Selbstoptimierung und Achtsamkeit

Carla Kaspari wirft in ihrem Debütroman „Freizeit“ einen Blick auf eine Generation, die Auflehnung durch Reflektion ersetzt

Von Leoni BuchnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Leoni Buchner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Franziskas erster Text in Romanlänge war entgegen der Erwartungen kein Coming-of-Age-Roman geworden. Er hatte mit keinem Satz Anlass geboten, ihn als einen Roman zu besprechen, der das Lebensgefühl einer Generation formulierte.

Diesen Auszug findet man beim Blick in den Roman Freizeit als aller erstes auf dem Klappentext. Entgegen des fiktiven Textes von Protagonistin Franziska erwartet eine*n in Carla Kasparis Erstlingsroman dann genau das: ein Text, der versucht, das Lebensgefühl einer Generation zu beschreiben.

Im Zentrum des Romans steht Protagonistin Franziska. Gerade 27 geworden hat sie die letzten zwei Jahre in Paris verbracht. Finanziell ist sie seit langem dank verschiedener Auftragsarbeiten als Autorin unabhängig. Nach ihrer Trennung lebt sie wieder in Deutschland, doch Paris ist ein Kapitel ihres Lebens, das sie noch häufig einholen soll. Kaspari lässt ihre Protagonistin durch die Welt des 21. Jahrhunderts laufen, durch von Gentrifizierung gezeichnete Städte und dabei alles auf Social Media dokumentieren.

Der Roman strukturiert sich durch Franziskas Beschreibungen ihrer Freund*innen und den verschiedenen Lebensentwürfen der gerade erwachsenwerdenden Generation Y: Ihre einstmals beste Freundin zieht mit einer Freundesgruppe aufs Land. Stadtflucht. „Hippies“, wie Franziska sie abwertend bezeichnet. Einer ihrer ältesten Freunde ist gezwungen zu seinen Eltern zurückzuziehen, findet seinen Platz im Leben eher schleppend. Die Protagonistin selbst arbeitet als Autorin für Werbe- und Songtexte, schreibt als Ghostwriterin. Ihr geisteswissenschaftliches Studium erscheint ihr in der Retrospektive fast sinnlos. Außerdem arbeitet sie, eher lustlos, an ihrem ersten Roman „Freizeit“, in den die Leser*innen von Freizeit auszugsweise Einblicke erhalten.

Autorin Kaspari selbst hat in Bonn und Paris Literatur- und Musikwissenschaft studiert. Die knappen Formulierungen in ihrem Debütroman erinnern fast an ihre Twitter Beiträge. Was dabei wirkt wie Utopie und Dystopie zugleich ist deutlich in der Gegenwart verortet. Dabei beschreibt Kaspari ein ganz bestimmtes Milieu junger, hipper Erwachsener. Das Leben einer Generation, die jeden ihrer Schritte zu reflektieren versucht. Überdachter Drogenkonsum, perfekte Instagram Profile, oberflächliche Künstler*innenszenen – ein Leben, in dem jedes Problem von vornherein durchdacht und umschifft wird.

Von außen betrachtet scheint Franziska dabei das perfekte Leben zu manifestieren. Doch der Roman betrachtet ihr Leben nicht von außen. Die Erzählung folgt ihrem Alltag, der sie alles andere als erfüllt. Emotionen scheinen kaum zu der Protagonistin durchzudringen. Nichts berührt sie wirklich, nichts scheint sie aufrichtig zu erfreuen. Offensichtlich fehlt ihr etwas in diesem äußerlich so perfekten Leben. Dabei scheinen Franziska und ihre Mitmenschen auf eine sonderbare Art abgestumpft, als sei diese Welt der Achtsamkeit ein Puffer, der vor richtiger Reflektion und eigentlich nötigen Auseinandersetzungen schützt. Als sei sogenannte „Selbstoptimierung“ ironischerweise nur ein Weg, um sich nicht ernsthaft Gedanken über die eigenen Probleme machen zu müssen. Lieber wird der Alltag von anderen Pärchen auf Youtube verfolgt und die Joggingroute auf Instagram geteilt.

Der Roman liest sich wie eine Kritik an dieser (post)modernen, gleichzeitig reflektierten und oberflächlichen Welt. Die Autorin überzeichnet das Leben ihrer Figuren mit einer fast lakonischen Haltung. Franziska findet keinen Sinn in ihrem Dasein. All ihr Geld und ihr Erfolg scheinen sie nicht glücklich zu machen. Dabei ist die Darstellung nicht ironisch oder pointiert, sondern nüchtern, fast depressiv.

Schade ist, dass Freizeit hier kaum etwas Neues zu bieten hat. Die Darstellungen sind, ob gewollt oder ungewollt, stereotyp. Dass den Figuren eine „richtige“ Auseinandersetzung mit dem Leben fehlt wird nur zu schnell deutlich und ist von Clichés durchzogen.

Interessant wird der Roman in den Momenten, in denen Franziska in Interaktion mit ihren Mitmenschen tritt und sie selbst von außen reflektiert wird. Wenn sich zum Beispiel ihr ältester Freund um sie sorgt und deutlich wird, dass ihre Distanziertheit selbst in der Welt von Freizeit nicht „normal“ ist. Dass es sich vielleicht doch nicht um das Lebensgefühl einer Generation drehen soll, sondern um die subjektive Haltung einer Figur. Aber auch diese Lesart ändert nichts daran, dass nicht klar genug wird, wohin der Roman damit eigentlich will. Denn was es ist, das Franziska fehlt: ihre Sehnsucht nach etwas, das sie wirklich berühren kann in dieser oberflächlichen Welt, ist klar formuliert und lässt schnell auf das „Generationsgefühl“ zurückschließen. Dieses Etwas, das ihr fehlt, scheint sie in einer vergangenen Affäre schon einmal gefunden zu haben. Die in Rückblicken erzählte Vergangenheit zählt zu einem der stärkeren Blickwinkel von Freizeit. Die Beschreibung eines Mannes, der nicht in diese perfekt durchgeplante und öffentliche Welt passen will und der es nicht schafft, sich in dieser richtig zu bewegen. Doch leider gehört dieser Rückblick zu einem der Erzählstränge, die angerissen werden, aber nicht richtig in den Roman passen wollen. Ihn vielleicht in eine andere, neue Richtung lenken und strukturieren könnten, aber doch das Gesamtbild damit nicht interessanter werden lassen. Und auch an den verschiedenen Lebensentwürfen von Franziskas Freund*nnen scheint sich der Roman eher abzuarbeiten, die Figuren bleiben dabei flach und stereotyp.

Trotz allem gelingt es der Autorin den Zeitgeist des 21. Jahrhunderts und das Lebensgefühl einer Generation oder zumindest einer Generation in einem gewissen Milieu, einzufangen. Freizeit ist ein Roman, mit welchem sich momentan sicher einige Menschen in ihren späten Zwanzigern identifizieren können. Dabei ist er alles andere als zeitlos.

Titelbild

Carla Kaspari: Freizeit.
Roman.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022.
298 Seiten, 15 EUR.
ISBN-13: 9783462002522

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