Erforschung der Völker – nur im Dialog mit ihnen!

„Unerhörtes Sprechen“ von Camille Joseph und Isabelle Kalinowski ist eine tiefgründige Studie über den Anthropologen Franz Boas

Von Martin LowskyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Lowsky

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dieses Werk über den deutsch-amerikanischen Wissenschaftler Franz Boas (1858–1942) ist gut lesbar geschrieben und exzellent übersetzt. Es besticht durch sein sorgfältiges Argumentieren und zeigt, wie hochkarätig die Boas-Forschung in Frankreich ist. Boas war einer der ganz großen Anthropologen und Völkerkundler, kulturrelativistisch orientiert (‚Kulturen‘ gab es für ihn nur im Plural) und in seinem Forschen vorurteilslos – oder zumindest, nach heutigen Maßstäben, vorurteilsarm.

Das Buch besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil werden Boas’ Leben und seine naturwissenschaftliche Ausrichtung beschrieben. Boas, aus Minden stammend und Student in Heidelberg und Kiel mit Promotion im Fach Physik, öffnet sich als Dozent in Berlin der Völkerkunde (angeleitet von Rudolf Virchow und Rudolf Bastian) und unternimmt im Rahmen einer deutschen Polarmission 1883/84 eine Reise zur Baffin-Bay in Kanada, die er kartografisch und ethnografisch erforscht bis hin zu den Gesängen und Mythen der Ureinwohner. Boas geht in die USA, arbeitet 1895–1905 in leitenden Funktionen am American Museum of Natural History in New York (jenem Museum, das auch der alte Karl May aufsucht) und wird 1899 Professor für Anthropologie an der New Yorker Columbia-Universität. Auf vielen Forschungsreisen an die kanadische Westküste und nach Kalifornien widmet er sich vor allem den Kwakiutl (der Name ist ein Oberbegriff für vier indigene Stämme). Franz Boas geht entschieden empirisch vor: Er lernt die fremde Sprache (und entschlüsselt deren Grammatik, die auf ungeahnten Wortkategorien aufbaut), fotografiert und macht Tonaufnahmen. Er sammelt Werkzeuge und Kunstgegenstände und lässt sich Mythen erzählen – alles in großer Zahl, ohne dass er kommentiert, einordnet, gar diskriminiert. Er will Altes erhalten und doch der Zukunft dienen, indem er angesichts des riesigen Materials offen bleibt für Einschätzungen und Analysen, die er selbst und andere Wissenschaftler vielleicht unternehmen werden. Er besteht darauf, der Wissenschaftler müsse „seine Augen erziehen“, damit er schließlich das Wesentliche erkennen kann.

Der Schlussteil des Buches, der dritte Teil, behandelt den Einfluss von Boas auf den berühmten, um zwei Generationen jüngeren Ethnologen Claude Lévi-Strauss. Dieser verwertete vieles von Boas’ mythischen Funden, kümmerte sich aber nicht um die Details der indigenen Erzählweise, sondern um „die strukturalistische Treue“ zum Text, nämlich um angebliche unbewusste Strukturen in den Mythen. Lévi-Strauss hat sich, wie die Autorinnen uns darlegen, als entschieden europäisch geprägter Wissenschaftler, „von seinem eigenen Unbewussten täuschen lassen“.

Das Interessanteste in dieser Studie, ja ihre spezielle Dynamik, liegt in ihrem mittleren Teil, wo, wie eine Zwischenüberschrift sagt, der Schritt „vom Objekt zum sprechenden Subjekt“ stattfindet. Die Autorinnen beschreiben, wie bei Boas, indem er seine Objekte weiter und weiter akkumulierte, die Abneigung vor dem Objekt als solchem wuchs. So wie ein Wort seinen eigentlichen Sinn erst innerhalb eines Satzes erhält, so könne ein Gegenstand erst dann bewertet werden, wenn man seine „surroundings“ betrachtet, die Welt, in dem er handwerklich oder kultisch oder unter beiden Aspekten zugleich benutzt wird. Und diese „surroundings“ erfahre man aus dem Erzählen der Menschen; genauer gesagt: Die Objekte müssen verknüpft werden mit dem „Diskurs der Frauen und Männer“, die diese Objekte herstellen und benutzen, ja auch weiterentwickeln, neu erfinden, in Frage stellen. Letztlich spielen hier „die unendlichen Metamorphosen der Mythen und Legenden“ hinein, Metamorphosen, die Boas immer betont hat. Recht besehen, komme den Objekten in den Händen der Menschen keine spezifische Funktion zu, sie bleiben im Wandel begriffen, und genau dieser trete durch die Worte der Menschen, ihr Reden, ihr Assoziieren ans Licht. Für den Forscher ist der fortwährende Dialog mit den Indigenen unerlässlich.

Camille Joseph und Isabelle Kalinowski vermerken noch, dass Boas durch seinen Gesamtblick auf Sprache und materielle Kultur die Sapir-Whorf-Hypothese der Sprachwissenschaft vorbereitet habe. Vor allem aber kommen die Autorinnen zu dem Schluss: „Das strenge museale Schicksal eines Objekts begriff Boas als Trauer.“ Das ist sehr scharf formuliert, und es könnte sein, dass Boas hier schon überinterpretiert ist. Dennoch macht diese Studie sichtbar, wie hingebungsvoll und konzentriert Boas der indigenen Bevölkerung gelauscht hat und damit ein Vorreiter für jene Menschen von heute ist, die zu Felde ziehen gegen ‚Übergriffigkeit‘ und ‚Appropriation‘ zu Lasten fremder Völker.

Titelbild

Camille Joseph / Isabelle Kalinowski: Unerhörtes Sprechen. Franz Boas und die indianischen Texte.
Wallstein Verlag, Göttingen 2023.
175 Seiten , 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783835353428

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