„Es gibt keinen, der am Ende durch den Klimawandel nicht verliert“

Ein Gespräch mit Margret Boysen, Künstlerische Leiterin des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, über den Klimawandel und die Verantwortung der Literatur

Von Mario WiesmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mario Wiesmann

 

Was halten Sie von Jonathan Franzens Behauptung, dass die Klimakatastrophe unabwendbar ist?

Franzen glaubt, dass die Klimakatastrophe zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt einsetzt, nämlich wenn der Anteil an Treibhausgasen in der Atmosphäre so angestiegen ist, dass daraus eine mittlere Erderwärmung von 2 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau resultiert. In der Tat fordert die wissenschaftliche Community seit langem, die Erderwärmung auf 2, sogar auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Aber die Crux ist hier das Wort “Katastrophe”. Ich erkläre das: Die Erde hat sich gegenüber dem vorindustriellen Niveau schon um etwa 1,6 Grad erwärmt – und dies hat in vielen Regionen bereits als katastrophal zu bezeichnende Folgen: Waldsterben, Dürresommer, Überflutungen, heftigere Wirbelstürme, Eisschmelze und Schlammlawinen, Gefährdung der Trinkwasserversorgung usw.

Dummerweise heißt das nicht, dass es nicht noch schlimmer wird, also die Erde mehr oder weniger flächendeckend in den Würgegriff des Klimawandels gerät, wenn man allein auf Anpassung statt auf Vermeidung von C02-Emissionen setzt. Franzens Schlussfolgerung, kein Geld in Emissionsminderung, sondern direkt in den Katastrophenschutz zu stecken, wäre daher fatal. So betrachtet, würde sein Vorschlag in einer Selffulfilling Prophecy enden. Hält man eine fortschreitende Erwärmung für unvermeidbar, wird sie es auch sein. Es lohnt sich jedoch, auch ökonomisch gesehen, gegen jedes Zehntelgrad Temperaturanstieg zu kämpfen.

Kann das nicht auch eine Gefahr sein, wenn Autor*innen wie Jonathan Franzen sich mit einer gewissen Autorität in Debatten einmischen, in denen es doch nicht um Meinungen, sondern um Fakten gehen sollte?

Die meisten Menschen werden noch nie etwas von Jonathan Franzen gehört haben. Im Grunde genommen ist er nur ein privilegierter Eskapist, der sich in eine Debatte von Fachleuten einmischt. Allerdings spiegelt er, zumindest in Deutschland, eine weitverbreitete Annahme wider, die wirklich problematisch ist: Eine Mehrzahl der Menschen hierzulande glaubt, man könne die Erderwärmung ohnehin nicht mehr aufhalten. Ich habe eben erklärt, warum das so nicht stimmt. Wer sich gut informiert, wird auch nicht zu so einem fatalen Fehlschluss kommen.

2016 haben Sie mit Alice, der Klimawandel und die Katze Zeta selbst einen Roman über den Klimawandel geschrieben. Der ist an Lewis Carrolls Alice im Wunderland angelehnt und spielt in Computersimulationen von Klimaforschern. Brauchen wir so einen verfremdeten Blick auf unsere Welt, um zu erkennen, was in der Klimapolitik falsch läuft und was wir vielleicht auch persönlich falsch machen?

Nein. Spätestens seit der Bewegung Fridays for Future 2019 kann man sich hierzulande sehr einfach über die Erderwärmung informieren. In meinem Buch verzichte ich darauf, persönliches Schuldgefühl als Triebfeder für das eigene Handeln anzusprechen. Es ist eher eine Illustration, wie sich Empathie entwickeln kann. Gleichzeitig ist es vielleicht das unterhaltsamste Buch, das bisher zum Klimawandel geschrieben wurde. Nebenbei ermächtigt es den Leser, die für das Klima wichtigen Zusammenhänge zu verstehen.

Climate Fiction ist in der deutschsprachigen Literaturwissenschaft bisher noch ein Fremdwort. Woran könnte das liegen?

Ich befürchte, Deutschland hatte nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs nicht nur ein Problem in der Wissenschaft, sondern auch in der Literatur; auch sie muss über jeden Ideologiervedacht erhaben sein. Das hat den Kulturbetrieb apolitisch werden lassen. Ich nehme an, das ist kein persönliches, eher ein strukturelles Problem. Gesteuert vermutlich durch die Kritik, die Jurys… Ich lasse die Rolle des Lesers mal bewusst außen vor, die greift natürlich auch.

Es gehört seit Jahrzehnten zum Selbstverständnis fast jeden Künstlers, dass er sich nicht instrumentalisieren lässt, und er hinterfragt nicht, was sich doch so richtig anhört angesichts der deutschen Vergangenheit. Wir müssen aber nach vorne schauen – da liegen Probleme, die andere Antworten brauchen. Verantwortung übernehmen ist nicht gleichzusetzen mit Instrumentalisierung.

Sie sind Künstlerische Leiterin des PIK. Was hat Klimafolgenforschung überhaupt mit Kunst zu tun?

Wenn Sie ein Menschheitsproblem haben, das so bestürzend wie die Erderwärmung ist, dann hat alles mit diesem Problem zu tun – egal, welchen Bereich Sie betrachten. Vielleicht wollten wir damals, als wir uns speziell den Künstlern zuwandten, eigentlich die große Frage nach der Verantwortung stellen, die im Bereich der Kunst auf so auffällige Weise unbeantwortet geblieben ist.

Zu den „Artists in Residence“, die in den letzten Jahren am PIK zu Gast waren, gehören ja illustre Namen wie Lars Gustafsson. Welche Früchte haben diese Aufenthalte getragen?

Gustafsson kam mit einigen Vorurteilen über die Klimaforschung zu uns, die er in gemeinsamen Diskussionsveranstaltungen revidierte. Er war im Herbst 2012 zu Gast und arbeitete an seinem Buch Der optische Telegraf, das zwei Jahre nach seinem Tod erschien. Von Sjón weiß ich, dass er eine Art Rolle als Botschafter der wissenschaftlichen Vernunft annahm, nachdem er bei uns zu Gast war.

Brauchen wir mehr Austausch zwischen Wissenschaftler*innen und Künstler*innen?

Die ganze Welt braucht mehr Austausch mit der Wissenschaft. Ob wir ihrer Expertise folgen, wird über Wohl und Weh der Menschheit entscheiden. Idealerweise gäbe es eine Balance zwischen Verantwortung in der Wissenschaft, die jedoch ethische Maßstäbe einhalten und auf diese überprüft werden müsste, und der Politik, die verpflichtet sein müsste, gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse in ihren Entscheidungen zu berücksichtigen. Dies institutionell zu verankern, wäre sicherlich eine Herausforderung. Sie fängt bei Gesetzgebung und Bildung an und erfordert die absolute Emanzipation von jeglicher Korruptheit.

Dazu gehört auch die Selbstkorruption: Sich eine Absolution zum Nichtstun erteilen, weil es eh zu spät sei. Das muss nicht böse gemeint sein, es kann unbewusst geschehen, und ist trotzdem fatal. Entweder besticht man sich selbst mit dem Lohn der Gemütsruhe, wenn man den Klimawandel verdrängt, oder man glaubt, man könne trotz Klimawandel noch seine Schäfchen oder Vögelchen ins Trockene bringen. Doch wenn die Selffulfilling Prophecy greift, werden beide Vergünstigungen sich in Staub auflösen. Es gibt keinen, der am Ende durch den Klimawandel nicht verliert, ausgenommen das Weltall und die Steine.