Kleine Texte, die die großen Fragen bergen

Mit einer Neuauflage des literarischen Debüts des Schweizer Autors Peter Bichsel erinnert der Suhrkamp Verlag gebührend an seinen am 15. März 2025 verstorbenen Autor

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Peter Bichsel (1935–2025) war eine einzigartige Erscheinung innerhalb der Deutschschweizer Literatur der letzten einhundert Jahre. Der kurz vor seinem 90. Geburtstag am 15. März 2025 in Zuchwil verstorbene Schriftsteller und Kolumnist gehört zu jener Autorengeneration, die es zunächst nicht leicht hatte, sich aus dem Schatten des die Schweizer Literaturszene über Jahrzehnte prägenden Duos Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt herauszuarbeiten. Dabei hatte der über ein Jahrzehnt als Primarlehrer tätige Bichsel – wie übrigens auch etliche andere Kolleginnen und Kollegen seiner Generation – durchaus eine Menge Eigenes zu bieten. Bereits an seinem literarischen Debüt Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen ist das deutlich ablesbar. Das kleine Bändchen wurde nun, um etliche Texte erweitert, herausgegeben und mit einem profunden Nachwort sowie editorischen Notizen von Andreas Mauz und Beat Mazenauer versehen, von Bichsels Hausverlag neu aufgelegt.

Als das Werk 1964 erstmals erschien, enthielt es alles in allem 21 Kurz- und Kürzestgeschichten. Keine hundert Seiten war das Büchlein stark und wurde doch als Ereignis gefeiert. Einen „jungen, bisher gänzlich unbekannten und zugleich hochbegabten Schriftsteller[-]“ begrüßte ein begeisterter Marcel Reich-Ranicki in der ZEIT. Er betonte, jenes „fast nichts“, um das Bichsels Miniaturen jeweils kreisten, mache nicht durch das auf sich aufmerksam, was erzählt werde, sondern gerade eben durch das, was die Texte verschwiegen. Eine Poetik des Auslassens habe man mit Bichsels Texten vor sich, die erzählerisch äußerst raffinierte Umkreisung einer Leerstelle.

Das darf jetzt, 60 Jahre nach der Erstauflage im Oltener Walter-Verlag, im Lichte einer verwandelten Gegenwart und vielleicht, so ist zu hoffen, durch eine neue Generation aufgeschlossener Leserinnen und Leser, überprüft werden. Zumal die beiden Herausgeber die 21 Originaltexte durch sieben „Varianten“ und 14 „weitere Geschichten“ – also insgesamt noch einmal die gleiche Anzahl von Texten, wie sie das 1964er Original enthielt – ergänzt haben. Gleichzeitig verdeutlichen Mauz und Mazenauer anhand des verfügbaren, umfangreichen Archivmaterials Bichsels Eigenart des „Mehrversionenschreibens“ als auch das damit in Zusammenhang stehende Fehlen einer herkömmlichen Korrekturökonomie, wenn es um Textbearbeitungen geht.

Wenn Peter Bichsel sich Erzählungen noch einmal vornimmt, entstehen deshalb bei ihm eher „egalitäre Alternativen“ anstatt einer „teleologische[n] Folge von Vorstufen, in welcher die spätere die frühere zu Makulatur macht“. Dass viele Texte aus dem ursprünglichen Milchmann-Projekt es trotzdem nicht in die Erstausgabe schafften – 28 weitere Prosastücke, teils in mehreren Versionen, enthält das archivierte Konvolut –, mag im Übrigen auch aus „Rücksicht auf die Umfangsvorgaben“ des Erst-Herausgebers Otto F. Walter (1928–1994) liegen. Der hatte Bichsels Büchlein nicht nur als zweiten Band in die Reihe seiner bibliophilen Walter-Drucke aufgenommen, sondern vom solothurnischen Olten aus auch dafür gesorgt, dass der literarische Neuling Peter Bichsel von Beginn an über den engen Rahmen der Schweiz hinaus wahrgenommen wurde.        

Viele Texte aus Bichsels Feder starten, wie der große Schweizer Literaturvermittler Peter von Matt es in einem Aufsatz über Jörg Steiner, den „Freund und Lebensnachbarn“ des Schriftstellers einmal formulierte, mit einer „abenteuerlichen Behauptung“, einem „Feuerschlag“, bei dem einen „jeder Widerspruch auf der Zunge erstirbt“. Es ist Bichsels Art, der Notwendigkeit, „etwas sagen zu müssen, was sich so geradehin nicht sagen lässt“, mit einer sprachlichen Finte doch noch zum Ausdruck zu verhelfen.

Das liest sich in Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen dann so: „Auch der Großvater wollte Dompteur werden, um all die zu ärgern, die ihm nichts zutrauten, um alle zu ärgern.“ (Die Löwen) Oder so: „Er versprach sich viel von seinem Begräbnis und hatte stets Wünsche für die Gestaltung der Feier.“ (Sein Abend) Oder aber so: „Die ganze Verwandtschaft missachtete, dass die Großmutter noch lebte und man begann zu erben.“ (Die Verwandtschaft) Und nachdem sich Leserinnen und Leser gebührend darüber gewundert haben, wohinaus ein dergestalt beginnender Text wohl führen soll, folgen in der Regel nicht mehr als zwei, drei Seiten – in Ausnahmefällen auch einmal vier –, auf denen Bichsel seinen Leserinnen und Lesern Einblicke in Lebensentwürfe und -projekte gestattet, die unterm Strich alles andere als glatt verlaufen

Und doch: Was Bichsel beschreibt, ist mit „Scheitern“ nur unzulässig erfasst. Oft ist es lediglich die Einsicht in die eigene Begrenztheit, an der seine Figuren leiden. Das aus diesem Ungenügen entstehende Angstgefühl lähmt sie in ihren alltäglichen Interaktionen. Allein ihr Denken zeigt sich davon unbeeindruckt, geht weit über das hinaus, was sie wirklich tun. Im Grunde führen sie eine kontemplative Existenz, halten sich mehr in der Welt des Möglichen als in der sie real umgebenden Wirklichkeit auf. Aber just dieses Konjunktivische in Peter Bichsels Erzählwelt, das Unvermögen vieler seiner Figuren, den Sprung vom Möglichen ins Wirkliche zu schaffen, macht einen Gutteil von deren Reiz aus.

Peter Hamm hat in einem kleinen Aufsatz aus dem Jahr 1996 die scheinbare Nähe Peter Bichsels zu seinem großen Landsmann Robert Walser ins Gespräch gebracht. Sie entstehe, wie Hamm bemerkt, aus der von Walter Benjamin für Walser (Walter Benjamin, Robert Walser, 1929) reklamierten „Sprachscham“, die sich ähnlich bei Bichsel konstatieren lasse. Weniger ist also mehr? Vielleicht. Weniger delegiert aber auch mehr an die Köpfe der Leserinnen und Leser. Und in denen fügt sich – Mitdenken vorausgesetzt – anschließend zusammen, was der Text noch ausspart.

Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen hat der deutschsprachigen Literatur aus der Schweiz 1964 eine neue Stimme beschert, die in den Jahren und Jahrzehnten danach immer hörbar blieb. Ob Peter Bichsel sich mit seinen wunderbar poetischen Texten (scheinbar nur) an Kinder wendete – Kindergeschichten (1969) –, sich kritisch mit seinem Heimatland auseinandersetzte – exemplarisch in Des Schweizers Schweiz (1969) – oder seinen Hang zur Reduktion in den späteren Jahren weiter ausbaute – etwa in der Geschichte Sehnsucht  aus dem 1993 erschienenen Erzählband Zur Stadt Paris, die alles in allem aus drei Sätzen besteht und mit der ironischen Frage an die Leserinnen und Leser „Ob das eine Geschichte ist?“ endet –, immer sind da ein besonderer Zungenschlag, ein schnell wiedererkennbares Erzählgerüst sowie die Liebe zu ganz bestimmten Figuren und deren Sicht auf die Welt und die Dinge.       

Alle in allem macht das nun erweitert aufgelegte kleine Büchlein nicht nur Spaß wie am ersten Tag, sondern gibt auch einen ganz exzellenten Einblick in Peter Bichsels Schreibwerkstatt. Nicht zuletzt aber bewahrt es einen der wichtigsten Schweizer Autoren der Gegenwart vor dem Vergessen.

Titelbild

Peter Bichsel: Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen. Geschichten. Erweiterte Neuausgabe.
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Andreas Mauz und Beat Mazenauer.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025.
167 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783518225615

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