Brennglas Mitteleuropa

In Jan Křens voluminösen Kompendium „Zwei Jahrhunderte Mitteleuropa” wird ein historisch gewachsener kultureller Raum zeitgleich in seinen widersprüchlichen regionalen Ausprägungen in Augenschein genommen

Von Volker StrebelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Volker Strebel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die vorliegende Publikation, aufgeteilt in zwei umfangreiche Teilbände, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Mitteleuropa vom späten 18. Jahrhundert bis zur Jahrtausendwende genauer auszuleuchten. In seinem Vorwort hat der deutsche Historiker Martin Schulze Wessel die kulturelle wie politische Aufladung des Begriffs „Mitteleuropa“ in der jüngeren Vergangenheit hervorgehoben. Lange vor dem Zerfall des „real existierenden Sozialismus“ hatten vor allem tschechische Schriftsteller wie Václav Havel und Milan Kundera eine Diskussion über Mitteleuropa entfaltet, die freilich nicht in den offiziellen Medien geführt werden durfte. 

Die Teilung Europas in den Jahrzehnten des Kalten Krieges hatte mittels der Blockmentalität die undifferenzierte Unterscheidung zwischen Ost- und Westeuropa zur Folge. Mitteleuropa war somit aus dem aktuellen Blickfeld gerutscht, seine jahrhundertealten gewachsenen Bezüge und Traditionen liefen Gefahr, in Vergessenheit zu geraten. Zu Zeiten einer Teilung Europas, getrennt durch den Eisernen Vorhang, wirkte die geographische Tatsache, dass Wien östlich von Prag liegt, geradezu irritierend. 

Der tschechische Historiker Jan Křen (1930-2020) hat sich in seiner Heimat unermüdlich der Erforschung geschichtlicher Hintergründe gewidmet. Sein Hauptwerk Die Konfliktgemeinschaft. Tschechen und Deutsche 1780-1918 war der Ausleuchtung der deutsch-tschechischen Nachbarschaft gewidmet, welche er „zu den historisch ältesten Beziehungsgeflechten im mitteleuropäischen Raum“ einordnete. Dabei war auch Jan Křen, wie tausende andere Intellektueller in der Tschechoslowakei, einem Berufsverbot unterworfen. In den Jahrzehnten der sogenannten „Normalisierung“ konnten seine Studien lediglich im Untergrund oder im Ausland erscheinen. Erst nach der „samtenen Revolution“ im Herbst 1989 waren sie in der ČSSR wieder allgemein zugänglich.

In seinem letzten umfassenden Werk Zwei Jahrhunderte Mitteleuropa, 2005 in Tschechien erschienen, wird der deutsch-böhmische Fokus gehörig ausgeweitet. Im abgedruckten Vorwort zur tschechischen Ausgabe grenzt Jan Křen sein Anliegen ein: „In diesem Buch wird der Begriff Mitteleuropa verwendet, der sechs unmittelbare oder historische Nachbarn umfasst – Polen, Magyaren, Slowaken, Tschechen, Deutsche und Österreicher“. Da es sich um Regionen handelt, die in weiten Teilen bis 1918 in den Herrschaftsbereich der Habsburger Monarchie eingegliedert waren, wird der Blick zudem auf Kroatien, Slowenien oder Italien ausgeweitet und auch auf Minderheiten bezogen. Auch dem Schicksal der Juden in den besonderen Entwicklungsphasen wird eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet. 

In einer einführenden umfangreichen „Historiographie“ wird das Anliegen der ausgebreiteten Unternehmung erläutert und mit dem neuesten Forschungsstand abgeglichen. Am Ende eines Abschnitts angehängte Exkurse zu Biografien, Begriffen und zur Kultur erleichtern Zugänge und erhöhen nicht zuletzt die Lesbarkeit. Diese „Biogramme“ porträtieren ausgewählte Persönlichkeiten. Bei den namentlich gekennzeichneten Ergänzungen hatte der Autor auf Kollegen der jüngeren Generation zurückgegriffen, zumal sie Erkenntnisse neuester Forschungen einbrachten. 

Die historische Ausgangssituation beginnt im Kapitel „Mitteleuropa an der Schwelle zur Neuzeit“. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln werden die entstehenden Nationalbewegungen wie auch die Revolutionen im 19. Jahrhundert dargestellt, wobei als eine Besonderheit dieser Untersuchungen zugleich die Verschränkung politischer wie wirtschaftlicher Faktoren mit kulturellen und sozialen Besonderheiten zum Ausdruck kommt. So verleihen exemplarisch scheinbar grundverschiedene Aufrisse wie „Das Lebensmilieu der Arbeiterschaft im Frühkapitalismus“ oder „Das Slawentum“ der Zusammenschau ihren besonderen Reiz. Regierungskrisen, Wahlrechtsreformen oder die Rolle der Kirchen werden ebenso abgehandelt wie aufkommende politische Strömungen – etwa des Liberalismus – sowie das Spannungsverhältnis zwischen Demokratisierung und Nationalismus. Es entfaltet sich ein widersprüchliches Geflecht von Interessen und Absichten, Gegenbewegungen und schicksalhaften Umständen. 

In ähnlicher Weise werden Schlüsselthematiken wie „Die Anfänge der Modernisierung“, „Die Jahrhundertwende“ oder „Der Erste Weltkrieg“ wie in einem Prisma verdichtet. Die Spannbreite erstreckt sich über den Vorabend des Krieges bis zum „Zerfall der Monarchie“. Neben dem Hauptaugenmerk auf die politischen Entwicklungen in Deutschland und Österreich, Böhmen, Polen und Ungarn werden in Exkursen kulturelle wie religiöse Aspekte ausgeleuchtet.

Der erste Teilband wird mit den Themenkomplexen „Die Zwischenkriegszeit“ und „Der Zweite Weltkrieg“ abgeschlossen. Dabei wird den Verästelungen nationaler Befreiung und Selbstdarstellung in der Folge des Versailler Vertrages nachgegangen. Zusehens drängte die Alternative zwischen Demokratie und Diktatur in das Geschehen. Eine entfesselte Phalanx von Erpressung und brutaler Gewalt sollte eine nie dagewesene Dynamik auslösen, welche den historisch gewachsenen Raum für immer veränderte. Wie ein Fanal markierte die Shoah, die rassisch motivierte Vernichtung der Juden, das Ende einer bislang maßgeblichen Zivilisation. Unfassbares Elend wie auch dramatische Schicksalsläufe erhalten zusätzlich unter den Stichworten „Emigration“, „Kollaboration“, „Vertreibung“ und „Widerstand“ multiperspektivische Aufhellungen. 

Es dürfte nicht zuletzt der historischen Lage nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geschuldet sein, dass die Themenblöcke des zweiten Teilbandes etwas komprimierter zusammengefasst sind. Das Kapitel „Mitteleuropa nach dem Krieg (1944/45 – 1948/49“ dokumentiert die Zustände jener sogenannten kleinen Länder im europäischen Zentrum, die in verheerender Weise unter die Räder von Naziherrschaft und Weltkrieg geraten waren. Nach Kriegsende hegten sie anfängliche Hoffnungen auf eine mögliche mitteleuropäische Perspektive in Frieden und Freiheit. Doch es obsiegte die machtpolitische Dominanz der Siegermächte. In besonderer Weise machte sich dies in den Ländern bemerkbar, die von der Roten Armee befreit worden waren. Bis in die unmittelbare Gegenwart hinein wird dort Wert auf die Feststellung gelegt, dass einer unzweifelhaften Befreiung von der Unterdrückung der Naziherrschaft keine Freiheit gefolgt war. 

Besonders aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die Darstellungen, auf welche Weise nach Kriegsende die sogenannten „Volksdemokratien“ in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei zustande gekommen sind und wie sich in der sowjetischen Besatzungszone die DDR gebildet hatte. Die sich bereits abzeichnende Teilung Europas in Ost und West zog unwillkürlich die Austrocknung der kulturellen und politischen Vielfalt in den Ländern östlich des Eisernen Vorhanges nach sich. 

Die Abstufungen und Varianten in der Entfaltung der sowjetischen Hegemonie referiert Křen auch an diesem geschichtlichen Abschnitt in bewährter synoptischer Darstellung. In gleicher Weise überträgt er dieses methodische Vorgehen auf „Die Langen Fünfziger Jahre“, „Die Sechziger Jahre“ und „Die Siebziger Jahre“ übertragen. Spätestens mit der Kollektivierung der Landwirtschaft (mit Ausnahme Polens) wurden traditionell gewachsene gesellschaftliche Formationen einer zunehmenden Devastierung unterworfen. Im Verbund mit der Verstaatlichung der Industrie, oft genug noch vor der Machtübernahme der Kommunisten in die Wege geleitet, formierten sich totalitäre Regierungssysteme. Der kompilatorische Forschungsansatz von Jan Křen, der Differenzierungen innerhalb verschiedener Länder ebenso wie das Ineinander von Mikro- und Makrogeschichte aufgreift, vermag somit auch in besonderer Weise den Bogen von der sozialpsychologischen Deformierung der menschlichen Persönlichkeit bis hin zur Bedrängung eines historisch gewachsenen kulturellen Wertekanons in den Ländern des „real existierenden Sozialismus“ aufzuzeigen. Diese Entwicklungen sind nicht ohne Widersprüche und auch nicht ohne innere Widerstände abgelaufen. So hat Křen sowohl historische Brennpunkte wie etwa den Ungarnaufstand von 1956, den Prager Frühling von 1968 und wiederholte polnische Aufstände im Blick wie auch systemimmanente, reformkommunistische Strömungen. In den Jahren der sogenannten Entspannungspolitik hatten sich zunehmend bürgerrechtliche und oppositionelle Stimmen nicht mehr in derart brutaler Weise unterdrücken lassen, wie es zu den Hochzeiten des Stalinismus der 1950er Jahre der Fall gewesen war. 

Mit dem Kapitel „Das Ende des Kommunismus – Die Demokratische Revolution“ endet eine ausführliche historische Analyse, die zugleich Ausblicke auf eine Zukunft in freier Selbstbestimmung der mitteleuropäischen Länder bereithält. 

Die Gleichzeitigkeit in sich widersprüchlicher Bestrebungen und unterschiedlicher Entwicklungsstände kennzeichnen den Komplex „Mitteleuropa“. Jedoch war über die Zeiten hinweg, bei allen Abstufungen, die zivilisatorische Ausrichtung nach Europa verbindend gewesen. Unter dem Slogan „Rückkehr nach Europa“ war etwa die „samtene Revolution“ im November 1989 in der ČSSR erfolgt und illustrierte stellvertretend für den mitteleuropäischen Raum, dass die erfolgten Beitritte in die Europäische Union wie auch in die NATO gleichsam organisch erfolgten. Nicht von ungefähr hatte der tschechische Schriftsteller Jiří Gruša dem Kampfbegriff einer „Osterweiterung“ die legitime „Westverlängerung“ entgegengehalten. 

Angesichts der stupenden Bandbreite der abgehandelten Themen wie auch des Umfangs bleibt es nicht aus, dass kritische Anmerkungen gemacht werden können. Bei den präsentierten Statistiken und Zahlen wünschte man sich zuweilen Hinweise auf deren Quellen. Eindeutig unzutreffend ist der Hinweis, dass der Roman Doktor Schiwago von Boris Pasternak 1955 in der Sowjetunion erscheinen durfte. Tatsächlich wurde er erst 1988 in der späten Phase von Michail Gorbatschows „Glasnost“-Politik in vier Fortsetzungen der Zeitschrift „Nowy Mir [Neue Welt]“ veröffentlicht. 

Es liegt ein gewaltiges Kompendium vor, das nicht zuletzt hinsichtlich der grenzüberschreitenden Betrachtungsweise überraschende wie lohnenswerte Einblicke bereithält. Zudem werden Auskünfte für aktuelle Fragen hinsichtlich eines dynamischen geopolitischen Areals angeboten.

Titelbild

Jan Křen: Zwei Jahrhunderte Mitteleuropa. Vom Beginn der Moderne bis zur Jahrtausendwende.
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2025.
1346 Seiten ,
ISBN-13: 9783525371084

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