Bernhard und Isolde
Auch in „Memories of Heidelberg“ bleibt Heinz Strunk sich treu und lässt ein in die Jahre gekommenes Ehepaar vor romantischer Kulisse untergehen
Von Dietmar Jacobsen
Es soll ein ganz besonderes Erlebnis werden. Gut 500 Kilometer – von Oldenburg nach Heidelberg – sind Bernhard und Isolde gereist, um in einem sündhaft teuren Hotel am Neckarufer, dem „Boutique-Hôtel & Spa Kurpfalz“, acht Tage zu entspannen. Ganz in Familie – Isoldes Bruder Godehard gehört noch dazu – soll hier der 80. Geburtstag von Mutter Erika zu gefeiert werden. Isolde hat die 500 Euro pro Nacht kostende Luxusherberge statt des nur halb so teuren Grandhotels „Europäischer Hof“ ausgesucht, in dem sie bisher immer genächtigt haben – man gönnt sich ja sonst nichts. 17 Jahre sind die beiden bereits miteinander verheiratet. Nach und nach ist dem Paar auf dieser Strecke der Gesprächsstoff ausgegangen. Und was den Sex betrifft, hat Isolde inzwischen eine unerschütterliche Meinung: „Ich mag einfach nicht mehr. Schon der Gedanke daran verursacht mir Übelkeit.“
Beste Voraussetzungen also für abwechslungsreiche, romantische Tage ganz im Sinne des alten Peggy-March-Schlagers? Wohl eher nicht. Denn Marchs sentimentale Erinnerungen an Heidelberg ploppen in Strunks neuntem Roman immer gerade dann auf, wenn es zwischen Isolde und Bertram besonders heftig zu knirschen beginnt. Und so entwickelt sich das vorliegende schmale Büchlein mit einer Folgerichtigkeit, die man von seinem Autor inzwischen kennt, zu einem typischen Heinz-Strunk-Roman.
Sprich: Nichts läuft, wie es laufen sollte. Die Geburtstagsfeier fällt ins Wasser, weil die Mutter mit einer akuten beidseitigen Nierenbeckenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert werden muss. Auf dem für immer am Kai vertäuten Rhein-Neckar-Fahrgastschiff „Karolina“, Baujahr 1929, das neuerdings ein italienisches Restaurant beherbergt, werden Essen und Service immer schlechter. Pickelige Heidelberger Burschenschafter, von denen es ganze Heerscharen zu geben scheint, nerven das Paar mit Naziparolen. Und irgendwo am Horizont des einwöchigen Kurzurlaubs, nach noch nicht einmal 200 Buchseiten – einer einem Roman dieses Autors durchaus angemessenen Seitenzahl – droht von Anfang an eine finale Katastrophe.
Dass Strunk ein Meister in der Beschreibung trostloser Seelenlagen ist, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Überall da, wo der Hamburger Autor seine Bücher spielen lässt, geht es mit der Stimmung des auftretenden Personals nicht nur schnell, sondern auch ziemlich steil bergab. Und das, obwohl das Ambiente, in dem die Geschichten angesiedelt sind, auf den ersten Blick alles andere als düster anmutet. Denkt man an Romane wie Ein Sommer in Niendorf (2022) und Zauberberg 2 (2024) sowie einige Texte der zuletzt erschienenen Erzählungssammlung Kein Geld Kein Glück Kein Sprit (2025), könnte man gar schlussfolgern: Je prächtiger die Kulissen, die Strunk aufbaut, desto tiefer der Sturz seiner Protagonisten aus ihnen heraus ins Bodenlose.
Dass er das Personal seiner Bücher bevorzugt an Orten ins Scheitern treibt, die den Durchschnittsbürger dahinschmelzen lassen vor Gefühlsseligkeit im Rhythmus süßlicher Schlagerklänge, scheint Strunk jedes Mal eine geradezu teuflische Freude zu bereiten. Prächtige Sonnenuntergänge an der Ostsee oder die im Abendlicht rötlich leuchtende Kulisse des Heidelberger Schlosses halbhoch über dem Neckarufer – bei diesem Autor ist es nie weit her mit romantischen Stimmungen. Immer scheint von Anfang an der Wurm drin zu sein. Der in den Romanen des auch als Musiker und Komponist nicht unbekannten Autors, eines wahren Multitalents, nur allzu häufig in Gestalt des Ohrwurms erscheint – diesmal als Hintergrund-Medley italienischer Klassiker sowie der titelspendenden, direkt vor Ort spielenden und mit leichtem Akzent vorgetragenen Liebesschnulze.
Für Bernhard und Isolde freilich hat es sich ein für allemal ausgeliebt. Er will es noch nicht ganz glauben. Sie hingegen hat längst abgeschlossen mit ihrem 119-Kilo-Gatten. Nur eine Scheidung kommt halt nicht in Frage. Wen sollte sie sonst mit ihren kränkenden Kommentaren in den Wahnsinn treiben?
„Gefangen in einem Geisterhotel, verköstigt auf einem Geisterschiff“, wie es eine jener wunderbaren Sentenzen, für die man Heinz Strunk einfach lieben muss, auf den Punkt bringt, sind seine beiden Hauptfiguren hauptsächlich damit beschäftigt, den Schein zu wahren. Das scheint am besten zu funktionieren, wenn sie sich in zwar sinnlose, aber dem Dasein dennoch eine gewisse Struktur verleihende Rituale stürzen. Aber auch das allabendliche, von Tag zu Tag schlechter werdende Essen beim Italiener, die immergleiche Hintergrundmusik, das Einerlei der Tage, in denen Isolde bald Besuchspflichten bei der kranken Mutter wahrzunehmen hat und Bernhard sich zurück ins heimisch-heimelige Oldenburg sehnt, wo im „Steakhaus Rodizio“ ein „Rodizio Spezial mit acht Sorten Fleisch“ auf ihn wartet, können nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass es auf ein Ende mit Schrecken zugeht. Dieses setzt Heinz Strunk dann auch gewohnt bombastisch mit einem wahren Kanonenschlag aus der Tiefe der Hölle in Szene.
Was der Roman im Übrigen über seinen korpulenten Helden behauptet – „Er hat ein geordnetes Leben in Europa, der Insel des Friedens, der Freiheit und des Wohlstands, in der Komfortzone zwischen Weltkrieg und Klimawandel verbracht […] Vierzig Jahre hat er hinter einer geordneten Kette von Tagen gelebt wie hinter einer Mauer, und jetzt ist die Mauer weg.“ –, sollte heutige Leserinnen und Leser aufhorchen lassen. Denn beschreibt Heinz Strunk mit diesen zwei Sätzen nicht just die Situation, in der sich unsere ganze Gesellschaft im Moment befindet? Steht Bernhards Lebensresümee nicht für die Hilflosigkeit, mit der sich im Moment viele in einer sich rasant verändernden Welt umschauen und nach neuen Orientierungspunkten suchen?
Alles in allem können Bernhard und Isolde einem nur leidtun. Warumes trotzdem so viel Spaß bereitet, sich am steigernden Elend dieser beiden zu laben, möchte man eigentlich gar nicht so genau wissen. Denn vielleicht sind es ja unsere eigenen Defizite, an die Heinz Strunk mit seiner Sprachkunst leise rührt?
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