Im Zwischenreich

Han Malsuk und der koreanische Weg in die Moderne

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Großform des Romans ist klar: vier Teile, nach den Jahreszeiten betitelt, und an jedem Ende, vom Winter bis zum Herbst, steht der Tod. Das darob zum Schluss recht überschaubar gewordene Personal ist locker um die gut 40jährige Judschin gruppiert, der die 1931 geborene Autorin Han Malsuk in ihrem Roman "Über alle Mauern" auch sonst allerlei Leid aufbürdet, von einer Lungenentzündung über den Fast-Bankrott ihres Mannes bis zu einer unglücklich verlaufenden Fast-Liebesaffäre. Am Ende ist Judschin wieder im Krankenhaus und schwankt, ob ihre Familie ihr Halt bieten kann oder ob sie sich doch dem Schmerz über die Verluste hingeben soll.

Das angehäufte Unglück ist kein Selbstzweck, und schon gar nicht ist das Buch einer Vorabendserie vergleichbar, deren Personal ja auch Katastrophen in ungeahnter Häufung erdulden muss, um pro Woche oder gar Tag die Sendezeit zu füllen. Han Malsuks Absicht ist weitaus ambitionierter: im Zyklus der Jahreszeiten - und, wenn auch weniger offenkundig, dem der Tageszeiten, der ebenfalls die Handlung strukturiert - das Verhältnis von Werden und Vergehen, von Tod und Leben zu gestalten. Mehr noch als die Überlegungen Judschins sind hier die Gedanken der Frau O bestimmend, einer buddhistischen "Erleuchteten", deren Güte und Menschenliebe dem Roman ein moralisches Fundament verleihen sollen. Kontrapunkt zu solcher Altersweisheit ist das naive und dadurch unkorrumpierbare Christentum des kleinen Jungen Sokkju, der, so will es wohl die Autorin, jedwedem rationalistischen Gehadere überlegen ist.

Bedeutende Kunst entsteht so nicht. Es ist leicht, die Schwächen des Buchs zu benennen. Zunächst ästhetisch: Unterhalb der Großform gibt es wenig an Strukturierung, die Perspektiven sind zuweilen ungenau, von den Metaphern gar nicht erst zu reden. Ideologisierungen drängen sich allzu oft in den Vordergrund: Auch als der Roman 1981 in Süd-Korea erstmals veröffentlicht wurde, wussten klügere Autoren bereits, dass Armut und Unglück nicht durch ein schlechtes Karma verursacht sind oder durch Sünden, die eine wiedergeborene Seele aus ihrer vorherigen Existenz an sich trägt - sondern durch analysierbare ökonomische, politische, patriarchale Herrschaftsmomente; entsprechender Kritik war Han Malsuk seinerzeit denn auch schon ausgesetzt. Vor allem ist, wo im Roman philosophiert und theologisiert wird, die Gedankenführung meist wenig präzise. Das mag man dadurch erklären, dass schließlich Figurenrede vorliege und eine einfache "Erleuchtete" aus dem Volk nun mal so denke: kann sein. Leider aber bringen weite Teile des Romans solche Gedanken - und keine Erzählerinstanz korrigiert sie. So bleibt uns nichts übrig, als sie zuletzt doch als Meinung der Autorin zu lesen, einer Autorin, die jenseits einer vagen Metaphysik eine klare Position meidet.

Han Malsuks Verharren im Ungefähr lässt den Roman ästhetisch scheitern, macht ihn aber gleichzeitig zu einem bemerkenswerten Dokument. Denn immerhin hatte der Roman in Südkorea Erfolg. Es wird auch viel geweint, wie in jeder koreanischen Fernsehserie. Die Hoffnung Albrecht Huwes als Autor des Nachworts, auch für westliche Leser gebe es "Identifikationsmöglichkeiten [...] über die unveränderlichen Grundsituationen, wie sie für alle Menschen gelten", dürfte dennoch kaum erfüllt werden. Liebe, Tod und Verlust sind solche Grundsituationen, mit denen aber hier und zunehmend auch in Korea ausgenüchtert umgegangen wird, fern jeder Metaphysik. Die oberflächlichen oder gar heuchlerischen unter den koreanischen Christen, im Roman kurz und abfällig als Nebensache skizziert, dürften dort typisch sein - wie im Westen vage Trends zu einem möglichst allgemein gehaltenen Glauben eher Stärkungsmittel im ökonomischen Kampf als Streben zum Ideal sind. Doch ist bemerkenswert, in mehrfacher Hinsicht, wie die Sinnsuche ausfällt.

Religiös herrscht, besonders von buddhistischer Seite, ein toleranter Synkretismus vor, den die "Erleuchtete" auch mehrfach verteidigt. Fast ist hier Jesus eine göttliche Instanz neben anderen, eine Haltung, die die Christen natürlich nicht teilen. Dabei missionieren die Christen zwar, doch auf wenig kämpferische Weise. Vor allem steckt in ihrer Kalkulation, wie man sich Gottes Zuneigung erwirbt, doch noch viel an buddhistischen Aufrechnungen von Gutem und Bösem, wie sie jedenfalls im Roman in der Philosophie der "Erleuchteten" auftauchen und so gar nicht in die Ideenwelt des Protestantismus gehören dürften.

Im Einzelnen mag der Vormarsch des Christentums in Korea durchaus konflikthafter verlaufen - der im vergangenen Jahr in deutscher Übersetzung erschienene Roman "Ulhwa, die Schamanin" von Kim Dongri zeigt exemplarisch einen Kampf zwischen schamanistischer Mutter und christlichem Sohn, der mit tödlicher Konsequenz geführt wird. Doch mag auch in einem Jahrhundert Mission bald die Hälfte der südkoreanischen Bevölkerung christlich geworden sein, mag ein Gutteil der Christen fundamentalistisch auf dem Wortlaut der Bibel beharren - im täglichen Leben zeigen sich so viele religiöse Übergangsformen, dass kein Kulturkampf die Folge ist. Das lässige Denken, das den Roman gefährdet, rettet im Alltag. Das ergibt kein Modell für gefährlichere Weltgegenden; dort haben sich religiöse Bewegungen derart mit sozialen Konflikten verbunden, dass intellektuelle Entspannung keine Lösung sein kann und stehen sich auch Offenbarungsreligionen mit ihrem Wahrheitsanspruch gegenüber. In Roman von Han lässt sich aber auch erfahren, wie es anders sein könnte.

Zum religiösen Zwischenreich tritt das soziale. Dem Leser in Deutschland mag es seltsam anmuten, dass im Nachwort Judschin als Typus der modernen, unabhängigen Frau dem überkommenen Tugendideal gegenübergestellt wird. Schließlich hat er eine Protagonistin mit geradezu erschreckenden moralischen Skrupeln kennen gelernt. Selbst als ihr Mann fast den gemeinsamen Besitz durch gewagte Spekulationen verloren hat und sie plötzlich erfährt, dass der Abstieg in den Slum droht, sucht sie nach kurzem Aufbegehren einen Teil der Schuld bei sich selbst. Trotzdem ist, verglichen mit vielen früheren Darstellungen, das Frauenbild verschoben.

Das liegt am relativen Wohlstand, und das heißt auch: an verfügbarer Zeit. Judschin hat nur zwei Kinder - die anderen weiblichen Nebenfiguren haben gar keine. Sie hat schon das Geld und die Gelegenheit, ins Café zu gehen, mit einem Verehrer zu essen. Eine Schwester studiert in Frankreich. Man ist schon da, wo das Moralgefühl statt der äußerlichen Kontrolle durch Familie oder Dorfgemeinschaft funktionieren muss - aber noch nicht da, wo tradierte Moral überhaupt wegfällt. Es scheint paradox und ist aufgrund ihrer wenngleich religiös fundierten Menschenliebe doch konsequent, wenn ausgerechnet die "Erleuchtete" das Wohlstandskind Judschin belehrt, um wie viel besser es doch koreanische Frauen von 1980 haben als die von 1950. Damit hat sie recht. Doch mit ihr begriff wohl auch die Autorin noch nicht, wie der Fortschritt auch die positiven Funktionen der Moral unterminiert.

Gerade durch solche blinde Stellen ist der Roman Dokument einer ambivalenten Modernisierung - und darin auch über Korea hinaus interessant. Manchmal ist in ihm die Rede davon, wie die Toten auf die Lebenden einwirken. Zwischen Leben und Tod sieht Han Malsuk, darin ganz in koreanischer Tradition, keine starre Grenze. Ihr Blick richtet sich auf ein metaphysisches Zwischenreich. Was im Roman aber tatsächlich sichtbar wird, ist ein historisches Zwischenreich, der Bezirk, in dem manches Alte noch gilt, sich aber bereits eine vom Göttlichen befreite Moderne abzeichnet.


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Han Malsuk: Über alle Mauern. Roman.
Übersetzt aus dem Koreanischen von Sun-Ok Schulz und Albrecht Huwe.
EOS Verlag, Ottilien 2005.
294 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-10: 3830671458

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