Durchatmen in Dalmatien

Poetische Fundstücke aus einer längst vergangen Zeit: In immer neuen Anläufen erinnerte sich Konstantin Biebl an seinen Freund Jirí Wolker

Von Volker StrebelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Volker Strebel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die 1920er Jahre waren für die tschechische Literatur glückliche Jahre. Im Oktober 1918 war die unabhängige tschechoslowakische Republik unter der Führung des geachteten Professorenpräsidenten Tomáš G. Masaryk ausgerufen worden, und selbstbewusste künstlerische Avantgardisten wie zum Beispiel die Künstlergruppe "Devetsíl" entwickelten ihre Konzepte. Mit dem "Poetismus" war es gelungen, eine eigenständige literarische Formation auf europäischem Niveau zu entfalten. Hoffnungsvolle junge Talente begeisterten ihr Publikum mit neuen Versen voller Zauber und vitalistischer Bildkraft. Und doch gab es auch verstecktes Grauen - und wie im richtigen Leben war das Wesen der Idylle von ihrer ständigen Bedrohung definiert. Als 1922 die beiden Dichterfreunde Jirí Wolker (1900 - 1924) und Konstantin Biebl (1898 - 1951) ihre Ferien an der Küste Dalmatiens verbrachten, trug Jirí Wolker bereits seine unheilbare Tuberkuloseerkrankung in sich. Dalmatien barg die Hoffnung, dass die Meeresluft wohltuend auf seine angegriffenen Lungen wirke.

In der vorliegenden Ausgabe sind drei Texte von Konstantin Biebl gesammelt, die sich seinem Freund Jirí Wolker widmen: "In Memoriam Jirí Wolker" (1924), "Zum Jahrestag von Wolkers Tod" (1925) und "Über Jirí Wolker" (1933).

Den Ausgangspunkt des dalmatinischen Aufenthalts nahm die Villa der Frau Dorcic ein. Dort hatten die beiden Dichterfreunde ihr Quartier aufgeschlagen. Die Freunde erlebten den Pfad zum Meer jedes Mal als eine spannende Angelegenheit: "Bei jedem Schritt erbebt irgendwo in der Sonne eine zusammengeringelte Schlange wie eine Uhrfeder. Grüne Eidechsen liegen auf den Steinen; du könntest meinen, eine smaragdene Spange für langes Mädchenhaar". Umgeben von diesen exotischen Metaphern fühlten sich die jungen tschechischen Dichter durchaus wohl. "Frau Dorcic liebte Wolker", schreibt Biebl, aber Biebl liebte Fräulein Karglová, die sich wiederum über die Eidechsen ärgerte, die ihr beim Weg zum Meer über die Füße strichen. Und "hinter ihr ging Wolker, Jirí Wolker, der die ganze Welt liebte" - traumverloren verlegte er zum Ärger Konstantin Biebls das seinerzeit entscheidende Buch "Alcools" von Guillaume Apollinaire "am Meeresufer, halb verweht von Sand und Jirí Wolkers Trauer". "Alcools" wirkte auf eine ganze Reihe junger tschechischer Autoren in den 1920er Jahren prägend und trug nicht unwesentlich zur avantgardistischen Dichtung bei. Prag lag damals näher an Paris als zum Beispiel an Berlin oder auch Wien.

Biebls Prosa ist atmosphärisch dicht und genau in der unmittelbaren Beobachtung. Den unstillbaren Lebenshunger des jungen Jirí Wolker beobachtet Biebl bereits während der Zugfahrt nach Dalmatien: "Noch in der Nacht, das Gesicht an das kühle Glas gedrückt, verschlang er Tonnen von Dunkelheit und von Lichtern ferner Städte". Sowohl Jirí Wolker als auch Biebls Freundin, die er in Dalmatien kennengelernt hatte, waren bald nach diesem Urlaub der tückischen Tuberkuloseerkrankung erlegen. Somit ist auch das bittere Resümee Konstantin Biebls verständlich: "Apollinaire starb an Grippe. Wie sehr wir diese Krankheit gehaßt haben. Heuer, teurer Jirí, hasse, hasse ich zwei Krankheiten". Der Tod dieser beiden ihm sehr nahen Menschen hatte Konstantin Biebl sehr erschüttert.

Aber auch auf Konstantin Biebl wartete ein bitteres Schicksal. Angesichts der stalinistischen Schrecken in seiner Heimat wählte er 1951 den Freitod.

Der Kleinverleger Peter Ludewig, der auch mit Übersetzungen aus dem Tschechischen hervorgetreten ist, hat es sich zur Aufgabe gemacht, tschechische Kleinode einem interessierten Publikum nahezubringen. Die limitierten Ausgaben zeichnen sich durch liebevolle Aufbereitung und nicht zuletzt durch einen sorgsamen Bleidruck aus. Auch dieses Heft ist mit einem Frontispiz sowie einer Vignette versehen. Gerade von Konstantin Biebl hat der Verlag Peter Ludewig im Laufe der vergangenen Jahre immer wieder Texte in gewohnt vorzüglicher Übersetzung von Karl-Heinz Jähn veröffentlicht, was ihm in Kennerkreisen den Titel "Deutsche Biebl-Gesellschaft" eingetragen hat. Auf weitere Überraschungen darf man gespannt sein!


Titelbild

Konstantin Biebl: Wolker.
Übersetzt aus dem Tschechischen von Karl-Heinz Jähn.
Verlag Peter Ludewig, München 2006.
16 Seiten, 13,50 EUR.
ISBN-10: 398105721X

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