somit nie die Gelegenheit erhalten hätten, von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden.

Das Buch beginnt mit einem Überblick über österreichische Verlage, über Förderpolitik und Buchproduktion, woraufhin Landerl auch die sich aus der spezifischen Verlagsstruktur ergebenden Konsequenzen für Autoren aufzeigt: Zum einen sei weiträumige Wahrnehmung nur dann gesichert, wenn österreichische Autoren in nicht-österreichischen, vor allem in deutschen Verlagen publizieren - zum anderen versuche die österreichische Förderpolitik das Fehlen von Großverlagen auf anderer Ebene auszugleichen und unterstützt damit Autoren, die hauptsächlich regionale Bedeutung haben.

Vor allem für Schriftsteller, die sich im literarischen Feld erst etablieren müssen, erfüllen Literaturzeitschriften, deren Überleben ebenfalls von Fördermitteln abhängig ist, eine "soziale Funktion", indem sie eine Plattform für "innerliterarsiche Diskurse" darstellen. Literaturzeitschriften, Autorenorganisationen und nicht zuletzt Literaturförderung bestimmen ganz wesentlich das literarische Leben in Österreich - alle diejenigen, die nicht bei Großverlagen unterkommen, sind besonders auf die finanziellen Mittel und Möglichkeiten innerhalb des österreichischen "literarischen Felds" und auf das Darin-Wahrgenommenwerden angewiesen.

Peter Landerl hat in seinem Buch eine Fülle an Material zusammengetragen und dieses übersichtlich geordnet, was das Buch zu einem hilfreichen Nachschlagewerk macht, will man sich einen Überblick über die Literaturlandschaft in Österreich verschaffen. Leider gibt der Autor keine befriedigende Antwort auf die äußerst interessanten, in der Einleitung gestellten Fragen nach der Ortstabhängigkeit von Literatur sowie nach "vergessenen, übergangenen" Schriftstellern - wiewohl er die einzelnen Faktoren, die dazu führen, im Lauf seiner Darstellung zusammenträgt. Auch der selbst gewählten Textsortenbezeichnung "Essay" wird diese Arbeit nicht gerecht - dann allzu oft vermisst man verbindende, (aus)wertende, mit Bezug auf die Themenstellung reflektierende Passagen zwischen den (an sich durchaus interessanten) Statistiken und Zitaten. So würde man sich beispielsweise nach der Dokumentation zweier "innerliterarischer Skandale" (ausgelöst von Franz Josef Cernin/ Ferdinand Schmatz und Walter Klier/ Stefanie Holzer), die Landerl an den Schluss seiner Arbeit stellt, eine präzisere, vor allem differenziertere Stellungnahme erwarten als die bloße Feststellung, dass anhand dieser beiden "Aktionen" "sehr schön" gezeigt werde, "wie sehr die Definitionen von guter/schlechter Literatur umkämpft werden."

Landerls (ebenfalls recht knapp gehaltene) Schlussfolgerung aus seiner Bestandsaufnahme ist, dass sich österreichische Literatur zum einen zunehmend von staatlicher Förderung abhängig mache, sich zum anderen "vom Publikum abgekapselt" habe. Wenn er gar von einer "Entfremdung zwischen den Autoren und der Gesellschaft" als Folge von Subventionierung und daraus resultierender Abwendung vom "Markt" spricht, mögen sich beim einen oder anderen Leser durchaus berechtigte Widerstände regen. Doch ruft Landerl immerhin zu einem Zusammenhalt der Autoren auf, um gegen die in der Zukunft drohende "österreichische Literatur unter Ausschluss der Öffentlichkeit" aufzutreten.

In Peter Landerls Buch ist viel Informatives und Nützliches zusammengetragen und gut dokumentiert, wobei es dem Autor gelungen ist, die Abhängigkeit der Rezeption eines Werkes von Faktoren, die jenseits literarischer Kriterien liegen, umfassend darzustellen.


Titelbild

Peter Landerl: Der Kampf um die Literatur. Literarisches Leben in Österreich seit 1980.
Studien Verlag, Innsbruck 2005.
266 Seiten, 26,90 EUR.
ISBN-10: 3706540134

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