Zwischen den Fronten

In Sabine Hofmanns Kriminalroman „Weiße Westen, schwarze Nächte“ legt sich eine Meisterdiebin mit Geheimdiensten aus Ost und West an

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das kleine Büchlein war gut versteckt. Hedy Voss hat es dennoch gefunden, als sie zu nächtlicher Stunde in das Haus von Oberregierungsrat a. D. Seufert im noblen Stadtteil Essen-Bredeney eingedrungen ist. Neben zwei teuren Uhren und einigen Schmuckstücken macht der vollgeschriebene Kalender für das Jahr 1965 auf den ersten Blick nicht viel her. Doch vielleicht finden sich in ihm, gut getarnt, die Zugangsdaten für Seuferts Schweizer Bankkonten, auf denen, wie zwei gefundene Auszüge zeigen, nicht unbeträchtliche Summen liegen. Mit diesem Geld könnte es Hedy endlich gelingen, die erheblichen Klinikkosten für ihre psychisch kranke Schwester Elsa zusammenzubringen. Denn eigentlich ist die Sorge um die Ältere der beiden Kriegswaisen auch der wahre Grund, weshalb sich Hedy immer noch auf ihre gefährlichen Raubzüge begibt.

Hedy und Elsa haben, nach dem Tod ihrer beiden Eltern – allein in der Welt stehend – das Diebeshandwerk von der Pike auf gelernt. Friedrich Weyers, ein Ex-Polizist, den die englischen Besatzer nach 1945 aus politischen Gründen entlassen mussten, gabelt die Schwestern in jungen Jahren auf und bringt ihnen alles bei, was zukünftige Diebinnen wissen müssen. Bald ist das Mädchen-Duo, das von seinem Meister auf Diebeszüge geschickt wird, so erfolgreich, dass sich eine Art Legende um Hedy und Elsa bildet. Besonders Hedy gilt als so geschickt, dass sie schon bald mit den Besten der Szene verglichen wird. Elsa hingegen fällt eher durch ihre Schönheit auf.

Während sich die jüngere Schwester durch ihr beherrschtes und diszipliniertes Vorgehen bei Raubzügen – ohne jegliche Fehler – auszeichnet, wird die ältere schon bald mit einer Tablettensucht konfrontiert, weshalb sie sich von Zeit zu Zeit in psychiatrischen Anstalten aufhält. Und da der Aufenthalt dort nicht unbedingt billig ist, Hedy andererseits aber über keinerlei Rücklagen verfügt, muss sie, um ihre Schwester zu unterstützen, weiterhin in anderer Leute Häuser einbrechen. Der Mann, von dem sie einst alles gelernt hat, ist zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr an ihrer Seite, und sein Verschwinden aus dem Leben der beiden jungen Frauen eines der Geheimnisse, die in Weiße Westen, schwarze Nächte nach und nach aufgeklärt werden.

Nach Jahren der Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Frankfurter Goethe-Universität begann Sabine Hofmann (Jahrgang 1964) ihre zweite Karriere als Schriftstellerin mit einer gemeinsam mit der spanischen Romanistin Rosa Ribas verfassten Trilogie, die eine junge Journalistin zur Heldin hat und zur Zeit der Franco-Diktatur in Barcelona spielt. Bereits in diesen Bänden (2014-2016) verstanden es die beiden Autorinnen, ihrer Leserschaft Zeitgeschichtliches nahezubringen, indem sie es mit einem spannenden, gut erzählten Plot verbanden. Das setzte Hofmann dann anschließend allein fort, indem sie die Jahre zwischen 1946 und 1948 als Hintergrund dreier im Ruhrgebiet spielender Romane wählte (2021-2023). Mit der aus Ostpreußen nach Bochum geflüchteten Edith Marheineke als zentraler Figur – Edith hat auch im vorliegenden Roman einen kleinen Auftritt – setzt auch diese Trilogie wieder auf eine taffe Frau, die sich in den Wirren einer historischen Umbruchszeit nicht von ihren moralischen Überzeugungen abbringen lässt.

Nun also Hedy Voss. Von ihren beiden Vorgängerinnen unterscheidet sie zunächst die Tatsache, dass sie, als Auftragsdiebin im Ruhrgebiet unterwegs, ihre Position auf der dem Recht und Gesetz entgegengesetzten Seite des gesellschaftlichen Spektrums hat. Hedy bricht in die Häuser betuchter Bürger ein und stiehlt alles, was ihr aktueller Auftraggeber, der Essener Antiquitätenhändler Edgar Seelig, zu Geld machen kann: Gemälde, Geld, Schmuck und Wertpapiere.

Die junge Frau und ihre auf kostenintensive psychiatrische Hilfe angewiesene Schwester Elsa gehören indes mitnichten zu den Profiteuren der Wirtschaftswunderjahre. Als Kriegswaisen haben sie sich inmitten einer Welt, in der bald wieder jene das Sagen haben, die bereits in den Hitlerjahren zu den Gewinnern zählten und anschließend ihre Hände öffentlich in Unschuld wuschen, mehr schlecht als recht durchschlagen müssen.

Dass Elsas Tablettensucht und ihre zur Bipolarität neigende Persönlichkeit aus Hedy eine Art Ersatzmutter für die schwer zu Kontrollierende gemacht haben, verleiht Sabine Hofmanns Heldin zusätzlich den Nimbus einer hilfsbereiten, sich aufopfernden Schwester. Als Leserin oder Leser nimmt man deshalb an der raffinierten Diebin Hedy bald mehr menschliche als amoralische Züge wahr. Das mag freilich auch daran liegen, dass die Probleme, mit denen sie sich nach dem Einbruch in das Haus von Bernhard Seufert konfrontiert sieht, auf kriminelle Aktivitäten verweisen, die ihre eigenen Verfehlungen als nachgerade harmlos erscheinen lassen.

Denn Seuferts sorgfältig codierte Notierungen in dem von Hedy in dessen Schreibtisch gefundenen Kalender enthalten offensichtlich Beweise dafür, dass sich der Beamte des Bundes-Verteidigungsministeriums bei der Vergabe von Rüstungsaufträgen an bestimmte Firmen hat bestechen lassen. Kein Wunder, dass er alles unternimmt, um die kompromittierenden Aufzeichnungen wieder in seinen Besitz zu bekommen. Und schon bald finden sich Hedy, ihre Schwester sowie ihr Hehler Seelig im Visier von Elementen, die in der Folge keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie zu allem bereit sind, um den Schwestern einen Fang, mit dem die zunächst gar nichts anzufangen wissen, wieder abzunehmen.

Weiße Westen, schwarze Nächte – offensichtlich der Auftakt einer neuen Reihe der heute in Erbach im Odenwald lebenden Autorin – ist ein solide erzählter Kriminalroman, der seine Leserinnen und Leser mit zurücknimmt in eine Zeit, in der die deutsche Teilung dafür gesorgt hat, dass sich mit der Bundesrepublik und der DDR zwei Staaten gegenüberstanden, deren gemeinsame Grenze nicht nur Länder, sondern gesellschaftliche Systeme voneinander schied. Dass sich für einen hohen Beamten im Verteidigungsministerium und dessen Mauscheleien mit den Vertretern von an Profit orientierten Rüstungsfirmen Geheimdienste sowohl aus West wie auch aus Ost interessieren, nimmt deshalb nicht wunder. In die Hände einer kleinen Diebin gefallene brisante Informationen, deren Bekanntwerden skandalöse Folgen nach sich ziehen könnte, dürften als Druck- bzw. Erpressungsmittel viele in den Kalten Krieg verwickelte Institutionen reizen. Und so bekommen es Hedy Voss und die ihr Nahestehenden mit Kräften zu tun, die in der Wahl ihrer Mittel alles andere als zimperlich sind.

Sabine Hofmann vermittelt mit ihrem Roman ein kräftig koloriertes Zeitbild. Sowohl Willy Brandt – als der „eigentliche Hingucker“ im Landtagswahlkampf, dessen Ausstrahlung sein Aussehen noch klar übertrifft, darf der SPD-Parteivorsitzende eine kleine Nebenrolle spielen – als auch die Beatles, deren Auftritt in der Essener Gruga-Halle am 25. Juni 1966 Elsa besucht, tragen ihren Teil dazu bei. Wer der geheimnisvolle „Peter“ ist, mit dem Hedy Voss von Zeit zu Zeit das Bett teilt, ohne etwas Ernsteres in Erwägung zu ziehen, gehört zu jenen Fragen, die hoffentlich ein Folgeband beantworten wird. Wir ahnen freilich Schlimmes.

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Sabine Hofmann: Weiße Westen, schwarze Nächte. Kriminalroman.
Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2026.
351 Seiten, 13,00 EUR.
ISBN-13: 9783746642468

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