Vom Fortwirken der Vergangenheit

Svenja Leibers Roman „Nelka“ erzählt ambivalent von den stillen Opfern des Krieges

Von Bernhard WalcherRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bernhard Walcher

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Zucht von Obstbäumen, insbesondere von Apfelbäumen und neuen Apfelsorten, ist deutlich anspruchsvoller, als viele vermuten. Der Hauptgrund liegt darin, dass Apfelbäume nicht sortenecht aus Samen wachsen. Wer den Kern eines Apfels aussät, erhält nahezu nie dieselbe Sorte zurück. Aus jedem Samen entsteht vielmehr ein genetisch einzigartiger Baum, dessen Früchte ganz anders schmecken können als jene des Mutterbaums. Deshalb werden Apfelsorten seit Jahrhunderten durch Veredelung vermehrt. Svenja Leiber hat mit ihrer titelgebenden Nelka eine Frauenfigur erschaffen, die über solches und noch viel weiterreichendes Wissen um das Gedeihen von Apfelbäumen und Obstplantagen verfügt. Dieses Wissen wird ihr einerseits zur Rettung, andererseits aber auch zum Verhängnis.

Nelkas Geschichte bildet in gewisser Weise die Gegenbewegung zur Deportation und Verschleppung (und Ermordung) der westeuropäischen Juden in die Vernichtungslager des Ostens. Denn Nelka wird 1941 als sechzehnjähriges Mädchen gemeinsam mit zahlreichen anderen Frauen und Mädchen aus ihrer Heimatstadt Lemberg – heute das ukrainische Lwiw, zwischenzeitlich das polnische Lwów und nach dem Zweiten Weltkrieg das sowjetische Lwow – zur Zwangsarbeit auf ein norddeutsches Gut verschleppt. Sie muss ihre Familie ebenso zurücklassen wie ihre erste große Liebe. Ein zweiter Erzählstrang zeigt, wie Nelka viele Jahrzehnte später, längst nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, auf das Gut zurückkehrt und sich den Erinnerungen stellt, die sie seit den Kriegsjahren verfolgen. Vor allem der Erinnerung an die merkwürdig anziehende und zugleich abstoßende Beziehung zum Gutsverwalter Marten. Was auf dem zivil verwalteten, aber von den nationalsozialistischen Kriegsmaßnahmen begünstigten und überwachten Obstgut geschieht, scheint zunächst vorhersehbar. Am Ende erweist sich die Geschichte jedoch als weit weniger eindeutig, als man erwartet. Das beginnt bereits mit einer formalen Entscheidung: Für die Schilderungen der Vergangenheit wie auch der Gegenwart verwendet Leiber konsequent das Präsens. Das ist keine bloß grammatische Eigenheit, sondern Ausdruck einer tieferen Wahrheit des Romans. Für die Figuren ist die Vergangenheit niemals vergangen. Sie bleibt Gegenwart, bestimmt Wahrnehmungen, Entscheidungen und Beziehungen.

Zu den beklemmendsten Qualitäten des Romans gehört die intensive Schilderung von Wahrnehmungen nicht nur aus der Sicht Nelkas, sondern auch aus jener Martens. Wer den Klappentext gelesen hat, ahnt bereits, dass sich um den Gutsverwalter ein düsteres Geheimnis rankt und seine Rolle während des Nationalsozialismus keineswegs die eines bloßen Mitläufers war. Dennoch erscheint Marten niemals als eindimensionaler Bösewicht. Das liegt an Leibers außerordentlich differenzierender Sprache, die selbst kleinste Regungen seines Innenlebens sichtbar macht. Seine innere Leere wird immer wieder mit seinem äußeren Erfolg und dem scheinbar gelungenen Familienleben kontrastiert. So gewinnt die Figur menschliche Kontur, ohne dass ihre Schuld relativiert würde. Über Marten und seine Ehe heißt es: „Sie hatten weder große noch kleine Wünsche gehegt. Sie lebten ohne Bild. In jener drückenden Leere, die sie nicht erwähnten. Sie lebten einfach die verbliebenen Jahre herunter. In tagesdichten Schotten, so nannte es Marten.“

Immer wieder verschmelzen vergangene und gegenwärtige Handlungen, Sätze und Erinnerungen werden zu einem intensiven Kammerspiel zweier versehrter Menschen, die einander zur Erlösung brauchen und doch meist aneinander vorbeireden. Der zentrale Dialog zwischen Marten und Nelka, als sie sich zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder im Gutshaus gegenüberstehen, verdichtet die Problematik von Individual- und Weltgeschichte ebenso wie den tiefen Abgrund zwischen zwei Wahrnehmungen derselben Ereignisse: „Es hat sich nicht viel verändert“, sagt sie irgendwann leise. „‚Aber es ist viel Zeit vergangen‘, sagt Marten, als müsste er erklären, dass sich allein darin auch Veränderung verbirgt.“

Wenn sich die beiden beim ersten gemeinsamen Abendessen über Äpfel, Ernten und den Obstanbau unterhalten, entsteht zugleich eine beinahe unheimliche Nähe zwischen ihnen. Überhaupt ist die Geschichte, die Leiber erzählt – oder genauer: die sie im Präsens vergegenwärtigt –, keine Geschichte aus Schwarz und Weiß, aus Schuldigen und Unschuldigen, aus Tätern und Opfern. Sie richtet den Blick auf die Ambivalenzen menschlicher Beziehungen unter extremen historischen Bedingungen. Gerade darin liegt die literarische Kraft des Textes.

Man hätte sich zudem vor der Lektüre kaum ausmalen können, wie viel Erkenntnisreiches über das menschliche Dasein in einem Gespräch über die Aufzucht und Veredelung von Obstbäumen verborgen liegen kann. Wenn Nelka sich an Gespräche mit ihrem Vater erinnert, gewinnt jedes Wort einen doppelten Boden. Die Fragen von Herkunft, Wachstum, Veredelung und Fortbestand werden zu Metaphern für Identität, Erinnerung und die Weitergabe von Erfahrungen über Generationen hinweg. Insofern ist dieses Buch von großer Ehrlichkeit. Es scheut sich nicht, ambivalente Gefühle und widersprüchliche Beziehungsverläufe auszubuchstabieren. Es verweigert einfache moralische Gewissheiten und bleibt dennoch moralisch präzise. Und gerade dadurch entfaltet es seine nachhaltige, berührende Wirkung.

Nelka selbst ist eine Frauenfigur, die man so schnell nicht vergisst. Dass sie dem Roman ihren Namen leiht, verbindet sie mit anderen titelgebenden Frauenfiguren der Weltliteratur: Emma, Nana oder Effi Briest. Mit ihnen teilt sie nicht nur ihr Geschlecht, sondern auch die enge Verknüpfung ihrer Biografie mit einer bestimmten historischen Epoche. Doch Nelka ist mehr als eine Repräsentantin ihrer Zeit. Sie ist eine Überlebende, eine Erinnernde und eine Frau, deren Wissen um die Veredelung von Bäumen schließlich auch zum Wissen um die Brüche und Verwundungen menschlicher Existenzen wird. Gerade darin liegt die Größe dieser Figur – und die bleibende Wirkung von Svenja Leibers beeindruckendem Roman.

Titelbild

Svenja Leiber: Nelka. Roman.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026.
200 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783518432761

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