Innehalten

Alltagsrettungsprosa von Barbara Krohn

Von Klaus HübnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus Hübner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

2010 hat die in Regensburg und an der Lübecker Bucht lebende Erzählerin und Lyrikerin Barbara Krohn das Buch Alltagsrettung veröffentlicht – 54 kurze poetische Texte, einen für jede Kalenderwoche und zwei noch oben drauf, für den Übergang. Nun hat die Autorin erneut 54 knappe Prosagebilde aus ihrer Werkstatt entlassen. Das ergibt zusammen 108, und was es mit dieser Zahl auf sich hat, erläutert sie in ihrem Nachwort. Begleitet werden die neuen Texte von Zeichnungen der Regensburger Künstlerin Karin Fleischer (1943–2022), deren fließender Strich wunderbar zu ihnen passt, mutet er doch ähnlich leicht und hell und wärmend an wie die poetischen Alltagsrettungen selber.

Barbara Krohns dichte Prosa kann man als ein poetisches Plädoyer dafür lesen, offen und achtsam durch den Alltag zu gehen, stets das Große und Ganze und Tiefe und Weite zu bedenken und dennoch den aufmerksamen Blick aufs Nahe nicht zu verlieren. Was ja schnell geschehen kann in der von Stress, Sorgen oder Ängsten nicht freien Alltagshektik. Sich-Zeit-Nehmen, Innehalten, eine Auszeit nehmen, Sich-selbst-Vertrauen, Resilienz stärken – das predigen Tausende von mehr oder weniger gelungenen Büchern aus der so genannten Ratgeber-Ecke. Man kann sie alle getrost in ihrer Ecke liegen lassen und stattdessen Zeit fließt herein lesen, langsam und aufmerksam. Denn Barbara Krohn zeigt uns, wie sich Alltag und Poesie miteinander verbinden lassen – und wie der Alltag durch Poesie schöner werden kann.

Was lässt sich im Wald, am Strand oder auf einer Parkbank nicht alles entdecken! „Am Meer, ganz gleich an welchem, kannst du dich verlieren, leer werden“. Was kann passieren, wenn man eine Haltestelle zu weit fährt, im Bus, in der U-Bahn, im Zug – „Ein Ausbruch aus dem Plansoll, ein kleines Abenteuer“? Wie kann es einen Menschen verändern, wenn er, vielleicht nach sehr langer Zeit, wieder mal ein Gedicht auswendig lernt? Oder einen alten Hut aufsetzt? Boule spielt? Neue Blickrichtungen, neue Gedanken, andere Gefühle können zu einer bereichernden und beglückenden Erweiterung des Alltagslebens führen, die nichts mit modischem Optimierungswahn zu tun hat. „Den Zauber bewahren, der das Leben durchwirkt“. Auch mal nichts tun: „Denn Nichtstun ist vor allem eines: nichts. Es erklärt sich aus sich selbst, ist so leicht zu lernen und fällt doch so schwer“. Sein-Lassen-Können, Schauen, Staunen – man ist auf der Welt, ist ein Teil von ihr, und sie ist ungeheuer vielfältig … Manche Passagen erscheinen fast schon altersweise, und tatsächlich ist einmal auch vom Ruhestand die Rede, ohne einen Hauch von Sentimentalität oder gar Resignation: „Auch der Ruhestand will gelernt sein – und der Kopfstand gleich dazu, damit das Bild der Welt sich immer wieder neu verrücken kann“. Leben, ein Geschenk, jeden Tag aufs Neue.

Dass 54 kurze Texte ein nicht unbedingt originelles, für manche Leserinnen und Leser vielleicht sogar langweiliges Anliegen transportieren und allein durch ihre poetische Sprache neue Perspektiven öffnen können, funktioniert naturgemäß nur dann, wenn eine außergewöhnliche Dichterin am Werk ist, eine, die leicht und spielerisch mit Sprache zaubern kann. Das ist hier der Fall, und so wünscht man dem Büchlein, das sich auch wunderbar als kleines Geschenk eignet, die ihm gebührende Beachtung.

Titelbild

Barbara Krohn: Zeit fließt herein. Neue Alltagsrettungen.
lichtung verlag, Viechtach 2023.
80 Seiten , 13,90 EUR.
ISBN-13: 9783941306578

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