Aufholen, einholen, überholen
In Verena Keßlers „Gym“ gibt es keine Grenzen
Von Lena Kleinen
Mit ihrem dritten Roman Gym führt die deutsche Schriftstellerin und Werbetexterin Verena Keßler ihr Publikum unmittelbar ins Fitnessstudio und inszeniert das Gym als einen Ort, an dem politische und gesellschaftliche Konflikte sichtbar werden. Doch es handelt sich nicht um ein gewöhnliches Gym: „Das MEGA GYM war kein Fitnessstudio wie jedes andere, das MEGA GYM war ein Palast aus glänzenden Oberflächen“. Auf einer Etage von 3500 m2 erstrecken sich „ein Cardiofloor, ein Kraftfloor, ein Freihantelfloor, zwei große Kursräume, […] bodentiefe Fenster und überall Spiegel, Spiegel, Spiegel.“
In diesem Hochglanzpalast bewirbt sich Keßlers namenlose Protagonistin auf einen Thekenjob, bei dem sie, vorzugsweise in knalligen Tops und engen Leggings, Protein-Shakes wie den „Muscle-Hustle“ zubereiten und verkaufen soll. Um den Job trotz Speckrollen zu bekommen, zögert sie nicht lange und erfindet eine plausible Erklärung: „Ich habe gerade erst entbunden.“ Die Strategie geht auf und schnell durchschaut sie das Fitness-Geschäft: „no pain, no gain“, „use it or lose it“, „your body, your choice“ und auch sie beginnt auf Fitnessgeräten die beste Version ihrer selbst zu werden.
Der Ehrgeiz der Protagonistin wird immer größer, als sie die Bodybuilderin Vick kennenlernt und mit ihr auch die Möglichkeit, sich der patriarchalen Schönheitsnorm zu entziehen. Doch aus dem Vorbild wird schon bald eine Konkurrentin, aus ihrer Faszination wird Obsession, aus ihrem Ehrgeiz selbstzerstörerischer Zwang und immer wieder drängen sich verstörende Erinnerungen an ihr geheimnisvolles Vorleben in ihr Bewusstsein. Der Roman folgt zwar einer chronologischen Handlung, wird aber immer wieder von Rückblenden in die Vergangenheit unterbrochen, in der sich die Protagonistin in einem renommierten Unternehmen von einem Business-Auftrag zum nächsten kämpft. Statt Steroiden gibt es hier Ibuprofen, um die tägliche Arbeit bestmöglich zu überstehen. Krank sein geht nicht:
Auf dem Weg zur Arbeit ging ich in die Apotheke. Hustenblocker, Nasenspray, Koffeintabletten, Ibu, Grippostad. Die Apothekerin bestand darauf, mich ausführlich über Neben- und Wechselwirkungen aufzuklären, obwohl ich ihr deutlich zu verstehen gab, dass ich dafür keine Zeit hatte. Kaum hatte sie mir die Ware ausgehändigt, ging ich zum Wasserspender, füllte einen der kleinen trichterförmigen Pappbecher und warf unter ihrem missbilligenden Blick alles auf einmal ein.
Keßler gelingt es, den schillernden Leistungswahn des Fitnessstudios geschickt auf die Gesamtgesellschaft zu übertragen. Sie zeigt, was es heißt, wenn selbst Stipendien, Masterabschlüsse und Praktika in Hongkong und Seoul nicht ausreichen, um sich von der Masse abzuheben; was es heißt, am besten sein zu müssen und wie diese Anforderungen gerade unter Frauen – die in einer männerdominierten Leistungsgesellschaft um begrenzte Anerkennung ringen – ein enormes Konkurrenzdenken befeuern.
Sprachlich bleibt Keßler ihrem Setting treu. Die einzelnen Romansequenzen sind in Trainingseinheiten strukturiert und die Sprache ist durch asyndetische Aufzählungen von Schnelligkeit und Hektik durchzogen, die den Leistungsdruck unterstreichen:
„Rolle 6, Winkel 11, Sitz 2, Gewicht 30“, hatte Ferhat mir in den Plan geschrieben. „Beine beugen, 3 Sätze, 15 Wiederholungen.“
Auch die vielen kurzen Dialoge am Thekentresen verdeutlichen das oberflächliche und sexistische Klima des MEGA Gyms:
„Was machst du eigentlich, wenn du nicht hier bist?“ „Suchst du noch einen Trainingspartner?“ „Ich kenn da eine super Methode, um Kalorien zu verbrennen.“ „Soll ich dir mal meine Lieblingsübung zeigen?“ Zwinker-zwinker.
Sprachlich fängt die Autorin das gläserne, grelle und vor allem laute Leben des Gyms überzeugend ein, sei es durch Interjektionen, Anglizismen oder Großschreibung:
„GO! GO! GO!“, schrie Swetlana in ihr Headset. Sie stand jetzt in den Pedalen, Endspurt, auch die Kursteilnehmer fuhren stehend, den Oberkörper dramatisch nach vorn gebeugt […]. „I JUST WANNA MAKE YOU SWEAT, DE-DÖ-DÜM-DÜM-DÜM-DÜM-DEDÖDUM“, schepperte der finale Song aus den Boxen […].
Verena Keßler übt mit ihrem Roman nicht nur scharfe Kritik, sondern versteht es auch zu unterhalten. So möchte man auch als Leser*in immer schneller, weiter und weiter lesen, um den fortlaufenden Wahnsinn zu sehen, der sich schließlich in einem blutigen, abstoßenden und ekelerregenden Bodyhorror entlädt. Doch gerade in dieser körperlichen Radikalität liegt der Reiz des Romans. Dabei sind einige szenische Passagen definitiv nichts für schwache Nerven. In seiner Brutalität erinnert der Roman an den Film The Substance (2024) und gehört ebenso wie dieser auf die große Leinwand.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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