Heidelbeerhimmel

Sarah Kirschs vorbildlich ediertes „Tagebuch aus der Wendezeit“ dokumentiert brillant und schnoddrig nichts weniger als einen weltpolitischen Umbruch

Von Volker StrebelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Volker Strebel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Tagebuch aus der Wendezeit enthält Eindrücke, Erlebnisse und Reflektionen der Lyrikerin Sarah Kirsch (1935-2013) aus dem Zeitraum zwischen 31. August 1989 und 18. März 1990. In diesen knapp sieben Monaten hatten die politischen Ereignisse in den Ländern des sogenannten „real existierenden Sozialismus“ zunehmend dramatische Verläufe angenommen. Auslöser war die vom Generalsekretär der mächtigen kommunistischen Partei der Sowjetunion Michail Gorbatschow angestoßene Reformpolitik unter den schnell an Popularität annehmenden Schlagworten „Umbau“(Perestrojka) und „Offenheit“(Glasnost). Niemand hatte freilich ahnen können, daß mit der angestrebten Reformierung des vollkommen maroden Systems des „realen Sozialismus“ dessen Abschaffung eingeleitet worden war.

Als junge Dichterin hatte sich Sarah Kirsch bereits in den 1960er Jahren in der DDR einen Namen gemacht und ihre eigenständige Stimme wurde auch über die Grenzen des Landes hinweg wahrgenommen. Als kritische Sozialistin hatte sie, wie viele andere Schriftsteller ihrer Generation, ihre politische Hoffnung auf eine DDR gesetzt, die vor dem Hintergrund der Katastrophe des Nationalsozialismus ein neues Deutschland aufzubauen vorgegeben hatte.

Spätestens nach der Ausbürgerung des kritischen Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR im November 1976 hatten sich jedoch alle Hoffnungen auf eine Reformierbarkeit der DDR als Illusion erwiesen. Sarah Kirsch, die gegen Biermanns Ausbürgerung protestiert hatte, wurde 1976 aus der SED und dem Vorstand des Schriftstellerverbandes der DDR ausgeschlossen. Seit 1977 lebte sie mit ihrem Sohn Moritz im Westen. 1983 hatte sich Sarah Kirsch in einem früheren Schulhaus in Schleswig-Holstein niedergelassen, in welchem eine ganze Reihe ihrer ausdrucksstärksten Werke sowie in späteren Jahren eindrucksvolle Aquarelle entstanden waren.

Auch das vorliegende Tagebuch aus der Wendezeit ist von der Landschaft und seiner nordischen Natur durchdrungen. Katzen, ein Hund und ein Esel, wie auch Schildkröten und einige Schafe prägten Leben und Tagesablauf der Dichterin. Im Norden fühlte sie sich zuhause und immer wieder betören unheroische Bilder aus ihrer Umgebung, wie etwa die Beschreibung eines Sonnenuntergangs: „Die Güllesilos flammen auf und jede Erhebung. Sieht wieder alles so tropisch aus wie bei Nolde. Heidelbeerhimmel wurde es nun“. Ein idyllisches Leben auf dem Lande, ganz ohne Politik? Weit gefehlt! In atmosphärisch dichter Weise kommentiert Sarah Kirsch Meldungen verschiedener Nachrichtensender und Zeitungsveröffentlichungen über die Umbrüche in Mittel- und Osteuropa.

Die Berichte aus der DDR werden ironisch kommentiert, die Grenzöffnung in Ungarn oder auch die dramatischen Ereignisse in der bundesdeutschen Botschaft in Prag aufmerksam registriert. Zugleich betont sie ihre wiederholt vorgetragene Distanzierung zur DDR: „Hab die Nase voll von dieser verfluchten DDR und den feigen Intellektuellen, die sich nun brüsten oder wie Heym verlogene Memoiren schreiben“.

Auch die zweifelhafte Rolle anderer DDR-Schriftsteller wird harsch benannt. Eine jahrzehntelange Freundschaft mit Christa Wolf fällt in diesen Monaten einer zunehmenden Entfremdung zum Opfer, aber noch finden Telefonate statt. Der 2019 veröffentlichte Briefwechsel Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt dokumentiert eine Entzweiung, die letztlich den politisch unterschiedlichen Schlussfolgerungen beider Schriftstellerinnen bezüglich der deutsch-deutschen Entwicklung geschuldet war. Im Dezember 1990 versickerten die letzten Briefe.

Neben politischen Nachrichten findet ein ganz prosaischer Alltag mit Wetterbericht und Blick in den Garten statt: „Dies sind meine Mitteilungen aus dem täglichen Leben. Wunderbar. Nix besonderes, dies habe ich immer am liebsten“. Unterbrochen wird dieses Landleben durch eine kürzere Lesereise nach Finnland und Schweden. Längst schon ist Sarah Kirsch mit baltischen und skandinavischen Literaten befreundet.

In zunehmend rigoroser Ablehnung reagiert die Autorin auf die öffentlich vorgetragenen Reformankündigungen der regierenden Kommunisten in der DDR nach der Absetzung der alten Führungsfigur Erich Honecker. Sarah Kirsch kannte ihre Pappenheimer. Egon Krenz, Hans Modrow oder Gregor Gysi verkörperten in ihren Augen ein abgewirtschaftetes System, das sich unter allen Umständen mit bloßen Versprechungen und ohne strukturellen Umbau den Machterhalt zu sichern suchte. In aller Abfälligkeit interpretierte sie das zögerliche Handeln einer Obrigkeit in der DDR, die ausschließlich unter dem zunehmenden Druck steigender Demonstrationsbereitschaft in den großen Städten sowie einer dramatisch anwachsenden Anzahl von DDR-Bürgern reagierte, die täglich das Land verließen.

Sarah Kirschs politische Erfahrung bewahrte sie freilich nicht vor Fehleinschätzungen. So stellte sie zum Beispiel Michail Gorbatschows Reformwillen angesichts seines schwankenden Vorgehens in der Sowjetunion infrage oder betitelte den bundesdeutschen Kanzler Helmut Kohl hartnäckig und deutlich abfällig mit „Birne“. Auch den überwältigenden Wahlsieg der CDU bei der ersten freien und zugleich letzten Wahl zur Volkskammer der DDR am 18. März 1990 hatte sie in dieser Konsequenz nicht erwartet.

Gut möglich, dass sich Sarah Kirsch für die Zukunft einen freien und vor allem ökologisch ausgerichteten Sozialismus gewünscht hätte. Ihre politischen Erlebnisse hatten sie jedoch ausgiebig gegenüber Machenschaften kommunistischer Taktik nachhaltig sensibilisiert. Am heutigen Russland zeigen sich die schrecklichen Folgen, wenn alte Machtstrukturen beibehalten und lediglich die ideologischen Aushängeschilder ausgewechselt werden. Dies zu erleben war der Liebhaberin russischer Literatur Sarah Kirsch erspart geblieben.

Titelbild

Sarah Kirsch: Ich will nicht mehr höflich sein. Tagebuch aus der Wendezeit, 31. August 1989 bis 18. März 1990.
Edition Eichthal, Eckernförde 2022.
263 Seiten , 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783981706673

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