Die Rezeption der russischen Künste im Expressionismus

Melanie Dannhorn hat die Darstellung Russlands in den Zeitschriften „Der Sturm“ und „Die Aktion“ in Hinblick auf „Das eigene Fremde“ erforscht

Von Wilfried IhrigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Wilfried Ihrig

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Rezeption der modernen russischen Literatur und Kunst in Deutschland wird erst seit wenigen Jahrzehnten erforscht. Wie Fritz Mierau in Russen in Berlin (1986) schrieb, war keine Stadt außerhalb Russlands wichtiger für Russland als das Berlin der zwanziger Jahre, auch die Forschung gilt meist der Rezeption in Berlin. Den Anfang bildeten Materialsammlungen, der Band von Mierau noch in der DDR, nach deren Ende wurden Ausstellungen mit dem Thema Berlin und Moskau veranstaltet. Es entstand eine kontinuierliche Forschung, die nicht nur Materialien sammelt. Inzwischen gibt es Monographien, zu erwähnen Alexandra Ramm-Pfemfert (2003) von Julijana Ranc, eine Biographie der russischen Frau von Franz Pfemfert, und Herwarth Walden und die russische, weißrussische und ukrainische Avantgarde (2020) von Karla Bilang.

Melanie Dannhorn hat ein Buch über die Rezeption der russischen Literatur und Kunst in den expressionistischen Zeitschriften Der Sturm (1910 – 1932) und Die Aktion (1911 – 1932) vorgelegt, den wichtigsten Zeitschriften des Expressionismus. Beide wurden in Berlin ediert, Der Sturm von Herwarth Walden, Die Aktion von Franz Pfemfert.

Das Buch ist klar strukturiert. In der Einleitung skizziert die Autorin den Forschungsstand zum Begriff der künstlerisch-literarischen Avantgarde, der sie, wie seit einiger Zeit üblich, auch den Expressionismus mit den untersuchten Zeitschriften zuordnet, die in den folgenden Kapiteln untersucht werden. Die Einleitung endet mit einer Darstellung der Rezeption ‚Russlands‘ in Deutschland. Erst in Schlussbetrachtungen werden die Zeitschriften verglichen.

Die Rezeption in den zwei Zeitschriften wird separat behandelt, erst in Der Sturm, danach in Die Aktion. Am Anfang jedes Kapitels werden die Redakteure mit biographischen Bezügen zu Russland vorgestellt, Herwarth Walden für den Sturm, Franz Pfemfert, mit Alexandra Ramm, für die Aktion. Die folgenden Unterkapitel sind chronologisch, sie behandeln die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die Kriegszeit, dann für jede Zeitschrift unterschiedliche Phasen. Die Oktoberrevolution prägte beide Zeitschriften, ab etwa 1920 entwickelten sie sich unterschiedlich. Der Teil über den Sturm endet mit Waldens Emigration 1932 nach Moskau, der Teil über die Aktion mit Pfemferts Wechsel von der künstlerischen zur politischen Avantgarde.

Der Sturm: Eine Rezeptionsgeschichte ‚Russlands‘, das erste der zwei monographischen Kapitel, zeigt Waldens Kenntnis der russischen Literatur vor Gründung des Sturm, stellt aber fest, dass erst der Kontakt mit Kandinsky 1912 eine direkte Beziehung zur russischen Kultur hergestellt hat. Kandinsky wurde für Walden der wichtigste Repräsentant der russischen Kunst, viele andere kamen hinzu, von Archipenko, Chagall und Javlenskij bis zu Malevič und Lisickij. Damit standen von Anfang an Künstler der Moderne für die russische Kunst.

Die Autorin scheut sich nicht, darzustellen, wie Walden während des Kriegs, als geheimer Beauftragter der deutschen Regierung, internationale Ausstellungen organisiert und den Sturm populär gemacht hat. Nach der Oktoberrevolution wurde der Sturm politisch, wandte sich auch verstärkt dem russischen Theater und Film zu, bevor in der letzten Phase (1927 – 1932) die Zeitschrift nur noch selten erschien. In dieser Phase reiste Walden durch die Sowjetunion, er schrieb Reiseberichte und literarische Texte. Das Thema nahm für ihn an Bedeutung zu, während die Zeitschrift unbedeutend wurde.

Die russische Literatur war im Sturm zunächst durch Dostoevskij und Tolstoj vertreten. Daran hat sich im Lauf der Jahre wenig geändert, obwohl zeitgenössische Autoren hinzukamen. Erst 1925 wurde mit Grigorij Petnikov (1894 – 1971) ein avantgardistischer russischer Schriftsteller vorgestellt, der einzige, dessen Poetik mit der Wortkunst des Sturm konkurrieren konnte.

Die Aktion: Eine andere Rezeptionsgeschichte ‚Russlands‘, das zweite monographische Kapitel, berichtet zunächst, wer mit Alexandra Ramm, die im Gegensatz zu Walden und Pfemfert russisch sprach, die Auswahl der russischen Autoren vorgenommen hat. Während des Weltkriegs, den Pfemfert scharf kritisierte, erschien ein Themenheft Russland, eine wenig spektakuläre, aber bemerkenswerte Würdigung des Kriegsgegners. Danach wurde die Sowjetunion, zunächst stärker als für den Sturm, das revolutionäre Vorbild. Im Verlag Die Aktion wurden Bücher von Lenin, Lunačarskij und anderen publiziert, in der Zeitschrift selbst traten fast nur Majakovskij als Lyriker der Revolution und Lunačarskij, der Begründer des sowjetischen Proletkults, kurzzeitig in Erscheinung. Nach dem Unterkapitel über die revolutionäre Phase, die bis 1921 dauerte, läßt die Autorin, außerhalb der Chronologie, ein Kapitel über Tolstoj und Dostoevskij folgen, bevor das letzte Unterkapitel die allmähliche Loslösung Pfemferts von den Künsten und der offiziellen kommunistischen Politik darstellt.

Es wirkt ernüchternd, dass ein revolutionärer Lyriker wie Majakovskij im Sturm nicht, in der Aktion nur wenig vertreten war. Damit deutet sich ein grundlegendes Problem an. Walden und Pfemfert waren nahezu gänzlich auf Werke von Emigranten angewiesen, versuchten aber, ‚Russland‘ zu rezipieren. Was sie anzubieten hatten, war weder in der Zeit des Zarismus noch in der Zeit nach der Oktoberrevolution für ‚Russland‘, wie es tatsächlich war, repräsentativ. Die Künstler waren überwiegend Emigranten, die Autoren vorexpressionistisch. Majakovskij und Petnikov blieben selten gedruckte Ausnahmen. Chlebnikov, Daniil Charms und andere zeitgenössische Autoren der literarischen russischen Avantgarde findet man in beiden Zeitschriften nicht, sie wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland rezipiert.

In der Einleitung wird auf den Begriff ‚russische Avantgarde‘ verzichtet, den der Leser vielleicht erwartet hätte. Die im Sturm vertretenen Künstler werden in der Forschung als modern, manchmal auch avantgardistisch bezeichnet, die russischen Autoren beider Zeitschriften waren fast alle, wie Dostoevskij und Tolstoj, nicht avantgardistisch. Die russische Literatur war in beiden Zeitschriften selten avancierter als der deutsche Expressionismus, mit Ausnahme der Gedichte von Petnikov auch nicht der Wortkunst des Sturm vergleichbar. Ein Grund war vermutlich, banal, dass es sprachliche Gebilde schwerer haben als die Malerei, nationale Grenzen zu überschreiten, aber es dürften auch andere Gründe mitgewirkt haben, nicht zuletzt die Tatsache, dass für Walden als Kunsthändler die Werke der emigrierten Künstler gut zu vermarkten waren.

Die Begegnung von Walden und Kandinsky, der mit Franz Marc den Almanach Der blaue Reiter (1912) herausgegeben hatte, war bahnbrechend. Der Almanach bestand überwiegend aus Werken russischer Autoren, danach wurde Walden der damals vermutlich wichtigste Vermittler der avancierten russischen Kunst in Deutschland. Die künstlerische russische Avantgarde war nur im Sturm vertreten. In der Aktion wurden russische Künstler, wie auch der Proletkult, nur gelegentlich erwähnt, ihre Werke wurden anscheinend nie abgebildet, expressionistische Graphiken mit russischen Motiven nur selten, zum Beispiel Porträts von Dostoevskij. Der bedeutendste Theoretiker der avantgardistischen Kunst unter Pfemferts Mitarbeitern, Carl Einstein, schrieb in der Aktion nicht über russische Künstler.

Die Autorin hat ausgewählte Gedichte abgedruckt, aus dem Sturm die Venus von Archipenko von Erich Arendt und zwei Gedichte von Blaise Cendrars über Chagall, aus der Aktion zum Beispiel Dostojewski von Alfred Wolfenstein, aus dem Themenheft Die Russin von Theodor Däubler. Damit wird deutlich, wie nah der Sturm der künstlerischen russischen Avantgarde war, während die Aktion, außer in der kurzen Phase nach der Revolution, die klassische Moderne der russischen Literatur und Klischees von der russischen Frau bevorzugte.

Das Buch überzeugt als systematische Darstellung des schwierigen, bisher nicht erforschten Themas, die Fülle der Informationen ist auch für Kenner von Interesse. Die Rezeption der russischen Literatur durch die ausgewählten Zeitschriften erweist sich, mit wenigen Ausnahmen, als zeittypisch, nicht etwa charakteristisch nur für den Expressionismus, die Rezeption der künstlerischen russischen Avantgarde durch Walden als wegweisend.

Titelbild

Melanie Dannhorn: Das eigene Fremde. Russland in den expressionistischen Zeitschriften Der Sturm und Die Aktion (1910–1932).
Brill | Fink, Paderborn 2023.
XII, 426 Seiten, 99,00 EUR.
ISBN-13: 9783770568031

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