Better call Carl

Mit „Die Kurve“ legt Dirk Schmidt einen fulminanten Thriller vor

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Carl ist der Mann, den man anruft, wenn Dinge aus dem Ruder zu laufen drohen und dringend geregelt werden müssen. Um die Nachfolge eines Mafiabosses ist ein blutiger Krieg ausgebrochen? Carl nimmt sich der Sache an! Ein Mann mit Geld und Einfluss aus den USA – leider sitzt er momentan im Gefängnis wegen einiger Steuervergehen – will wissen, wer seine Tochter während ihres Auslands-Trips in Berlin umgebracht und im Landwehrkanal entsorgt hat? Carl, der aus dem ostwestfälischen Herne stammt – einem „Ort zum Vergessen oder zum Nie-davon-gehört-Haben“ – und dort einst ein Jugendzentrum namens Die Kurve leitete, hat seine Leute schon in die Spur geschickt.

Carls Leute – das sind im Wesentlichen Ridley, der binnen Kurzem und natürlich im Kopf die Wurzel aus 3249 ziehen kann, Betty, die ihre Sonntage damit verbringt, auf Berliner S-Bahnhöfen nach dem Mörder ihres Freundes Max zu suchen, und Schneider, der Mann fürs Grobe, den keine Emotionen daran hindern, zu tun, was gelegentlich getan werden muss. Sie alle haben zu der Zeit, als Die Kurve zu einem Ort avancierte, den man einfach kennen musste, wollte man im Ruhrgebiet zu denen zählen, die den Durchblick besaßen, gemeinsam mit Carl der abseits gelegenen Einrichtung zu ihrem überregionalen Ruf verholfen. Inzwischen stehen sie bereit, wenn Carl sie mit den merkwürdigsten Aufträgen durch die Gegend schickt. Aber weil er gut bezahlt und die gemeinsame Vergangenheit in der ostwestfälischen Provinz dann doch irgendwie zählt, machen alle mit.

Dirk Schmidt (Jahrgang 1964) ist vor allem mit seinen Arbeiten für den Rundfunk bekannt geworden. Seit den frühen 1990er Jahren schreibt der in Essen Geborene Kriminalhörspiele für den WDR. Im Oktober 2010 konnte man dort den ersten Fall seiner „Task Force Hamm“ verfolgen. Ein Jahr später wurde die chaotische Truppe aus der kreisfreien Polizeibehörde – gesprochen von Uwe Ochsenknecht, Hans Peter Hallwachs und Matthias Leja – unter die Fittiche des ARD-Radio-Tatorts genommen. Und dort ermittelte man bis dato höchst erfolgreich in bereits 20 Fällen.

Mit Die Kurve könnte Schmidt nun endlich, was ihm mit zwei 2003 und 2015 bei Rowohlt und im Dortmunder Grafit Verlag erschienenen Kriminalromanen noch nicht so richtig gelang, selber die Kurve hin zum erfolgreichen Thrillerautor genommen haben. Denn der Mann, das merkt man bereits nach der Lektüre der ersten Seiten seines Romans, kann schreiben. Schnörkellos und elegant entwickelt er seinen Plot, verschafft seinen Figuren glaubhafte, wenn auch leicht gestörte biographische Hintergründe und ist weder um Sex noch Crime verlegen, wenn es der Plot nahelegt.

Und so begibt sich Betty, kurz nachdem Carl sie um ihre Mithilfe gebeten hat, undercover in jene Studenten-WG, in der das gut betuchte Töchterchen des Amerikaners Taylor nach ihrer Ankunft in Deutschland Zuflucht gesucht hatte. Die drei Herren, die dort ihren aktuellen Lebensmittelpunkt besitzen – Matej, ein Kroate, mit dem nicht zu spaßen ist, der Iraker Walid, der Bauingenieur werden will und dessen Wirkung auf Frauen sich wohl auch die junge Amerikanerin nicht zu entziehen vermochte, und Plumpe, dessen XXL-Übergewicht langsam lebensgefährlich zu werden droht – kommen als ruchlose Mörder für Betty eigentlich nicht in Frage. Aber wird sie mit dieser Vermutung auch recht behalten?

Währenddessen müht sich Ridley damit ab, dem neapolitanischen Mafioso Francesco di Gemma seinen Deutschland-Aufenthalt so angenehm wie gefahrlos zu gestalten, nachdem der in seiner Heimat gerade einem Mordanschlag mit knapper Not entkommen ist. Weil Töchterchen Elisa zwar taff – den potentiellen Mörder ihres Vaters hat sie mit zwei gut gezielten Schüssen aus ihrer „9-mm-Universal-Selbstlade-Pistole mit Rückstoßdämpfung“ an der Erledigung seines Jobs gehindert –, aber noch unentschlossen hinsichtlich der Frage ist, ob sie in Kürze wirklich in die Fußstapfen ihres schwerkranken Vaters treten sollte, hat die Konkurrenz wohl Morgenluft gewittert und einen ersten Versuch unternommen, das Nachfolgeproblem auf klassische Weise zu lösen. Nun ist man also gemeinsam über die Alpen gereist, weil den Alten der Wunsch bewegte, im Kölner Dom zu beten. Aber Ridley ahnt natürlich bereits, dass das nicht der Hauptzweck der anstrengenden Reise ist. Und tatsächlich: Er wird den Italienern noch bis nach Sylt folgen müssen, wo ein blutiger Showdown auf alle Beteiligten wartet.

Für „Leserinnen und Lesern, die vielleicht mal einen Kriminalstoff ohne mit sich selbst beschäftigten Ermittlern, einer Leiche auf Seite 1 […] und einem im Titel verankerten Handlungsort erleben möchten“, habe er Die Kurve geschrieben, ist in einem kurzen Gespräch mit dem Autor auf der Internetseite seines Verlages zu erfahren. Das mit der „Leiche auf Seite 1“ war wohl für Dirk Schmidt nur dadurch zu umgehen, dass Elisa di Gemma, wenn sie am Romanbeginn von einem unbeschwerten Stadtbummel mit einer guten Freundin ins Haus ihres Vaters zurückkehrt, nicht auf einen, sondern gleich auf zwei Tote stößt und anschließend einen Dritten eigenhändig erschießt um zu verhindern, dass der ihren ans Bett gefesselten Vater umbringt.

An die beiden anderen Vorsätze hat sich Schmidt gehalten. Und unterm Strich einen Thriller vorgelegt, in dem es um Freundschaften und Jugendträume, große Erwartungen an das Leben und die kleinen Enttäuschungen, Bitternisse und Niederlagen geht, die zu hoch gesteckten Zielen nicht selten auf dem Fuße folgen. Dass es zugleich ein Roman voller skurriler, aber auch berührender Figuren, Figuren, die sich einst in einem Jugendzentrum über den Weg liefen und in der Folgezeit nicht mehr voneinander lassen konnten, geworden ist, zeigt nicht zuletzt, dass von diesem Autor noch einiges zu erwarten ist. Denn warum sollten nicht andere Problembeladene auf die gleiche Idee kommen? Carl anrufen und hoffen, dass dem der richtige Weg aus dem Dilemma einfällt.

Titelbild

Dirk Schmidt: Die Kurve. Thriller | Gangsterroman meets Coming-of-age-Story.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025.
275 Seiten , 17,00 EUR.
ISBN-13: 9783518474808

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