Bruchstücke, Fundstücke, Kleinodien

Das Gottfried Benn Jahrbuch 2003-2006

Von Carolina KapraunRSS-Newsfeed neuer Artikel von Carolina Kapraun

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Benn-Jahrbuch will "ein Forum philologischer Erhellung und ein Medium neuester Forschungsbeiträge zu Gottfried Benn, aber zudem ein Lesebuch sein," so hieß es nun schon zum zweiten Mal im Editorial dieses hervorragenden Mediums, das den Autor Benn als einen der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter, sein Werk, ebenso wie sein Leben regelmäßig in Erinnerung rufen will. Die verschiedenen feststehenden Rubriken des Jahrbuchs, "Fundstücke", "Begegnungen und Erinnerungen", "Interpretationen" oder "Sammlung und Bibliographie" bieten hier weit mehr Informationen als nötig wären, um dem eigenen Anspruch gerecht zu werden. Lesebuchcharakter erhält das Forum partiell auch durch die immer wieder eingeschobenen Gedichte - z. B. Thomas Böhmes, Jörg Bernigs und Rolf Schillings, die Eigenständiges, aber auch Adaptionen und Variationen zu Benns Lyrik liefern.

Neu geborgene und erstmals edierte Textzeugnisse privater wie auch werkbezogener Natur werfen ferner ein immer wieder neues Licht auf den so facettenreichen Autor Benn. Friedrich Wilhelms Beitrag "Gottfried Benns Briefe an den Indologen Heinrich Zimmer" etwa ist nicht nur eine bloße Textedition des noch auffindbaren Briefbestands Benns an den "[s]ehr verehrten Herrn[n] Professor", sondern beinhaltet überdies einen kurzen Kommentar, in welchem über die Bedeutung der Texte Zimmers für das Werk Benns hinaus auf die Frage eingegangen wird, welche Relevanz dem westlichen Indienbild des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts innerhalb des Benn'schen Œuvres zukommt. Wilhelms Kommentar ist besonders dann aufschlussreich, wenn er (im weitesten Sinne) über ein Parallelstellenverfahren die textuelle Manifestation des Bennschen Interesses für die fernöstliche bzw. buddhistische Kultur aufzuzeigen versucht. Ein Nachweis gelingt ihm hier etwa für den 1943 publizierten Essay "Provoziertes Leben". Dabei entgeht dem Verfasser nicht das spezifische poetische Aneignungsverfahren Benns, das die rezipierten Begriffe und Vorstellungskomplexe im Zuge einer dichterischen Einverleibung in das Werk modifiziert.

Schlaglichter auf die mitunter dem Glück geschuldete philologische Arbeit wirft das Jahrbuch etwa mit den Beiträgen Michael Sallingers, der seine Begegnung mit dem Benn-Archivar Fritz Werner schildert oder Joachim Dycks "Ein junger Lyriker als Bücherwart", der die Geschichte eines "Glücksfund[s] auf dem Dachboden", dem das bislang früheste handschriftliche Zeugnis Benns, neben "einem Brief an die Schwester und einem handgeschriebenen Katechismus [...]" zu verdanken ist - ein Lebenslauf, den Benn verfasste, um als Student im Akademischen Turnverein Marburgs aufgenommen zu werden.

Den nur als undurchsichtig und inkohärent zu bezeichnenden Menschen Benn perspektiviert im zweiten Benn-Jahrbuch unter anderem ein von Imke Gehl geführtes Interview mit Benns dritter Frau Ilse Benn von 1983, das sich hier abgedruckt findet und in welchem sie über Benn als Dichter, seine Editionen, oder auch das "Schizophrene bei Gottfried Benn" spricht, von "kleine[n] roten[n] karierte[n] Diarien, schwarze[n] Diarien ohne Linien, in die Gottfried Benn Jahre hindurch geschrieben hat. Dort sind die allerersten Stufen der Gedichte mit Kugelschreiber hineingeschrieben", dort finden sich Notizfetzen, die Benn "übers Blatt gedacht hat". Nur ein Beispiel aus dem Jahrbuch, das Benn humoristisch, prägnant, ja geradezu plastisch mit den Augen einer ihm vertrauten Person beschreibt, wie er einst gewesen sein mag.

Auch die Forschungsbeiträge leisten einen gewichtigen Teil zur Erschließung des Werks und seiner Bedeutungsdimensionen. An dem Maßstab gängiger Standards philologischer Forschung gemessen, lässt sich hier allerdings mitunter eine gewisse Heterogenität in Vorgehen und Anspruch feststellen. Beispielsweise geht Peter Lingens Beitrag "Die Absage an das Reisen bei Gottfried Benn. Ein literarisches Motiv und seine Quelle" eher unsystematisch-tentativ vor, wenn er das Reisemotiv Benns in den Vordergrund einer komparatistischen Betrachtung stellt. Als Ausgangspunkt seines Vergleichs wählt Lingens den 1880 erschienenen Roman "Niels Lyhne" von Jens Peter Jacobsen, der ebenfalls eine ausgeprägte Reise- und Bleibe-Motivik aufweist - unbestritten. Dass Benn Niels Lyhne kannte, kann belegt werden. Der Schritt von der Feststellung der Textkenntnis hin zur als stimmig konstatierten These, Benn habe das Reise-Motiv in ähnlicher Weise wie Jacobson gebraucht, ist indes an eine philologische Beweisführung geknüpft, die in Lingens Aufsatz deutlich zu kurz kommt und allzu oft durch bloße Deskription bzw. suggestive Zitatreihungen ersetzt wird. Insbesondere krankt die Darstellung an einem relativ unreflektierten Quellenbegriff. Von eher intuitiv erfassten inhaltlichen Ähnlichkeiten auf manifeste, Beeinflussung zu schließen, bleibt zumindest problematisch.

Daneben nehmen sich andere Beiträge, beispielsweise Hans Thomas Hakls "Die Adler Odins fliegen den Adlern der römischen Legion entgegen", als fundierte, gewichtige Forschungsleistung aus. Hakl versucht die geistesgeschichtlichen Schnittmengen - aber auch spezifischen Differenzen - Benns und Julius Evolas zu fokussieren; Evolas Vorstellungen vom "Organischen Staat", "sein Drang nach Überwindung und Überhöhung der menschlichen Existenzweise und seine Ausrichtung nach überzeitlichen, transzendenten Prinzipien", die "radikale Gegnerschaft zur modernen Welt, zu Positivismus und Fortschrittsglauben", die Höherbewertung des Mythos gegenüber der Geschichte, sein "zyklisches Denken" etwa werden als plausible Interpretationsfolien einer Benn-Lektüre fruchtbar gemacht. Ferner versucht er ideologiekritisch Benns politische Haltung zu hinterfragen, auf die er gerade Anfang der 30er Jahre einen maßgeblichen Einfluss von Evola ausstrahlen sieht. Benns "grundsätzliche Wendung [...] vom Nationalen zum Übernationalen, vom 'Staat' zum 'Imperium'" - so seine These - sei einer anthropologischen Geisteshaltung verpflichtet gewesen und weniger dezidiert politisch orientiert.

Besondere Hervorhebung verdient die als nunmehr fester Bestandteil des Benn-Jahrbuchs integrierte Gottfried-Benn-Bibliografie, die auf Neuerscheinungen zum Autor aufmerksam macht, die jeweils im "Vorvorjahr" - in diesem Falle also 2002 - erschienen sind.

Wahrlich, ein Lesebuch, ein Editionsforum unbekannter Briefe und Lebenszeugnisse sowie ein Ort der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem komplexen Werk eines Dichters, der nicht vergessen werden sollte. Eine vielstimmige, vielschichtige Annäherung - eine Begegnung mit dem Dichter und dem Menschen Benn.


Titelbild

Joachim Dyck / Holger Hof / Peter Krause (Hg.): Benn-Jahrbuch Band 1/2003.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2003.
263 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-10: 3608936114

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Joachim Dyck / Peter Krause / Holger Hof (Hg.): Benn-Jahrbuch Band 2/2004.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2004.
237 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-10: 3608936122

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