„Ohne Verrat können wir uns nicht des historischen Bewusstseins entledigen“
Raimund Kemper über Gert Ledigs große Romane „Die Stalinorgel“ und „Vergeltung“, die deutschsprachige Kriegsliteratur und vieles andere mehr
Von Günter Helmes
Mit Zu den Romanen von Gert Ledig legen Marlis Schleeh und Wolfgang Strümper nach Mittelalter – anders begreifen. Kritische Bestandsaufnahme der germanistischen Mediaevistik (2024) eine weitere Studie aus dem Nachlass des Klassischen Philologen und Mediävisten, des Literaturwissenschaftlers und Historikers Raimund Kemper (1936-2021) vor. Dieser, ein entschiedener Anti-Militarist, war Privatdozent an der FU-Berlin. Weiteres zu seiner wissenschaftsgeschichtlich aufschlussreichen Biographie ist u.a. in der Besprechung des Mittelalter-Buches von Erhard Jöst auf diesem Portal bzw. in dieser Zeitschrift nachzulesen.
Auf diesem Portal bzw. in dieser Zeitschrift nachzulesen sind auch drei von H.-Georg Lützenkirchen und Mario Alexander Weber verfasste Rezensionen, die dem noch zu Lebzeiten vergessenen, von Kritik und Literaturwissenschaft in Vergessenheit gedrängten Gert Ledig (1921-1999) gelten. Sie thematisieren dessen um 2000 herum mit Nachworten des kürzlich verstorbenen Literaturkritikers Volker Hage neu aufgelegte, bei der Kritik und beim Publikum der 1950er Jahre allerdings mehr oder weniger durchgefallene Romane Vergeltung (1956) und Faustrecht (1957) sowie dessen von seiner Enkelin Emma Luise Weichel herausgegebenen Gesammelten Werke und Briefe (2016).
Ledig, der vor allem in der ersten Lebenshälfte ein bewegtes Leben zwischen Ost und West führte, war seinerzeit durch den 1999 mit einem Nachwort von Florian Radvan wieder aufgelegten Roman Die Stalinorgel (1955) bekannt geworden. Dieser wie die beiden anderen genannten Romane wurden auch international wahrgenommenen und in etliche europäische Sprachen übersetzt. In diesem Zusammenhang sei ergänzt, dass 2019 Ledigs „Romanprojekt“ Die Kanonen von Korčula von seiner Enkelin (?) Petra Weichel im Eigenverlag herausgegeben wurde. Für dieses „Romanprojekt“ fand sich zu Lebzeiten kein Verleger, was Ledig veranlasste, sich schon Anfang der 1960er Jahre ganz aus dem Literaturbetrieb zurückziehen. Erst Ende der1990er Jahre wurde er von dem bereits genannten Volker Hage wiederentdeckt.
Die den Herausgebern nach „vor dem Hintergrund gewaltiger Veränderungen der internationalen sicherheitspolitischen Lage seit Beginn der 1990er Jahre“ entstandene, „heute ganz aktuell als pazifistischer Essay“ zu verstehende Studie Kempers, in deren Zentrum Ledigs Romane Die Stalinorgel und Vergeltung stehen, geht auf einen Vortrag zurück, den er „im Juni 2007 auf einer friedenspolitischen Tagung“ gehalten hat. Sie ergänzt auf ihre Art vorteilhaft Ledig-Studien, die in den letzten beiden Jahrzehnten von Angelika Brauchle (2008), Florian Hoppe (2020) und André Maertens (2021) vorgelegt wurden.
Auf ihre Art: Der selbst zuweilen als Anmerkungsjunkie bezeichnete Rezensent kann sich an keine Studie erinnern, bei der wie bei Kemper der Umfang der Anmerkungen denjenigen des Fließtextes um ein Mehrfaches übertrifft. Konkret: Auf 30 Seiten Fließtext kommen bei Kemper gut 90 deutlich kleiner gesetzte Seiten Anmerkungen. Es sind angesichts des Seitenumfangs bemerkenswert wenige 304 (wobei der letzten der Haupttitel dieser Besprechung entnommen ist). So erstrecken sich bspw. für S. 36 noch gerade im Bereich des Akzeptierten liegende 14 Anmerkungen über sage und schreibe 15 Seiten.
Diese Eckdaten mögen nachvollziehbar machen, dass es im oberflächlichen Sinne alles andere als ein Vergnügen ist, Kempers Studie zu lesen oder gar durchzuarbeiten, zumal der Fließtext sozusagen auch nicht immer zügig fließt und zum Mäandern neigt. „[U]m dies hier noch einzuflechten“, heißt es so oder anders immer wieder. Doch sei vorweggenommen, dass sich die Mühen, die mit der Lektüre der Studie verbunden sind, entschieden lohnen. Das gilt ironischer Weise vor allem für die Anmerkungen, die vor Lesens- und Wissenswertem geradezu strotzen. Lesens- und Wissenswertem, das mal unmittelbar (bspw. Zusammenfassungen), mal näher, mal weiter und mal entfernt um die Themen ‚Gert Ledigs Romane‘ und ‚Kriegsliteratur‘ kreist.
Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang noch auf das den Band beschließende, sehr hilfreiche „Bibliographische Register“ der Herausgeber. Das verzeichnet „die Namen der Verfasser beziehungsweise der Herausgeber der im Endnotenbereich aufgeführten Schriften“ – die jüngste verzeichnete ist aus dem Jahr 2007 –, nicht aber diejenigen im Fließtext genannten. Dieses Register enthält unglaubliche knapp 900 Namen, was verdeutlicht, welche Unmengen an Quellen Kemper in seine Überlegungen und Thesen hat einfließen lassen.
Zu dem wie die Anmerkungen stellenweise umgangssprachlich und jargonhaft, zuweilen auch polemisch oder sarkastisch formulierten Fließtext, der wie diese nicht an meist nachvollziehbaren, mehr oder minder zornigen Attacken u.a. auf Alfred Andersch, Julius Bab, Paul Carell, Felix Dahn, Otto Dibelius, Gerd Gaiser, Günter Grass, Ernst Jünger, Detlev von Liliencron, Hermann Lübbe, Heinz G. Konsalik, Golo Mann, Friedrich Naumann und Sven Hedin spart. Überschrieben ist dieser Fließtext mit dem bedeutenden poetologischen Bekenntnis des 1939 sich freiwillig zur Wehrmacht meldenden, 1942 vor Leningrad schwer verwundeten Gert Ledig „‚Die Angst muß dir selbst im Genick sitzen, du mußt das genau kennen. Sonst bist du ein Berichterstatter, kein Schriftsteller‘“. Als Motto ist dem Fließtext zudem eine Äußerung Sigmund Freuds aus Zeitgemäßes über den Krieg (1915) beigegeben, die sich auch in unserem noch jungen Jahrhundert leider schon allzu oft bewahrheitet hat: „‚So sind auch wir selbst, wenn man uns nach unseren unbewußten Wunschregungen beurteilt, wie die Urmenschen eine Rotte von Mördern‘“.
Eingangs und quasi als Grundlegung seines Darstellens und Argumentierens weist Kemper unter Berufung auf die Spanien-Erfahrungen George Orwells und auf eine Anekdote Günter Kunerts darauf hin, dass – Stichwort: „mediale Geschichtslüge“ – Geschichtliches seitens der Historiographie, der Literatur oder auch der bildenden Kunst nur zu oft so dargestellt wird, wie es „according to various ‚party lines‘“ (Orwell, 1942) – weiteres Stichwort: „der militärisch-industrielle Komplex“ – angeblich geschehen sein soll. Nicht aber so, wie es tatsächlich geschehen ist. Gegebenenfalls, so Kemper, löse man „einzelne Elemente aus der Überlieferung“ heraus, schneide sie zurecht, trimme sie auf Publikumswirksamkeit und lanciere so ein „als ‚Tradition‘ geltendes“ und bald darauf kanonisiertes „Verständnis“. All dies, das für eine Beurteilung von Ledigs ersten beiden Romanen „im Spektrum der Literatur der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren von Bedeutung“ sei, gelte generell für die „Wiederkehr des Krieges in der Literatur“.
In diesem Zusammenhang sei zudem zu berücksichtigen, dass „fiktionale Nachschöpfungen […] strukturgebenden und stilisierenden Mustern“ gehorchen, von denen freilich nicht ausgemacht sei, dass sie „der Wahrheit“, der persönlichen „Anschauung“ des Krieges gerecht werden. Von daher Kempers zentrale Fragen: „Wie ist das riesige, komplexe Ereignis des Krieges authentisch wiederzugeben?“ und „Wie gestaltete sich“ bei Ledig „die Wiederkehr des Krieges in Literatur und Erinnerung?“
Für den u.a. von Wolfgang Koeppen und Heinrich Böll (zu ihm vgl. auch Anm. 274) „lobend besprochen[en]“, von Ledig als Warnung und als humanistisch-pazifistische „‚Kampf-‘“ und Erziehungsschrift verstandenen Erstling Die Stalinorgel referiert Kemper neben Befürwortungen auch eine Reihe von zeitgenössischen „Vorbehalte[n]“. Die laufen u.a. auf ein Überschreiten „der Grenzen des ästhetisch Zulässigen“, Stofflastigkeit, „‚kunstlose[] Zwecksprache von ermüdender Monotonie‘“, „‚nihilistische[r] Grundzug‘“, „‚grelle[r] Naturalismus‘“ und kontextloser Oberflächenrealismus hinaus.
Demgegenüber hält Kemper (auch für Vergeltung) als zentral fest: Ledig, der mit seinen Romanen „geformte, ganz unheldentümliche Dokumentationen“ liefere, glaube an „die Methode der ‚kompromittierenden Ethik‘“ und den „Stil der ‚geballten Ladung‘“. Seine „fragmentierte Schreibweise“ erinnere passagenweise bspw. an Grimmelshausen (Satire) und Felix Hartlaub (Lakonie, Zynismus). Mit einem ständig „scheinbar willkürlich[]“ hin und her springenden, „unbestechliche[n] Kamerablick“ – Stichworte u.a.: Sekundenstil, „neusachliche Ästhetik“ – spiegele er nicht nur den „umfassenden Verlust des Humanen“, sondern drücke auch adäquat die „schreckliche[] Geworfenheit“ jedes Soldaten in alle möglichen Situationen aus. Das auf diese Weise entstehende „Kaleidoskop […] rasend geänderte[er] Perspektiven“ gehe „frontal“ gegen jede Form von Verherrlichung und Sinngebung des Militärischen, gegen Selbstbemitleidung, Selbstgerechtigkeit und Entschuldigung und insbesondere gegen „Freikorps-Mief, Männerkitsch und Maulerotik“ à la Jünger an.
Der bei S. Fischer erschienene, literarisch dem Erstling sehr ähnliche Roman Vergeltung beschreibt mit „erschreckender Eindringlichkeit“ „einen 69 Minuten währenden Luftangriff auf eine nicht näher bezeichnete deutsche Stadt“. Er fiel, auf einen ersten Blick, aus einer ganzen Reihe von meist schon für Die Stalinorgel angeführten Gründen bei der Kritik durch. Er sei nihilistisch, politisch inkorrekt bzw. indolent, sprachlich/stilistisch indiskutabel, ohne Form und unglaubwürdig, hieß es u.a. sinngemäß. Kemper hingegen hält dafür, dass der Roman vor allem deshalb durchfiel, weil er eine „Entzauberung von Opferlegenden“ und Unschuldsbehauptungen betrieb, zudem den Krieg nicht wie auch immer deutete, sondern ‚lediglich‘ ungeschminkt zur Anschauung brachte.
Vergebliche Liebesmüh wäre es, an dieser Stelle auch nur ansatzweise referieren zu wollen, was alles an (trans-)nationaler Geschichte, Kulturgeschichte und auf diese bezogenen Thesen und Urteilen in den Anmerkungen des Gelehrten Raimund Kemper steckt. Von daher nur zwei Beispiele und eine Auflistung thematischer Schwerpunkte. Anmerkung 16 lässt sich über gut 4 Seiten über Albrecht Altdorfers Tafelbild Die Alexanderschlacht (1529) aus, wie überhaupt das Mittelalter und dessen Bildende Kunst, darüber hinaus die Antike argumentativ immer wieder herangezogen werden. Die knapp 7 Seiten füllenden, von einschlägiger Detailkenntnis zeugenden Anmerkungen 65-71 und 117 bis 138 hingegen gelten dem Kampf um Leningrad 1941 bis 1944.
Thematisch geht es u.a. um Erinnerungskulturen und -medien, deutsche Geschichte 1870 bis 1945, die beiden Weltkriege (u.a. U-Boot- und Luftkrieg), zahlreiche bekannte und kaum bekannte deutschsprachige Kriegsliteratur insbesondere über die und aus den beiden Weltkriegen, Krieg und Medien, Filmgeschichte, den NATO-Beitritt der BRD 1955, die Wehrmacht und Wehrmachtsverbrechen, den Historikerstreit der 1980er Jahre, Justizgeschichte inkl. Militärjustiz, Geschichtslegenden, die Pressekultur der BRD nach 1945, das Literatursystem (inkl. Wissenschaft, Kritik und Verlagswesen) der BRD insbesondere in den 1950er Jahren sowie Literaturkritik in der DDR.
Fazit: Den HerausgeberInnen Marlis Schleeh und Wolfgang Strümper und dem Süddeutschen Pädagogischen Verlag ist dafür zu danken, dass sie die kompositorisch ausgesprochen eigenwillige, darüber hinaus stellenweise nicht zu Ende ‚geschliffene‘ Studie Raimund Kempers zugänglich gemacht haben.
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