"Und nichts passierte"

Jens Wonnebergers Roman "Infarkt"

Von Friedhelm RathjenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Friedhelm Rathjen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wenn es einen Schlüssel zur literarischen Moderne gibt, dann ist es die Erzählperspektive, und einer der wirkungsvollsten Tricks, die uns die Moderne beschert hat, ist der erzählerische Monolog. Aber die literarische Moderne, o je, ist inzwischen hundert Jahre alt, und so lang kann kaum etwas überleben, schon gar nicht auf der Bühne der Literatur. Ziehen wir, die wir besagter LitMod nachtrauern, uns also in unsere Einzelleserhöhlen zurück und jammern still und heimlich vor uns hin! Oder?

Die unheldischen Helden von Jens Wonnebergers Roman "Infarkt", immerhin vier an der Zahl, jammern aus anderen Gründen, und durchaus auch still und heimlich. Michalke schreibt an seiner Diplomarbeit "Zum subjektiven Unterstützungserleben in sozialen Netzwerken delinquenter junger Menschen", aber er schreibt nicht wirklich, sondern wirft nur tagtäglich seinen PC an, schaut in den leeren Bildschirm und schaltet ihn wieder aus, weil ihm nichts einfällt; statt dessen verbringt er die Tage damit, seine Sanduhr anzustarren und sich selbst eine Gelassenheit vorzuspielen, die nach Schweiß riecht. Grundmann war einmal Major und hat Rekruten zusammengebrüllt, und zwar nie lauter als in jenen vielen Augenblicken, da er das Gefühl hatte, heimlich ausgelacht zu werden - aber jetzt ist er nur noch Wachmann in einem Supermarkt und soll Ladendiebe vom Klauen jener Schnapsflaschen abhalten, die er selbst gern leeren würde. Sabine Schwarzer steht im selben Supermarkt hinter der Käsetheke und versucht, "unbehelligt" zu bleiben von allem, was ihr die öde Leere ihres Lebens bewusst machen könnte - und das kann eigentlich alles. Alex schließlich, der Vierte im Nichtbunde, hockt mit seinem Hund und mehreren Punkkumpanen den bösen langen Tag vor dem Supermarkt auf dem Fußweg, findet alles mögliche "übelst geil" und wartet auf Dinge, die nie passieren. Das ist alles, beinahe.

"Wie hatte das normale Leben denn auszusehen?" Normaler als die vier Leben, die wir hier einen Tag lang verfolgen dürfen, geht es kaum, und doch ist kaum zu übersehen, dass das alles weder ein Leben noch irgendwie normal ist. Jeder der vier sieht auf seine Weise zu, dass er alleine zurechtkommt, alle fürchten sie sich vor dem Umgang mit jenen anderen Menschen, nach denen sie sich insgeheim sehnen. "Und nichts passierte, es passierte einfach nichts." Das ist ganz fürchterlich - noch fürchterlicher ist nur der Gedanke daran, dass doch einmal etwas passieren könnte. Alle vier haben sich deswegen Strategien ausgedacht, ihre Enttäuschungen und ihre Ängste gegeneinander in Stellung zu bringen und gegenseitig in Schach zu halten. Das kann man mit Aufrechnungen versuchen, wie Frau Schwarzer sie anstellt: "das Fehlen von Höhepunkten sah sie durch das Ausbleiben von Tiefschlägen wettgemacht". Oder mit einer fortwährenden Rechtfertigung der Selbstisolation, wie Grundmann sie auf den Punkt bringt: "Fremde Menschen hatten ihm immer Angst gemacht. Für ihn gab es nur fremde Menschen." Michalke geht noch einen Schritt weiter, er will einer sein, der nie etwas mit irgendwem gemein hat - und fällt ihm (leider viel zu oft) doch eine Gemeinsamkeit mit anderen auf, muss er halt die Flucht ergreifen: "Michalke ging weiter und wußte nicht, warum." Am schwersten hat es Alex, weil der es nicht versteht, so klar zu denken wie die drei anderen, und sich mit Unschärfen behelfen muss - zwar beteuert er, "er sei ganz gern allein", weiß jedoch auch: "Es war keine Lüge, aber auch nur die halbe Wahrheit."

Jens Wonneberger, Jahrgang 1960, ist kein Kind, sondern bestenfalls ein Enkel der Moderne; freilich ist er sich seiner Ahnen außerordentlich bewusst. Die Perspektivik ist der Schlüssel auch seines Romans, und wenn wir uns immer schon gefragt haben sollten, warum denn nicht alle Erzähler nur noch Monologe schreiben, dann finden wir eine Antwort in "Infarkt". Wo vier Figuren gleichberechtigt nebeneinander in einem Roman agieren und sich dann auch noch zueinander verhalten sollen (im Kopf mehr als in Wort und Tat), da könnten Ich-Monologe nur gekünstelt wirken - oder aber sie würden den Roman zerfallen lassen. Wonneberger hingegen will die Weltdetails und die unverbundenen Perspektiven zueinander bringen, und dafür braucht er die Er-Erzählrede. Zwar leiht er sich von seinen vier Figuren neben den Perspektiven auch die Sprech- und Denkweisen aus, lässt uns vermittels des erzählerischen Kunstgriffs der erlebten Rede an allem teilhaben, was die Figuren innerlich bewegt und äußerlich in der Starre hält; er verknetet die Binnenrede der Figuren aber mit pointierten Kommentaren, die die Befindlichkeiten dieser Figuren analysieren, ohne sie freilich irgendwelchen Abstraktionen preiszugeben. Als Leser wissen wir, was die Figuren beschäftigt, im Gegensatz zu ihnen selbst wissen wir aber auch, warum es sie beschäftigt.

Und im Gegensatz zu den Figuren wissen wir, dass sie einander beständig falsch einschätzen und sich gleichzeitig aufeinander zubewegen. In der Eingangsszene sieht der joggende Michalke, der kein Jogger sein will, unwillkürlich zu einem Fenster hinauf und ist froh, dass der Mann hinter dem Fenster "ihn nicht bemerkt" hat - dass der ihn aber sehr wohl gesehen hat, erfahren wir im nächsten Abschnitt aus Grundmanns Perspektive. Frau Schwarzer wiederum hält Michalke, als sie ihn sieht, für einen "dieser jungen, selbstsicheren, neunmalklugen Theoretiker, die für alles eine Lösung zu haben glauben" - aber selbstsicher ist überhaupt niemand in diesem Roman, sicher ist sich jeder nur in seinem Urteil über die anderen.

"Das Leben konnte so einfach sein" - ist es aber nicht. Das einfache Leben, das Jens Wonneberger auf unerhört präzise, sprachlich und formal gewitzte Weise einfängt, ist so kompliziert, weil es statisch ist. Es geschieht im eigentlichen Sinne nichts; freilich wird dieses Nichts für den, der ihm Tag für Tag ausgesetzt ist, unmerklich zum Horrortrip. Jens Wonneberger hat Mitleid mit seinen Figuren, denn statt sie weiter aneinander vorbeilaufen zu lassen, versammelt er sie am Ende von "Infarkt" zum titelgebenden Showdown am Schnapsregal. Als Element der Handlung kommt dieser Showdown in Wonnebergers Roman nicht unbedingt überraschend, denn der Autor weiß, wie man so etwas virtuos und gleichzeitig unaufdringlich vorbereitet - überraschend aber ist, wie er die Schlusssequenz formal und ästhetisch handhabt. Wo sich nie etwas zu bewegen schien, bewegt sich plötzlich alles, und ebenso plötzlich kommt (wenn auch nur kurz) eine neue, eine fünfte Perspektive ins Spiel. Die ein Weilchen zuvor von Alex verspürte "ängstliche Gewißheit, daß bald alles vorbei sein würde", wird von Wonneberger auf punktgenaue Weise ins Ziel geführt, und das mit einer unauffälligen Meisterschaft, vor der man nur den Hut ziehen kann.

Solange es Erzähler wie Jens Wonneberger gibt, die schlichte Geschichten auf ästhetisch ganz und gar nicht simple Weise erzählen können, gibt es doch noch keinen Grund, sich zu vergraben und zu jammern - jedenfalls nicht für Leser.


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Jens Wonneberger: Infarkt.
Steidl Verlag, Göttingen 2004.
126 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-10: 3882439831

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