Mit unbestechlichem Blick

Shin Kyongnims engagierte Gedichte

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Gar nicht selten beruht literarischer Ruhm auf einem Missverständnis. Das durchschaut meist schon die nächste Generation, und damit hat sich der Fall erledigt. Interessanter liegt die Sache, wenn ein Autor, der Wertschätzung verdient, aus den falschen Gründen gelobt wird. In diese kleinere Gruppe dürfte der koreanische Dichter Shin Kyongnim gehören, der in seiner Heimat eine Beliebtheit genießt, von der deutsche Lyriker nur träumen können. Warum man ihn als "Bauerndichter" verehrt, wird etwa bei einem Gang durch die Großstadt Seoul verständlich: durch eine Betonwüste, die durchaus schon von Erfolg und Wohlstand kündet, doch lärmdurchtost und hektisch ein idealer Nährboden für regressive Fantasien von einem idealisierten Landleben bietet. Da scheint ein Band mit dem verlockenden Titel "Bauerntanz", im Original zuerst 1973, hier in der überarbeiteten Fassung von 1993 übersetzt, gerade recht zu kommen. Man sieht sie vor sich, die naiven Burschen, deren fröhliche Bewegungen sich so vorteilhaft vom ermüdenden Gehetze auf den Treppen der U-Bahn-Stationen abheben.

Doch schon das Titelgedicht von 1971 straft solche Vorstellungen Lügen. Es setzt ein mit einem Ende: "Der Gong ist verhallt, der Vorhang gefallen". Die Laiendarsteller mit Gesichtern "voller zerlaufener Schminke" trollen sich in eine "Schnapsbude", und statt der erwachsenen Zuschauer, die schon lange gegangen sind, folgen nur ein paar "Knirpse"; der armselige Umzug wird beobachtet von ein paar Mädchen, die kindisch kichern. Die Realität wird den Darstellern bewusst: "Mit schweren Herzen und von Arbeit geschunden zu leben, das ist bejammernswert." Einige fallen in ihre Rollen zurück, einer etwa "lächelt schmeichlerisch wie Sorim, der Intrigant". Doch fordert die Ökonomie ihr Recht: "aber wem / nützt es, dass wir und hier in diesem abgelegenen Bergnest abquälen, / etwa dem Ackerbau, der nicht einmal den Düngerpreis einbringt, / den überlassen wir doch gleich den Weibern." Erst die Vorstellung, sich als Verlierer der Modernisierung abzusetzen von den Frauen, die noch weiter unten gehalten werden, führt zum Tanz: "da kommen wir immer mehr in Schwung". Der Bauerntanz ist als Tanz der Verelendenden gezeichnet, die ihre Lage verdrängen.

Das Gedicht beleuchtet einige Charakteristika des Bands. Zunächst sprachlich: Die Übersetzerinnen Kim Sun-Hi und Edeltrud Kim, bislang mit der Übertragung von Erzählwerken wie dem in Deutschland preisgekrönten Roman "Vögel" von Oh Jung-Hee hervorgetreten, haben sich weitgehend für eine der Prosa angenäherte Wiedergabe entschieden. Das lässt die Gedichte ganz anders klingen als die in Shins späterem Band "Mutter, Großmutter - Silhouetten" (1998), der in der Übersetzung von Park Jinhyung und Matthias Augustin 2003 in der Edition Peperkorn erschienen ist. Haben sich Park und Augustin mit beachtlichem Erfolg dafür entschieden, für Shins komplexe Rhythmik Entsprechungen im Deutschen zu finden, so liest man bei Kim und Kim aufs Wesentlichste konzentrierte Erzählungen in Versen. Generell ist das, abgesehen von einigen schwerfälligen Partizipien, eine tragfähige Lösung, wenn auch nicht optimal. Zwar gehen die Bewegungsmodelle Shins verloren, die tatsächlich etwas wie einen Tanz vermitteln und so eine Spannung zwischen traditioneller Form und Desillusionierung auf der Ebene des Gesagten erzeugen. Doch ist genaue Prosa jedenfalls jenen hilflosen Versuchen vorzuziehen, fremde Metren in eine dichterische Tradition mit einer ganz anderen Formenwelt zu übertragen, die manch eine Lyrikübertragung aus dem Koreanischen beschädigen.

Charakteristisch ist zweitens das "wir", von dem in "Bauerntanz" mehrfach die Rede ist. Besonders in den ersten der sieben Teile geht das Ich im Kollektiv auf; in einem Kollektiv freilich, das in prekärer sozialer Lage seinerseits vom Zerfall bedroht ist. Nicht zufällig ist das Ziel eine "Schnapsbude" und erscheint der Rausch deutlich genug als Voraussetzung dafür, eine wenn auch trübe festliche Stimmung zu erleben.

Zudem ist der Ort, an dem der Bauerntanz anhebt, als von Gewalt gezeichnet markiert: Vom "Rindermarkt" führt der Weg "zum Schlachthof und in die ganze Gegend dort". Überzeugend ist Shins Lyrik, weil er stets das Allgemeine am Konkreten veranschaulicht. Nirgends im Band finden sich leere Deklarationen, wie sie manche Gedichte des von koreanischer Seite auf der Buchmesse allzu hochlobten Ko Un prägen. Gerade weil Shin am Besonderen haftet, gelingt ihm der Blick aufs Allgemeine, das weder durch eine einfache Dichotomie von Oben und Unten erfasst werden kann, noch durch die Behauptung, im unterdrückten Volk bestehe das Bessere fort.

Die Wahrheit über das Allgemeine stellt sich gerade dann heraus, wenn das Kollektiv zerfällt. Die "Bauern" bei Shin sind arme Leute, anfangs noch als "Genossenschaft" gefasst, die gegen den ökonomischen Untergang kämpft. Später ist da ein Ich in einer verkommenden Gebirgsstadt, die vielleicht von Bergbau lebt. Vielleicht aber auch gar nicht. Es wird von "Freunden" zu Trinkgelagen verführt, die die magere Ehefrau quälen, von deren Grab später die Rede ist und die auf eine Weise, von der das Ich nichts wissen will, das Geld verdient haben mag, das da versoffen wird: "Was auch immer wer auch immer sagte, ich konnte es nicht glauben." Und schon früh ist die Familie demontiert. "Familienhaus auf dem Lande" hebt an mit der Zeile: "Jetzt mag ich das Haus unserer Sippe auf dem Lande nicht mehr" und zeigt präzise, wie durch materielle Verarmung der Zurückgebliebenen und durch intellektuelle Entwicklung derjenigen, die unter Opfern zum Studium in die Stadt geschickt wurden, die familiäre Gemeinschaft aufhört zu existieren.

Lauter kleine Katastrophen also, und doch ist der Band mehr als die Bestätigung des koreanischen "Han", eines Trübsinns, der von manchen nationalen Ideologen in den Rang eines Volkscharakters erhoben wurde. Es gibt einen zweiten, legitimeren Grund, aus dem Shins "Bauerntanz" zum Erfolgsbuch wurde: die Verbindung mit dem Widerstand gegen die damalige Militärdiktatur. Shin gehört zu jenen Lyrikern der 70er und 80er Jahre, die mit einfacher Sprache viele Menschen erreichen und zur Opposition bewegen wollen. Shin schildert etwa eine kampfbereite Gruppe, die zwar mit "leeren Fäusten", aber "heißem Atem", mit Schreien und Liedern sich auf die Kreisstadt zubewegt ("Der zu gehende Weg"). Aber der Gegner bleibt merkwürdig ungreifbar, und der Impuls geht ins Leere. In "Sturm" ist der pathetische Titel unterminiert: "Alle kamen zum Marktplatz gerannt, / drohten mit den Fäusten und trampelten." Aber was macht man dann? "Da kam plötzlich der Winter, / graue Wolken zogen auf, Schneeregen fiel. / Die jungen Leute liefen auseinander und versteckten sich hinter den Türen, die alten Leute und die Frauen wurden kraftlos und husteten schwach. / Diesen ganzen Winter lang zitterten wir vor Furcht."

In wenige Sätze ist verdichtet, wofür andere Autoren viele Seiten brauchen, wenn sie den Stoff nicht sogar zum Roman aufblähen. Shin verklärt nicht das Volk, sondern zeigt in seinen Kollektivgedichten, welcher Logik das Verhalten der Gruppe unterliegt. Gesellschaftliche Erkenntnis vermitteln dann jene Gedichte, die nur vielleicht politisch sind, wo man Unausgesprochenes, Verbotenes mutmaßen muss und Shin Gewissheit verweigert. "Das stillgelegte Bergwerk" beginnt: "An dem Tag, an dem der Onkel abgeführt worden war, kehrte er nicht wieder zurück." Warum wurde er abgeführt? Man erfährt nur, dass seine Freunde dasitzen und Schnaps in sich hineinkippen: "Ich wusste nicht, warum ihre Fäuste zitterten." Die Rede ist von den Vätern, die die Freunde des wohl noch kindlichen Ich im Bergwerk verloren hatten, und vom Verschwinden: "Der Krieg war vorbei, dennoch verschwanden die jungen Männer des Dorfes / einer nach dem anderen und kehrten nicht mehr zurück." Weil das Bergwerk stillgelegt ist? Weil sie inhaftiert wurden? Jedenfalls ist der Ruf der Eulen in der nun leblosen Grube "noch unangenehmer als der betrunkene Onkel", was den paradoxen Verdacht erlaubt, die politische Repression bedeute für das Kind Befreiung - oder hat da nur ein Trinker randaliert und wurde über Nacht ausgenüchtert?

Man spricht nicht, man verschweigt. Ähnlich in "Jener Tag", wo es vielleicht um politischen Mord und die Angst der Überlebenden geht: "Eine junge Frau folgt allein / der Totenbahre und weint." Offenbar herrscht Angst: "Hinter Straßenbäumen und Strommasten versteckt / schauen die Leute hin. / Niemand weiß des Toten / Namen. Jener mondlose / dunkle Tag." Solche knappen Skizzen erweisen die Bedeutung des Dichters Shin. Mehr noch: In seinem Werk, auch in diesem Buch, vollzieht sich, was im Rückblick als das bedeutende Neue des 20. Jahrhunderts erscheinen mag, die Verdrängung des Landes durch die Stadt. Shins Protagonisten sind manchmal noch verarmende Bauern, manchmal schon das, was Bedingung erfolgreicher Industrialisierung ist: Lumpenproletariat, dabei stets mit einem Blick erfasst, der kritische Distanz und Solidarität vereint.

Dabei ist der Bauerndichter nicht gegen die Stadt. Wenn er Seoul 1971 als "diese / dreckige Eitelkeit und Korruption" abwertet, dann wegen sozialer Übel: "dreißig Prozent der Kinder ohne richtige Mahlzeiten, / diese entfremdeten Klassenzimmer / ohne Bleistifte und Hefte." Dank der Entstehungsdaten, die zu jedem Gedicht angegeben sind und es erlauben zu rekonstruieren, wie sich der Dichter Shin entwickelte, sind nun die beiden letzten Teile als Zusätze zur Erstfassung zu identifizieren. "Eine Gasse" von 1973 zeigt dann den vorläufigen Sieg des Landes über die Stadt: "Der Barbier Choi sagt, dass er Seoul doch mag." Die Gasse wird zum Mikrokosmos, der dem Dorf entspricht. Wie man heute weiß, ist das eine Erscheinung des Übergangs, aber auf jenen Übergang kommt es an - mag ihn auch die nächste Generation ganz anders wahrnehmen.

Mit Shin ist ein koreanischer Dichter zu entdecken, der statt nationalem Pathos und Verklärung des Ländlichen wie bei Ko Un oder Kim Chiha seine Kunst mit einem unbestechlichen Blick auf die Realität verbindet. Die Übersetzerinnen lenken in ihrem leider knappen Nachwort die Aufmerksamkeit auf Shin als engagierten Beobachter eines sozialen Wandels statt als regressiven Lobredner des Vergangenen. Bedauerlich ist einzig die Lässigkeit, mit der der Verlag die wichtige Publikation zu vermarkten versucht: Eine grell-farbige zähnefletschende Schnitzfigur signalisiert auf dem Titelbild: "Achtung! Tradition!", während man auf dem Buchrücken sich nicht einmal um den Familiennamen des Autors geschert hat und ihn unbekümmert "Kyongnim" nennt. Das mag die Konfusion verstärken, die häufig um koreanische Namen entsteht, sollte aber nicht von Gedichten abschrecken, die manchen Roman über den Einbruch der Moderne zu ersetzen vermögen.


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Shin Kyongnim: Bauerntanz. Gedichte.
Übersetzt aus dem Koreanischen von Kim Sun-Hi und Edeltraut Kim.
Verlag Brandes & Apsel, Frankfurt a. M. 2005.
108 Seiten, 12,90 EUR.
ISBN-10: 3860995146

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