Klassische Schriften

Mit „Lyrics (1956 bis heute)“ veröffentlicht Paul McCartney ein Kompendium seiner gesammelten Schriften von fast epischem Ausmaß

Von Sascha SeilerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sascha Seiler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eigentlich ist das Timing für Paul McCartneys Autobiografie in Songtexten nicht besonders gut gewählt. Schließlich steht der Winter 2021 ganz im Zeichen seiner ehemaligen Band, der Beatles. Peter Jackson hat mit dem 7-stündigen Dokumentarfilm Get Back eine viel diskutierte Neubearbeitung des Let It Be-Stoffs zusammengestellt, die seit wenigen Wochen bei Disney+ läuft und die je nach Ansicht eine technische Meisterleistung, ein faszinierender Blick hinter die Kulissen der größten Band aller Zeiten oder eine recht dreiste Geschichtsklitterung ist. Dazu kam das obligatorische LP und CD-Boxset sowie ein prächtiger Bildband, der die Dialoge und Bilder aus dem Film enthält und ein opulenter Nachfolger des längst vergriffenen, mit damaligen Mitteln rudimentär gestalteten Buches ist, das der Erstauflage des Let It Be-Albums 1970 beilag. Wenn der Fan das alles kaufen und konsumieren soll, ist er eine Weile beschäftigt, wann soll da noch Zeit (und Geld) für eine zweibändige, fast 1000-seitige Prachtausgabe von McCartneys kommentierten Texten sein?

Die Antwort ist schnell gegeben: Beides sollte man sich aus den Rippen leiern, denn dieser Band ist tatsächlich sein Geld und die investierte Zeit wert. Zunächst sind da die zahlreichen, wunderschönen Bilder, mit denen sich der Künstler, wie er es seit Längerem gerne tut, etwas überinszeniert, deren historischer Wert jedoch unbestritten ist. Und dann sind da die teils sehr ausführlichen Kommentare, die McCartney zu seinen Songtexten abgegeben hat, die einen zwar gesteuerten, aber dennoch interessanten Einblick in sein Denken als Songwriter und natürlich auch als Mensch geben. Keinesfalls ist dieses Buch eine reine Sammlung von Songtexten; das wäre bei einem vergleichsweise schwachen Texter wie McCartney, bei dem ja immer das Gesamtbild gezählt hat, auch etwas kontraproduktiv. Auf den ersten Blick wirkt die alphabetische Anordnung etwas willkürlich, doch wenn man ehrlich ist, neigt man als wohlwollender Beatles-Fan dazu, bei chronologischen Anordnungen gerne mal die Frühphase der Beatles zu überspringen. Dies wird hier ebenso verhindert wie ein Übersehen der schwachen 80er Jahre des Künstlers.

Bei näherem Hinsehen allerdings fällt schon auf, dass die besten Geschichten zu den Songs leider doch nicht erzählt werden. Gerne hätte man noch mehr über die berüchtigten, chaotischen Aufnahmen zum Wings-Klassiker Band on the Run in Lagos/Nigeria erfahren. Im Text zum Michael Jackson Duett Say Say Say geht McCartney auf die schon epische Entzweiung der beiden über die Rechte des Beatles-Songkatalogs (den Jackson ihm vor der Nase weggekauft hat) gar nicht ein. Und auch andere heiße Eisen packt der nach außen notorisch harmoniesüchtige Künstler nicht an. Wie dem auch sei: Lyrics ist trotzdem eine wunderbare Sammlung von Texten, Anekdoten und Bildern des wohl größten Pop-Songwriters aller Zeiten, edel aufgemacht und als Weihnachtsgeschenk sicherlich mehr als geeignet. Natürlich nur, wenn der Beschenkte die oben erwähnten Let It Be-Produkte allesamt schon besitzt.

Titelbild

Paul McCartney: Lyrics. 1956 bis heute.
Verlag C. H. Beck, München 2021.
960 Seiten, 98,00 EUR.
ISBN-13: 9783406776502

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