Leben in einer Diktatur

Dan Ivan erzählt in „Meile 23“ eindringlich, aber auch voller Witz vom Donaudelta im Rumänien der 1980er-Jahre

Von Manfred RothRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Roth

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Obwohl Rumänien bereits seit knapp 20 Jahren Mitglied der EU ist, bleibt es für viele Deutsche ein Land an den Rändern. Filmfreunden ist vielleicht der Name Radu Jude ein Begriff, Literaturinteressierte kennen Mircea Cărtărescu, bei den Karpaten denkt man womöglich an Bären und Dracula und beim Donaudelta an Naturdokumentationen in den dritten Programmen. Abseits westlicher Klischees stellt der gelernte Arzt und Autor Dan Ivan in seinem Buch Meile 23 einen kleinen Ort im Donaudelta Mitte der 1980er Jahre in den Mittelpunkt seines Erzählens. 

Bei Meile 23 fallen Ich-Erzähler und Autor zusammen. Auch wenn sich natürlich im Detail nicht prüfen lässt, was biografisch stimmt, verleiht diese Authentizitätskonstruktion dem Erzählten zusätzliche Glaubwürdigkeit. Der Text wird nicht als Fiktion markiert, es handelt sich im Untertitel um „Geschichten“ aus dem Donaudelta. Für ihre Wahrhaftigkeit - wie auch für die Wahrhaftigkiet von Literatur allgemein - spielt aber der Wahrheitsgehalt der Handlung sowieso eine eher untergeordnete Rolle.

Der frisch gebackene Mediziner Dan Ivan wird in das kleine Dorf Meile 23 im rumänischen Donaudelta versetzt und versucht dort, wo es selten Strom, kein fließend Wasser und nur unzureichende chirurgische Ausrüstung gibt, seiner Arbeit als Arzt nachzugehen. Mal als Held – öfter jedoch als Antiheld – stellt er sich den Widrigkeiten des Lebens in einem autoritären Staat, oft durchaus heiter, dann wieder ernüchtert, zornig oder gar resigniert. Gleich zu Beginn findet sich eine erste Selbstcharakterisierung:

Niemals verloren hatte ich bei allem jedoch den Wunsch zu heilen. Womit auch immer und wie auch immer – und sei es durch Wunder, wenn ich gekonnt hätte. Tatsächlich, am liebsten durch Wunder!

Im Buch wie im Leben allerdings lassen Wunder oft auf sich warten. Der Erzähler muss sich der Realität fügen, in der er als Arzt manchmal Menschen helfen kann und manchmal auch nicht. 

Wo die Wunder ausbleiben, sind Humor und Erfindungsreichtum vielleicht die wichtigsten Mittel, um mit staatlicher Willkür zurechtzukommen. Viele kleine Anekdoten und Erzählungen fügen sich in Meile 23 zu einem Gesellschaftsportrait, einer Mentalitätsschilderung und einem Sittenbild zusammen: einerseits die Großzügigkeit und Warmherzigkeit der Menschen, gleichzeitig aber Denunziantentum und Streben nach dem eigenen Vorteil. Armut, Mangel, Alkoholismus und die daraus resultierende Verantwortungslosigkeit, staatliche Korruption, der Handel mit Naturalien, Beamtenapparate, die aus Angst vor Vergeltung den autoritären Führer Nicolae Ceaușescu über einen Choleraausbruch im Dunklen lassen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Als ließen sich Missstände beseitigen, indem man die Überbringer schlechter Nachrichten köpft. Auch das typisch für Autokratien. 

Der Alltag in dem ärmlichen Dorf Meile 23, aber auch die Zeit nach der Versetzung Ivans in den Ort Crișan, wo bedeutend bessere Arbeitsbedingungen herrschen. Dort ist das Leben öfter von Leichtigkeit und Unbekümmertheit geprägt, sodass fast wie um die Balance zwischen Tragischem und Komischem zu halten, die geschilderten Ereignisse in der Zeit springen. Tod und Leid, ausgelöst vor allem durch politische Misswirtschaft, etwa einer verfehlten Familien- und Gesundheitspolitik, werden so abgelöst von Feiern und Schelmenstücken. 

Meile 23 steckt auch voller historischer Exkurse, etwa über die Verfolgung der Armenier durch die Moskowiten, oder Ivan spannt einen Bogen von der Besiedlung des Donaudeltas durch Ukrainer über den „Panzerkreuzer Potemkin“ zum Ursprung Potemkinscher Dörfer, die er an die jüngere rumänische Vergangenheit etwa zur Zeit der Handlung rückbindet, sodass ein Beziehungsgeflecht verschiedener ineinander geschachtelter historischer Ebenen entsteht. Er erzählt von der Wirtschaftspolitik Ceaușescus, der als „selbst ernannte[r] Held der Nation“ Rumänien Ende der 1970er-Jahre in den IWF bringt, wo er einen Kredit mit für das Land zu hohen Zinsen aufnimmt, sodass Rumänien 1982 zahlungsunfähig wird. Er berichtet über die Katastrophe von Tschernobyl 1986 und wie die Bevölkerung durch die Verteilung von Jod-Tabletten in Sicherheit gewiegt werden sollte, oder von einem Dioxin-Skandal, der sogar bis nach dem Zusammenbruch des Ceaușescu-Regimes fortwirkt. 

Seine literarischen Qualitäten entwickelt Meile 23 vor allem im Umgang mit Sprache. Der Text ist durchsetzt mit rumänischen Begriffen, die in Fußnoten erläutert werden. Allerdings hat sich hier ab etwa der Hälfte des Buches leider ein Fehler eingeschlichen, sodass Ziffer und Anmerkung auf den Seiten nicht mehr übereinstimmen. Abkürzungen, Namen von rumänischen Bands und Musikern oder auch der etymologisch-historische Exkurs über das rumänische Wort für Krempel, Calabâlac, das es auch im Schwedischen gibt, verleihen dem Buch einen authentischen Klang. Obwohl ein eher jovialer Plauderton vorherrscht, bedient sich Ivan zahlreicher sprachlicher Register, sodass nicht zuletzt durch die überzeugende Arbeit des Übersetzers Peter Groth ein vielschichtiges Bild Rumäniens zur Zeit der Handlung entsteht.

Dan Ivan gelingt eine Gradwanderung zwischen komischer Brechung und aufrichtigem Entsetzen. Die zahlreichen Beinamen für Ceaușescu (wie Mao Zedong ist er unter anderem „der große Steuermann“, „das Karpatengenie" oder „der Titan aus Scornești“ , wobei es vermutlich Scornicești heißen müsste, Ceaușescus Geburtsort) werden durch den Kontext ironisiert, in ihr Gegenteil verkehrt und so zu Schmähnamen. Dasselbe Verfahren findet sich auch bei zum Klischee geronnen Kampfbegriffen der sozialistischen Sprachregelungen, etwa beim Raunen vom „neuen Menschen“. Ganz jedem humoristischen Unterton beraubt und mit Bitterkeit aufgeladen sind diese Euphemismen, wenn es um „Dekretkinder“ geht. Da Schwangerschaftsabbrüche vom Regime kriminalisiert wurden, musste quasi per staatlichem Dekret jedes Kind, egal unter welchen Umständen, zur Welt gebracht werden, auf dass sich mit ihnen „die Wiesen des Landes füllen!“ So entsteht ein atmosphärisch dichtes Bild der Zustände in Rumänien und selbst da noch, wo sich die Sprache zu poetischen Höhen aufschwingt, die in ihrem überbordenden Bilderreichtum an Einzelstellen arg dick aufgetragen, geradezu grotesk oder komisch wirken mag, formt sie im Ganzen ein überzeugendes, geradezu mehrstimmiges Porträt eines Landes und seiner Bewohner:

Ich war aber abgehärtet vom Fegefeuer der Trolleybusse Bukarests (…). Ein stummer Kampf gegen einen Morast aus Muskeln und egoistischen Knochen, die ihren Platz verteidigten und alles um sich herum zerquetschen. Mit Wildheit und Nachdruck kämpften alle schweigend und wie in Trance mit der amorphen Masse um sich herum. Jeder für sich und koste es, was es wolle. Ein Rumänien der Warteschlangen und Rempeleien, des verdeckten Drängelns. Man las Kafka nicht mehr, man lebt ihn. Finster.

Zwar macht sich Dan Ivan hin und wieder auch über einzelne Personen lustig, doch tritt er nie nach unten. Er zeigt ein Herz für die Bewohner des Deltas, vor allem den Menschen in Meile 23, ohne sie zu idealisieren oder zu verdammen. Je weiter der Text jedoch voranschreitet, desto schärfer wird sein Urteil; nicht über einzelne Gruppen, sondern über das Verhalten der Rumänen im Allgemeinen:

Wir ließen uns vom Schlamm mitreißen, wurden hin und her geworfen, zermürbt, um irgendwie durchzukommen. Und wir haben überlebt: mit Trotz, mit Hass, mit Hinterlist. Mit Humor. Doch ohne jeden Heldenmut. Bei jeder Ungerechtigkeit, jeder Eingrenzung, war unsere Antwort nicht der Kampf, die Konfrontation, sondern die Suche nach einem Notausgang, nach einer anderen Lösung.

Alle Strategien, sich mit einem kaputten System zu arrangieren, sind letztlich auch Zugeständnisse an das System. Wie Adorno festgestellt hatte, gibt es kein richtiges Leben im falschen. 

Traurigkeit und Frustration klingen mit Fortdauer des Textes immer häufiger an, bis schließlich die Fassade des Komischen, und fühlte man sich in ihr auch noch so gepanzert, der bitteren Wirklichkeit des Lebens nicht mehr standhält. Wobei aber das Komische durchaus nicht nur Fassade ist, sondern Bewältigungsstrategie. Es dient dazu, Kontrolle über die Welt (wieder) zu erlangen, das Übergroße, Unverfügbare zu erden, es im wahrsten Sinne zu „erniedrigen“. Vor allem dem Herrscher soll sein Nimbus genommen werden, indem er im Witz auf seine Kreatürlichkeit reduziert und zumindest in dieser Hinsicht allen anderen gleich gemacht wird. Dass am Ende angesichts der Wirklichkeit auch der Humor nicht mehr verfängt, ist der große tragische Schlussakkord, auf dem Dan Ivans schmale Darstellungen aus dem Donaudelta endet. Eine facettenreiche, pointierte Beschreibung der Gesellschaft im Rumänien der 1980er-Jahre. Vielleicht aber ja sogar noch mehr, nämlich ganz allgemein eine authentische Darstellung des Lebens in einer Diktatur.

Titelbild

Dan Ivan: Meile 23. Geschichten aus dem Donaudelta.
Aus dem Rumänischen von Peter Groth.
Dittrich Verlag, Berlin 2026.
148 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783912155600

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch