Narratologie und Wahnsinn

Dieter Kampmeyer unterzieht in „Lebens-Skripte“ E.T.A. Hoffmanns Erzählfiguren einer phantasievollen Relektüre

Von Sebastian BrassRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sebastian Brass

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Viele Worte hat die Hoffmann-Forschung verloren über den Wahnsinn Nathanaels im berühmten Nachtstück Der Sandmann (1816) sowie den Mönch Medardus im Roman Die Elixiere des Teufels (1815/16), deren Lektüre Hoffmanns Leser*innen auch selbst glatt in den Wahnsinn zu treiben vermag. Vielleicht auch in der Hoffnung, letzterem zu entgehen, haben literaturwissenschaftliche Lektüren oft und gern zur Narratologie gegriffen, um die Textfäden zu entwirren und zwischen all den Doppelgängerfiguren und Narrationsebenen wenn nicht Klarheit zu schaffen, so doch faszinierende Interpretationen zu erschließen. (Exemplarisch sei für die Elixiere auf das entsprechende Kapitel bei Nicola Kaminski verwiesen: Kreuz-Gänge. Romanexperimente der deutschen Romantik, 2001). Dieter Kampmeyer hat im Jahr 2020 eine Studie vorgelegt, die einen phantasievoll-genialischen Einfall mit der Narratologie kreuzt und dem intradiegetischen Wahnsinn neue Bedeutung zu geben sucht, die Leser*innen des Buches dabei allerdings wiederum selbst an den Rand des Wahnsinns führen kann: Die Erzähler des Sandmanns wie auch der Elixiere litten an einer psychischen Störung, so die These von Kampmeyers Studie Lebens-Skripte, die ausgehend von diesem Befund „die narratologischen Formungen“ untersucht, „deren Bedeutung ohne traumatheoretische Modellierung nicht erfasst werden können; es soll gezeigt werden, wie die Erzähler als Schreibende ihr Leben bei schwierigen Voraussetzungen konstituieren“. Die Geschichten Nathanaels respektive des Mönchs Medardus werden demnach als (vergeblich) trauma-bewältigende Therapie-Fiktionen ihrer Erzähler (des namenlosen im Sandmann und des autodiegetisch erzählenden Mönchs in den Elixieren) gelesen. Das ist so neu und spektakulär, wie es vage und spekulativ ist – und es macht Lust auf mehr.

Kampmeyer überträgt hier ein in seinem ersten Buch (Trauma-Konfigurationen. Bernhard Schlinks ‚Der Vorleser‘, W.G. Sebalds ‚Austerlitz‘, Herta Müllers ‚Atemschaukel‘, 2014) erprobtes trauma-narratologisches Konzept auf die deutlich älteren Texte Hoffmanns, die er in Lebens-Skripte als solche verstanden wissen will. Das ist methodologisch keineswegs per se zweifelhaft: Nicole Sütterlin, die u.a. auch zu den bei Kampmeyer mehrfach zitierten und von Oliver Jahraus herausgegebenen 17 Modellanalysen zu E.T.A. Hoffmanns ‚Der Sandmann‘ einen Beitrag verfasst hat, führt in ihrer ausführlichen Studie Poetik der Wunde (2020) u.a. Hoffmann und die Traumatheorie eng – und dabei vor, wie die Literatur der deutschen Romantik das Trauma schon vor 200 Jahren und avant la lettre ‚entdeckt‘ hat. Wenn auch Sütterlin bei Kampmeyer ungenannt bleibt, so scheint doch vor diesem Hintergrund dessen Idee, Hoffmanns Erzähler auf die Couch zu legen und ihre Narration als Kompensation eines eigenen Kindheitstraumas zu lesen, höchst interessant. Doch das Buch bleibt hinter den Erwartungen, die die spektakulär-spekulative Ausgangsthese weckt, zurück.

Thomas Wortmann schreibt in seiner im Hoffmann-Jahrbuch (2021) erschienenen Rezension, man müsse sich auf das „spekulative Moment“ der Studie zwar einlassen; das könne jedoch aus drei Gründen leicht gelingen, und dann begeistere das Buch. Gerade hier, wo Wortmann die Lebens-Skripte am engagiertesten verteidigt, werden allerdings deren Schwächen offenbar. Als erstes führt Wortmann an, Kampmeyer stelle „die Bedingungen und Grundannahmen seiner Lektüren sowie die diese Lektüre leitenden Thesen jeweils zu Beginn eines Kapitels sehr klar und verständlich vor“. Tatsächlich aber schlägt die gut gemeinte Leser*innenführung allzu oft in schiere Redundanz um, was bei nur rund 150 Seiten Text weniger hilfreich als ärgerlich ist. Tom Kindts narratologischer Beitrag zu Jahraus’ 17 Modellanalysen zu E.T.A. Hoffmanns ‚Der Sandmann‘ etwa wird ein ums andere Mal zusammengefasst: „Tom Kindt dagegen […]“, „Tom Kindt hingegen […]“, „wie erwähnt […]“. Zweitens hält Wortmann Kampmeyer zugute, dieser setze sich intensiv mit der vorliegenden Sekundärliteratur auseinander. Jenseits von Claudia Liebrand, bei der Kampmeyer den titelgebenden Begriff der „Lebens-Skripte“ entlehnt, und recht vielen Hand- und Studienbuch-Beiträgen (s. Jahraus’ Modellanalysen) fällt diese Auseinandersetzung aber eher dünn aus. Zugegeben, Sütterlins Poetik der Wunde ist im gleichen Jahr erschienen wie Kampmeyers Lebens-Skripte und konnte von ihm kaum noch konsultiert werden; eine gründlichere Beschäftigung sowohl mit Traumatheorien als auch der Hoffmann-Forschung wäre gleichwohl möglich gewesen, und das gilt auch für den von Kampmeyer ins Feld geführten Autofiktionsbegriff: Ein trendiger Terminus wird unscharf und ohne theoretischen Unterbau eingeführt. Kampmeyer verwendet ‚Autofiktion‘ und ‚Autodiegese‘ mitunter augenscheinlich synonym; Serge Doubrovskys Begriffsprägung wird aus zweiter – Marja Ursins – Hand zitiert (das mag noch ein Rückstand der auf Nachwende-Literatur fokussierenden Vorgängerstudie sein: Auch Ursin widmet sich in ihrem bei Kampmeyer zitierten Autofiktionsaufsatz Herta Müller); und statt sich mit Bemühungen auseinanderzusetzen, den Begriff zu schärfen (von Lejeune über Colonna und Lecarme bis hin zu rezenteren deutschsprachigen Versuchen bei Martina Wagner-Egelhaaf und Frank Zipfel), setzt Kampmeyer einen idiosynkratischen und eher wirkungslosen eigenen Begriff, der sich mit ‚Der Autor eines fiktionalen Textes formt darin verdeckt (!) Aspekte seines Selbst in Narration um‘ zusammenfassen ließe. Hoffmanns Erzähler mit dem Barthes aus Roland Barthes par Roland Barthes zu vergleichen, ist gleichfalls eher kühn, steht hier doch der an Selbstreflexivität kaum zu überbietende Text des französischen Literaturtheoretikers dem Umstand gegenüber, dass Kampmeyer in einem spekulativen Psychogramm die vermeintliche Autofiktion der hoffmannesken Erzähler erst ‚freilegen‘ muss. Der dritte Grund, den Wortmann dafür anführt, dass sich mit dem spekulativen Charakter der Studie gut leben lasse, ist eine laut Wortmann „geradezu skrupulöse[], beeindruckend auf kleinste Details fokussierende[] Auseinandersetzung mit dem Primärtext, in der beispielsweise dem Wort ‚mitteilen‘ eine ganze Seite gewidmet wird“. Weniger skrupulös, wenn nicht gar fahrlässig kommt dagegen etwa eine Passage daher, die zu beweisen sucht, dass Medardus in den Elixieren „die Jahre seines Aufenthalts in der Klosterzelle zu einer ‚Reise‘ nach Rom transformiert“. Es gebe „eine Reihe von Hinweisen, auf die diese Lektüre zum Teil [sic!] eingeht, dass Medardus’ Erinnerungen ‚falsch‘ sind“ – diese Hinweise werden aber doch eher oberflächlich und halbherzig dargelegt: „Auch dem Bericht, Aurelie, die Nichte einer Fürstin, habe ihn, den Mönch, im Kloster aufgesucht, ihm im Beichtstuhl ihre Liebe gestanden, ist nicht zu glauben. Die Liste, in der von ihm Erzähltes als unglaubwürdig markiert ist, ließe sich verlängern.“ Abgesehen von dieser „Liste“ selbst ist aber auch der Schluss, den die Studie daraus ziehen möchte, weniger alternativlos, als suggeriert wird: Lässt sich aus der Unglaubwürdigkeit des Erzählers, wenn man sie denn ganz mitgehen will, wirklich „nur der Schluss ziehen, dass sich Medardus ‚falsch‘ erinnert“?

Kampmeyers Methode, die (zumindest dem Vorhaben nach) deutlich enger am Text arbeitet als viele höchst kenntnisreiche wissenspoetologische Studien zu Hoffmann, ist begrüßenswert. Das „spekulative Moment“ bereitet zudem tatsächlich Freude, darin ist Wortmann zuzustimmen. Wünschenswert wäre aber – jenseits einer gründlichen stilistischen und auch auf die vielen Flüchtigkeitsfehler fokussierenden Überarbeitung – gewesen, dass die Studie zu ihrem spekulativen Charakter steht, statt ihren (Wahn-)Witz unter dem Mantel der Präzision heischenden, aber in Kampmeyers Fall nicht einlösenden Narratologie zu verbergen.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Dieter Kampmeyer: Lebens-Skripte. E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann" und „Die Elixiere des Teufels".
Königshausen & Neumann, Würzburg 2020.
172 Seiten, 28 EUR.
ISBN-13: 9783826071270

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