Programm und Provokation: Canetti

Ein Handbuch beleuchtet Leben und Werk von Veza und Elias Canetti und lässt ihnen ihre Geheimnisse

Von Heribert HovenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heribert Hoven

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Jüngere, wenn sie sich im Audio-Streaming-Dienst Spotify für ein Hörbuch von Canetti interessieren, erfahren dort, dass der Nobelpreisträger von 1981 als vergessen gilt. Dass auch seine erste Frau Veza eine respektable Autorin war, blieb über lange Zeit unbekannt. Diesem Umstand versucht ein Handbuch aus dem Metzler-Verlag abzuhelfen, das die beiden in einem wissenschaftlichen Doppelporträt gleichsam ins Rampenlicht rückt und das deshalb konsequenterweise einfach „Canetti“ heißt. Hintereinander werden zuerst (warum eigentlich?) das Leben von Elias Canetti (1905-1992), sein einziger Roman, „Die Blendung“, seine Theaterstücke, seine Autobiographien, seine Aufzeichnungen und Briefe und anschließend, soweit veröffentlicht, Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Briefe von Veza Canetti (1897-1963) und deren Lebensumstände untersucht, jedoch auf kleinerem Raum. Die „strickte Parallelität“ ist also Programm, und doch gerät sie für den Leser bisweilen zur Provokation, wenn er sich beim Nachschlagen oder Stöbern fragt, von welchem Canetti die Rede ist. Die abschließende „Zeittafel“ versucht eine Unterscheidung zwischen den beiden, was Veza betrifft, mit Unterstreichungen, nicht immer konsequent.

Nach der Werkanalyse, die zuverlässig den Forschungsstand einschließt, untersucht das Handbuch Kontexte des Schaffens, vor allem die Beziehung zu Autoren und Künsten, danach typische Themen, wie „Akustische Maske“, Groteske/Karikatur, Mehrsprachigkeit. Wie weit die Zusammenarbeit des Paares ging, können auch die Einzeluntersuchungen nicht völlig klären, trotz vieler Indizien, wie sie etwa A. Wilkening in ihrer Dissertation („‚Leb für Deine Werke.‘ Literarische Wechselwirkung zwischen Veza und Elias Canetti", 2016) anführt. Immerhin scheint, so Helmut Göbel, ein Teil der Übersetzung von Upton Sinclairs Roman „Alkohol“ aus der Feder von Veza zu stammen.

Bei allem steht eher Elias im Vordergrund. Eine Ausnahme bildet der Artikel von Irmela von der Lühe zu dem posthum veröffentlichten Roman „Die Schildkröten“ von Veza Canetti. Von der Lühe interpretiert das Werk im exquisiten Rahmen der Exilschriftstellerinnen als herausragendes Beispiel der literarischen Moderne.

An Besonderheiten hat das Künstlerpaar, das sich 1924 in Wien bei einer Lesung von Karl Kraus kennenlernte, einiges zu bieten, was im Umkreis einer an wunderlichen Paarungen nicht gerade armen Künstlerblase durchaus bemerkenswert ist. Als Nachfahren von in Osteuropa angesiedelten Sepharden sprachen sie untereinander das seltene Ladino. Obwohl vielsprachig aufgewachsen und nie deutsche Staatsbürger, schrieben sie Deutsch. Im Gegensatz zu den Werken anderer deutschsprachiger Nobelpreis-Kollegen wie Böll oder Grass, die in eine längst überwundene Tagespolitik eingebunden sind, firmieren die Arbeiten der Canettis als zeitlose Parabeln, darin den Werken von Kafka ähnlich, an dem sich Elias Canetti zeitlebens abarbeitete.

Veza veröffentlichte etliche Erzählungen in der sozialdemokratischen „Wiener Arbeiterzeitung“, allerdings unter Pseudonymen, die erst nach ihrem Tod aufgedeckt wurden. Das Mitgefühl für Unterdrückte und Ausgebeutete verließ sie nie. In Buchform erschien zu ihren Lebzeiten nur eine einzige Erzählung in einer Anthologie des Malik-Verlags. Im Exil soll sie ein umfangreiches Schrifttum verbrannt haben. Die Veröffentlichung ihrer Romane erlebte sie nicht. Dabei hatte sie Jahre vor ihrem Ehemann mit dem Schreiben begonnen und den um acht Jahre Jüngeren wohl zu eigenem Schreiben angeregt. Will man dem Handbuch und den meisten der 38 darin vertretenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern folgen, so begründeten die Canettis gar eine gemeinsame „Schreibwerkstatt“, in der sie sich über Themen und künstlerische Gestaltungsmöglichkeiten austauschten.

Mit dem „Anschluss“ Österreichs 1938 begannen für beide Flucht und Verlust. Während Veza in Großbritannien mit Übersetzungen und Schreibarbeiten für den Unterhalt des Paares sorgte, widmete sich Elias seinen Liebschaften. Beruflich blieb er bis zu ihrem Tod im Jahre 1963 nahezu erfolglos. 

Die Einordnung von Vezas Texten bleibt heikel. Die in der „Wiener Arbeiterzeitung“ veröffentlichten Erzählungen gelten als Vorläufer der short stories, sie werden gleichwohl später zu Kapiteln eines Romans, „Die Gelbe Straße“, oder gar zur Grundlage von Theaterstücken. Vielleicht erweist sich die Autorin gerade darin als Vertreterin der Avantgarde, dass ihr germanistische Genre-Zuschreibungen wie jedes Label völlig gleichgültig waren.

Elias Canetti wehrte sich ebenfalls gegen alle Einordnungsversuche seiner Schriften, vor allem in Briefen und Gesprächen, eine Strategie, die Lothar Müller untersucht. Canetti fürchtete, von Fachleuten seiner Disziplin aufs Glatteis geführt zu werden, und beharrte auf der Eigenständigkeit seines Denkens durch formidable Abgrenzungen vom Wissenschaftsbetrieb. Sein Großessay „Masse und Macht“, ist es Soziologie, Anthropologie, gar Mythologie oder einfach nur ungenießbar? Bereits früh äußern Fachleute wie T. W. Adorno oder der Soziologe René König ihre Bedenken. 

Die Authentizität von Elias Canettis dreibändiger „Autobiographie“ ist vielfach angezweifelt worden. Konstanze Fliedl geht „vom Konstruktionscharakter jeder erzählten Lebensgeschichte“ aus. So schafft Canettis Hang zur Selbstinszenierung einen eigenen Wahrheitsbegriff. Er nennt dieses Verfahren „Verwandlung“. Dabei beruft er sich auf das „Fluide“, das allem Lebendigen anhafte. Immer wieder berichtet er von Schlüsselerlebnissen oder von markanten Schreibanfängen, um damit den Texten einen sakralen Charakter zu verleihen. So etwa der Beginn seiner Arbeit an „Masse und Macht“ in Gries im (nicht „am“) Sellrain. In den Tiroler Bergen will er Freuds „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ gelesen und das Gegensatzpaar im Hinblick darauf, was den Einzelnen und was die Masse antreibt, als unvereinbar erkannt haben. In seinen nur zum Teil veröffentlichten „Aufzeichnungen“ zeigt Canetti fernerhin die Fähigkeit, in der Beobachtung kleiner Gesten ein großes Ganzes zu entdecken. Er dachte in Superlativen (das Schönste, das Größte, das Einzige) und entwickelte anhand von im Handbuch behandelten Schlüsselwörtern (Wahnsinn, Blindheit, Tiere) sehr eigenwillige Denkfiguren.

Spekulativ bleibt manches: Welchen unmittelbaren schriftstellerischen Anteil hatte Veza wirklich am Werk ihres Mannes? Hat dieser sie tatsächlich zu acht (illegalen) Abtreibungen genötigt? Starb sie deshalb an gebrochenem Herzen, wie es so schön heißt, oder durch Suizid? 

Was (kritisch) anzumerken ist:

Ob nun das Erscheinen des Handbuchs für die beiden Schriftsteller eine „Nobilitierung“ darstellt, wie die Herausgeber des Handbuchs behaupten, darf zumindest für Elias Canetti bezweifelt werden. War nicht die stolze Reihe von Orden und Auszeichnungen aller Art, vom Büchnerpreis bis zum Nobelpreis, das Erscheinen zweier Werkausgaben, von der Fülle der Sekundärliteratur zu schweigen, bereits Anerkennung und Ehrung genug? Allenfalls Vezas Verdienste werden nunmehr in ein rechtes Licht gerückt.

An die Stelle eines chronologischen Werkverzeichnisses tritt die Nennung der Werke in der biographischen Zeittafel. Die Zusammenführung mit den Werkanalysen ist etwas umständlich, aber lehrreich. Auch die Sekundärliteratur wird nicht in einer Auswahlbibliographie zusammengefasst. Sie findet sich am Ende der Artikel, was Mehrfachnennungen unvermeidlich macht. Sven Hanuscheks grundlegende Canetti-Biographie z. B. wird zwar in fast jedem Artikel erwähnt und; das Personenregister nennt den Biographen nur auf einer einzigen Buchseite.

Einerseits folgen die Artikel einer lexikontypischen Verknappung. Ich weiß allerdings nicht, ob jeder Leser weiß, wer Ernst und Ruth Fischer sind, mit denen die Canettis in Wien befreundet waren. Dies, eingangs in der „Biographischen Skizze“ erwähnt, erfährt man erst in späteren Artikeln. Auch ein „zweiter Preis“ für eine von Vezas Erzählungen bleibt ein Rätsel, bis man darauf hingewiesen wird, dass Veza niemals einen ersten Preis gewonnen hat und in diesem Fall auch kein erster Preis vergeben worden ist.

Andererseits gibt es naturgemäß viele Wiederholungen und Überschneidungen. Musste man jedoch z. B. das spannungsreiche Verhältnis der Canettis zu Karl Kraus immer wieder aufs Neue erwähnen?

Die Artikel folgen in der Regel einem einleuchtenden, durch Zwischentitel hervorgehobenen Gliederungsschema, diskutieren Forschungsfragen und gegebenenfalls auch Zweifel, haben jedoch insgesamt einen eher affirmativen Charakter, was nicht verwundert. Man muss nicht, wie Reich-Ranicki in der FAZ (16.8.1980)

die „Blendung“ als „ungenießbar“ verdammen, die Theaterstücke als „unspielbar“, „Masse und Macht“ als unwissenschaftliche „höhere Lebenshilfe“. Immerhin kann man den Aufsatz von Laura Schütz über „Schriften gegen den Tod“ auch so lesen, dass Elias Canettis überall geäußerter Aufstand gegen den Tod (odi mortem ergo sum) durchaus auf ein Spektrum von Kardinalfrage über Obsession bis zur banalen Marotte einzuordnen ist.

Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass Thomas Bernhard in einem Leserbrief und auf typisch Bernhard´sche Weise den Kollegen als „skurrilen Torschlußphilosophen“, „eine Art Schmalkant und Kleinschopenhauer“ und „Aushilfsphilosophen“ deklassierte („Die Zeit“ vom 27.2.76, S. 55). Dabei liebte Canetti selbst rigorose Urteile und schmähte gnadenlos, wie man besonders dem nachgelassenen Erinnerungspotpourri „Party im Blitz“ entnehmen kann.

Die meisten der im Handbuch vertretenen Forscherinnen und Forscher betrachten Elias Canetti als Solitär, der sich über eine direkte Einflussnahme auf sein Werk erhob. Daran ändern auch die unter „Kontexte“ versammelten Personen (u. a. Bloch, Musil, Kafka) und Themen wenig. „In der Romanästhetik war Canetti seiner Zeit voraus“, urteilt Paul Michael Lützeler. Canetti war ein Vielleser, der ein immenses Interesse an den Werken der Kollegen zeigte. Wenn es Verbindungen gab, dann wird darauf in der Sekundärliteratur hingewiesen. Hier finden sich auch Anknüpfungspunkte, die zeigen, wo Canetti als Brückenbauer in die Gegenwart wirken könnte, etwa bei den animal studies, dem Strukturalismus, dem postkolonialen Diskurs. 

Die jüdische Herkunft der Canettis wird zwar angemessen erwähnt. Verfolgung und Leid der Juden werden in ihren Werken zentral thematisiert. Einen eigenen Artikel zu Judentum und Religion der beiden findet sich jedoch nicht. Lediglich Evelyn Patz Sievers untersucht die Beziehung der beiden zum sephardischen Erbe und zur Figurenzeichnung von Juden. Dabei hatte das Paar im jüdischen Ritus geheiratet, wohl Vezas Mutter zuliebe. In dem Film „Canetti in Zürich“ (YouTube) ist auf Canettis Grab ein schlichtes Holzkreuz zu sehen. Als seien auch hier die Grenzen aufgehoben. Canetti war nach eigenen Worten kein „gläubiger Jude“, nach Natalie Davenport ein Atheist. 

Über Vezas Persönlichkeit erfahren wir nur etwas aus den Äußerungen ihres Ehemanns oder allenthalben noch durch ihre verstreuten Briefe. Insgesamt bewahrt auch das Handbuch ihre viel beschworenen Geheimnisse.

Dass Elias viele Facetten hatte, ein eitler Kauz, ein zugewandter „Guru“ (Hanuschek) war, ist indes kein Geheimnis. Wenn sein hypertrophes Selbstbewusstsein davon ausging, der „Blendung“ noch weitere sieben Romane einer achtteiligen „Comédie humaine an Irren“ und „Masse und Macht“ einen zweiten Band folgen zu lassen, dann weiß man nicht, ob man den darob versagenden Autor oder die angepeilte Leserschaft bedauern soll. Mehr geplant als ausgeführt ist bei Schriftstellern keine Seltenheit; ebenso wie der tägliche Schreibzwang. Die „Aufzeichnungen“, in denen Canetti über alles und jedes schreibt, über die Welt eben, die der Dichter sich zu eigen machen müsse, untersucht Gerhard Kaiser. Die täglichen Notate, Selbstgespräche, von denen „ungefähr ein Zehntel bisher überhaupt bekannt“ ist, weisen eine „erstaunliche Parallelität zum Konzept einer progressiven Universalpoesie“ auf, was, so Gerhard Kaiser, „Friedrich Schlegel als Idee eines unendlichen Buches, eines ewig werdenden Buches vorgeschwebt haben mag.“

Den Drang zu monumentalen Schreibprojekten teilte er in auffallender Weise mit einem anderen Schriftsteller, der allerdings an keiner Stelle des Canetti-Kosmos Erwähnung findet: Malcolm Lowry (1909-1957). Immerhin waren beide Männer mit dem Schriftsteller John Davenport (1908-1966) befreundet. Lowry: vier Jahre nach Canetti geboren, Sohn aus gutem Hause, trotzdem zeitlebens unbeheimatet, voller Selbstzweifel und früh dem Alkohol verfallen, lange mit kleineren Werken unbekannt geblieben, dann 1946 mit dem bereits 1936 begonnenen Roman „Under the Volcano“ zu Weltruhm gelangt; im selben Jahr und beim selben Verlag, Jonathan Cape, erschienen wie die englische Version der „Blendung“: „Auto da Fé“. Das Jahr 46 brachte für beide Autoren den eigentlichen Durchbruch als Schriftsteller. Sollten die shooting stars jener Nachkriegsjahre, die auch in den USA reüssierten und in der Londoner Literaturszene, wie sie Canetti in „Party im Blitz“ beschrieben hat, unterwegs waren, nichts voneinander gewusst haben? Ähnlich wie der „Blendung“ wird auch dem „Vulkan“ nachgesagt, ein Schlüsselwerk des Jahrhunderts zu sein, das die Trunkenheit der Welt als einen Prozess fortschreitender Auflösung beschreibt, deren Ursache im Verfall des abendländischen Denkens liegt. Claudio Magris feiert die „Blendung“ als eine „visionäre und eiskalte Parabel des selbstzerstörerischen Deliriums der abendländischen Vernunft“ (S. 288). Beide Romane enden in abgrundtiefer Hoffnungslosigkeit. So schreibt Lowry: „Und so sehe ich mich zuweilen als einen großen Forscher, der ein außerordentliches Land entdeckt hat, aus dem er niemals zurückkehren kann, um der Welt davon zu berichten; aber der Name des Landes ist Hölle.“ Die Menge nachgelassener Fragmente verrät jeweils das manische Schreiben und den unstillbaren Arbeitsdrang. Wenn Canetti 1973 notiert: „Der Prozess des Schreibens hat etwas Unendliches“, so stellt Lowry sein Schaffen unter den Gesamttitel „The voyage that never ends“. 

Seit 2024 ist Canettis Nachlass der Öffentlichkeit zugänglich. Das Handbuch ist nicht allein für die Forschung geschrieben, es könnte die Arbeiten der beiden Canettis durchaus für eine weitere Leserschaft begeistern. Wird doch heute, beeinflusst durch Soziale Medien, die Bedeutung der Massenpsychologie, der Einfluss von Massen auf die Politik immer deutlicher, sei es in shit storms, Massenaufläufen, Massenpsychose, bis zu Massenfluchten. Andererseits war es immer Aufgabe der Literatur, Personen, vor allem, wenn sie in die Öffentlichkeit drängen, in ihrer Wesenheit zu überzeichnen, alles Themen, die, wie das Handbuch zeigt, auch schon die Canettis umtrieben.

Ein Letztes: Nachdem alle Verlage mit ihren Erzeugnissen digital unterwegs sind; könnte man nicht jeden „Selbstmord“ durch Suizid oder Freitod ersetzen?

Titelbild

Anke Detken / Alexander Košenina (Hg.): Canetti-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung.
J. B. Metzler Verlag, Heidelberg 2026.
425 Seiten , 99,99 EUR.
ISBN-13: 9783476060198

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