Wege durch den Großstadtdschungel

Mit „Skin City“ untermauert Johannes Groschupf ein weiteres Mal seinen Ruf, wie kein anderer mit seinen Thrillern die Atmosphäre des heutigen Berlin einzufangen

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Jacques Lippold war immer stolz auf seine Patek Philippe Nautilus, ein Statussymbol, das ihn von anderen abhob. Sogar in den Knast hatte er die Uhr mitgenommen: „zweieinhalb Jahre bei Reis und geschmorter Paprika“ in Tegel wegen Umsatzsteuer-Betrugs. Jetzt ist er wieder draußen. Aber das 20.000 Euro kostende teure Stück ist weg. Gestohlen von einem Mithäftling, der kurz darauf dummerweise verlegt wurde. Aber Lippold weiß, wo er den Burschen in Berlin zu suchen hat. Und wie seine Rache aussehen soll, hat er sich auch schon häufig ausgemalt.

Die Polizistin Romina Winter kennen die Leserinnen und Leser des 1963 in Braunschweig geborenen und heute in Berlin lebenden Johannes Groschupf bereits aus seinen letzten Romanen. Die mit ihrer Familie im Alter von zehn Jahren aus dem rumänischen Fântânele, einem kleinen Dorf unweit von Bukarest, nach Deutschland gekommene Romni hat das mit dem Neuanfang, anders als andere Angehörige ihres Volkes, anders auch als ihr eigener Vater, ernst genommen und ist bei der Polizei gelandet, für die sie neuerdings in den Berliner Außenbezirken tätig ist.

Dass ihre Rolle als Gesetzeshüterin in ihrer Familie nicht unbedingt gern gesehen wird, weiß sie natürlich. Andererseits trägt der beargwöhnte Job nicht unwesentlich dazu bei, das Auskommen ihrer Eltern, ihrer jüngeren Schwester Sanda und der Großmutter in Deutschland finanziell abzusichern. Und wenn Sanda gelegentlich nächtelang von zu Hause verschwindet, ist es immer wieder Romina, die in die Spur geschickt wird, um die Schwester vor Schlimmem zu bewahren. Als das dennoch geschieht, Sanda verletzt im Krankenhaus landet und kurz darauf auch noch Rominas Vater gewaltsam zu Tode kommt, ist es mit der Geduld der Polizistin allerdings vorbei.

Aus dem georgischen Tiflis hat es Koba nach Berlin verschlagen. 23 Jahre alt, „stark und stolz“, ist ihm der heimatliche Boden, nachdem er von seiner Familie zum tödlichen Werkzeug einer Rache auserkoren wurde, ein bisschen zu heiß unter den Füßen geworden. Und weil es ohnehin sein Traum ist, einmal jenseits des Atlantiks, in Kanada, so richtig durchzustarten, ihm aber noch die nötigen Mittel fehlen, um aus dieser Fantasie Wirklichkeit werden zu lassen, steigt er im Auftrag des Onkels eines Freundes gemeinsam mit zwei Kollegen in Berliner Stadtvillen ein. Jeden Tag fahren sie mit ihrem in Polen zugelassenen Mercedes zu vorher sorgfältig ausgekundschafteten Häusern und nehmen mit, was sie bekommen können. Das ist mal eine Menge, mal deutlich weniger, aber jeder Einbruch, glaubt Koba, bringt ihn seinem Ziel ein bisschen näher.

Johannes Groschupfs neuer, sein vierter Berlin-Roman spielt im Sommer des Jahres 2024. Die Pandemie ist so gut wie vorbei, aber die Stimmung in Deutschland hat sich trotzdem kaum verbessert. Niemand scheint mit sich und seinem Leben zufrieden zu sein: „Die Deutschen sahen immer biestig aus. Die Taschen voller Geld, dicke Autos, glatte Straßen und ständig schlechte Laune.“ Und wenn man genau hinhört, dann tönt aus manchem Schrebergarten, mancher Eckkneipe und manch anderem verborgenen Winkel jener auf die Musik eines bekannten Tracks von Gigi D’Agostino gesungene Text, wonach die Hauptschuld am gegenwärtigen Elend des Landes just bei jenen liegt, denen man noch ein knappes Jahrzehnt zuvor mit offenen Armen entgegengekommen war.

Wobei es die Zeit nicht mit allen schlecht meint. Noch gibt es sie, die Wohlhabenden, diejenigen, die nichts abzugeben gedenken von ihrem Reichtum, in deren Häusern Koba und seine Freunde auf ganze Bündel von Geld, wertvollen Schmuck und teure Kunstwerke stoßen. Die es sich in teuren Restaurants gut gehen lassen, sich auf Kunstauktionen gegenseitig zu überbieten suchen und immer auf der Jagd nach jenen Dingen sind, die gerade alle besitzen wollen.

Genau diese Klientel braucht einer wie Jacques Lippold, um wieder dahin zu kommen, wo er vor seiner Haftzeit schon einmal war. Leute mit Geld weiß er mit Charme und Überredungskunst schnell einzuwickeln. Und als er eines Abends im Auktionshaus Grisebach der reichen Anwältin Beate begegnet und es nicht lange braucht, um die 60-Jährige davon zu überzeugen, mit dem deutlich jüngeren Mann einen überaus guten Fang gemacht zu haben, nehmen die Dinge schnell ihren Lauf.

Das Großartige an den Berlin-Romanen von Johannes Groschupf, dessen Karriere als Reisejournalist 1994 nach einem knapp überlebten Hubschrauberabsturz in der Sahara abrupt endete, worauf er sich, bevor mit Berlin Prepper 2019 sein erster Großstadt-Thriller erschien, zunächst im Jugendbuch-Bereich einen Namen machte, ist deren Authentizität. Berlin lebt auf den Seiten seiner Bücher. Man glaubt, den Atem der Stadt zu spüren, ihre unterschiedlichen Gerüche wahrnehmen zu können, den hektischen Herzschlag einer Metropole, in der nie wirklich Ruhe herrscht, für die Zeit der Lektüre zu teilen.

Auf den Spuren der wenigen Helden, die Groschupf in den Mittelpunkt seines Romans gestellt hat, durcheilt man den urbanen Dschungel – von den Vororten bis hinein ins Zentrum, von heruntergekommenen Laubenkolonien hin zu den Villen der Begüterten in Lichterfelde und Dahlem. Indem er unter seine erfundenen Figuren immer wieder Personen der Zeitgeschichte von Friedrich Merz bis Karl Lauterbach, von Jonathan Meese bis Cornelia Schleime, von Eckart von Hirschhausen bis Claudia Roth mischt – gegen Ende fällt der Blick von Jacques Lippold sogar noch auf das am Rande einer exklusiven Veranstaltung im festlich erleuchteten Adlon herumstehende Bundespräsidenten-Paar –, verstärkt Groschupf noch das Gefühl bei seinen Leserinnen und Lesern, an einem Stück ungefilterter Realität teilzuhaben. Und nicht unwesentlich tragen dazu auch die zahllosen Lokalitäten bei, in denen sich seine Romanfiguren finden – von der „Schwarzen Pumpe“ am Weinbergpark über das „Daffke“ am Herrfurthplatz bis zur „Victoria“-Bar in der Potsdamer Straße mit dem dort effektvoll servierten Hildegard Knef Gedächtnis-Gedeck.

Wie fein die Fäden sind, die der Autor zwischen seinen zentralen Figuren – Koba, dem Dieb, Lippold, dem Betrüger, und Romina Winter, der Polizistin – gesponnen hat, merkt man als Leser erst im Verlaufe des Romans. Sie alle leben in Berlin. Und auf die eine oder andere Art sind ihre Schicksale nicht nur miteinander, sondern auch mit dieser Stadt verknüpft, in der man genauso schnell aufsteigen wie alles verlieren kann. Das macht die Spannung aus, die den Roman bis zu seinem letzten Satz trägt. Und ihn – ähnlich seinen drei jeweils mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichneten Vorgängern – zu einer Ausnahmeerscheinung innerhalb des deutschsprachigen Thrillergenres werden lässt, zu einem Buch, das man einfach gelesen haben muss.

Titelbild

Johannes Groschupf: Skin City. Thriller.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025.
280 Seiten, 17,00 EUR.
ISBN-13: 9783518474495

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