Wo Worte überdauern
Selma Meerbaum-Eisingers „Blütenlese“ zwischen Rezeptionsgeschichte und digitaler Gegenwart
Von Natalia Blum-Barth
Das Umschlagsbild des Bandes zeigt die im Mai 2023 in Czernowitz eingeweihte Statue der Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger mit einem fest an die Brust gepressten Album. Es stellt das Poesiealbum mit 58 Gedichten des jungen Mädchens dar, das 1942 mit knapp achtzehn Jahren in einem rumänischen Arbeitslager am Flecktyphus starb. Ihren Freunden gelang es, das Poesiealbum zu retten und nach Israel zu bringen. 1979 wurden die 58 Gedichte von ihrem ehemaligen Schullehrer Hersch Segal in Tel Aviv herausgegeben. Im deutschsprachigen Raum erschienen mehrere Ausgaben ihrer Gedichte, herausgegeben von Jürgen Serke (1980, 2005, 2008, 2015), Markus May (2013), Helmut Braun (2013, 2016), Marion Tauschwitz (2014), als Künstlerbuch mit Zeichnungen von Peter Marggraf (2020) und Radierungen von Susanne Theumer (2019) sowie in der Heftreihe Versensporn (2025). Die Übersetzung ins Englische (Harvest of Blossoms: Poems from a Life Cut Short, herausgegeben von Helene Silverblatt im Jahr 2008) trug zur Popularisierung Meerbaum-Eisingers in den USA bei. Mittlerweile sind ihre Gedichte nicht aus dem Kanon der deutsch-jüdischen Shoah-Lyrik wegzudenken.
Norbert Gutenberg, der Herausgeber des Bandes und ein emeritierter Sprechwissenschaftler, begründete bereits 2005 die Rezitationsreihe „Penmentschn/Federmenschen – Jüdisches in Vers und Prosa auf Deutsch und Jiddisch“, in der auch die von ihm herausgegebene und vielbeachtete Anthologie zur Todesfuge Celan und die Anderen erschien. Die Besonderheit dieser Bände besteht darin, dass man über QR-Codes Sprechfassungen aller Gedichte anhören kann. Das Sprechen der Texte ermöglicht einen neuen Zugang und legt die Eigenschaften des Textes offen, die beim Lesen nicht gleich ins Auge springen. So bescheinigt Gutenberg Selmas Gedichten „lyrische Meisterschaft, so zu schreiben, dass Sprachgestalt und Prosodie eine wie selbstverständliche Einheit bilden“. Die Autorin beherrscht die Kunst der Rhythmisierung, die durch unterschiedliche Tempi, Klangfarbenqualität und Intensitätsvariationen erzeugt wird. Sie greift auf die Muster der Mündlichkeit zurück und unterwirft sie virtuos dem Regelwerk des Reims und Metrums.
Die Faszination für Selmas Lyrik erklärt sich jedoch nicht durch ein „starkes Ich“, das Gutenberg im Anschluss auf Wolf Biermann als „Aufgeladen- und Durchwachsensein“ mit und von Weltwirklichkeit beschreibt, sondern durch die Begabung der jungen Dichterin, „etwas Allgemeines, immer Wiederkehrendes, das von der Persönlichkeit des Dichters sich rein und vollständig abgelöst hat“ in Worte zu fassen, wie Oskar Walzel in Schicksale des lyrischen Ichs formulierte. Selmas Gedichten ist die Atmosphäre der Ruhe vor dem Sturm zu eigen, die durch Vorausahnung einer Katastrophe und ihre Unentrinnbarkeit eine unüberwindbare Tragik erzeugt: „Schweigen nur und Schnee“ (Lied), „Bänke stehen wie Träume“ (Farben), „Der Spiegel glänzt und in ihm tickt die Uhr“ (Stille). Naturbilder dienen dabei als Resonanzraum innerer Zustände: Schnee, Regen, Nebel, Wolke, Baum, Hund und Schwalbe werden zu Spiegeln von Einsamkeit, Sehnsucht und Bedrohung. Besonders auffällig ist die synästhetische Verdichtung der Atmosphäre – die Luft erscheint „weich“, „zart“, „klar“ (Abend II, Poem) und wird zu einem sensiblen Medium emotionaler Erfahrung. Märchenhafte Bilder – sanftes, blaues Licht, schaukelnde Wipfel, ferne Schalmei-Klänge – intensivieren die Entrückung ins Imaginäre und schaffen eine Gegenwelt zur bedrohlichen Realität.
Zentral für viele Gedichte ist ein imaginiertes, dialogisch angesprochenes „Du“, das als Projektionsfläche von Nähe und Verlust, Hoffnung und Enttäuschung fungiert. Die Natur wird dabei zum Identifikations- und zugleich zum Fluchtraum: In der Selbstmetaphorisierung „Ich bin der Regen“ verschmilzt das lyrische Ich mit einem Naturphänomen, das Trauer, Bewegung und Entgrenzung symbolisiert. Diese poetische Selbstauflösung verweist auf eine existentielle Grundspannung zwischen Einsamkeit und dem Wunsch nach Einheit mit Welt und Gegenüber. Trotz vieler Unterschiede verbindet der Regen die Gedichte Selma Meerbaum-Eisingers mit den Gedichten von Deborah Vogel, die auf Jiddisch und Polnisch kubistisch angehauchte Texte schrieb und im August 1942 im Ghetto Lemberg umkam.
Gleichzeitig verdichtet sich in vielen Texten ein existenzieller Lebenswille, der sich formal in beschleunigten Rhythmen, verkürzten Versen und eindringlichen Wiederholungen artikuliert. Die Sprache wird drängender, die Syntax knapper, wodurch die Erfahrung von Angst und Bedrohung unmittelbar spürbar wird. Naturlyrik, musikalische Struktur und dialogische Ansprache verbinden sich so zu einer poetischen Form, die zwischen Sehnsucht und Widerstand oszilliert. Meerbaum-Eisingers Gedichte erscheinen damit als fragile, hochmusikalische Sprachräume, in denen sich ästhetische Sensibilität und existenzielle Dringlichkeit auf eindrucksvolle Weise durchdringen. Zahlreiche Gedichte tragen bereits im Titel die Bezeichnung „Lied“ und verweisen damit auf ihren klanglichen Charakter. Wiederholungen, rhythmische Strukturen und lautmalerische Elemente erzeugen eine melodische, beinahe gesungene Sprache, in der akustische und visuelle Wahrnehmungen ineinanderfließen.
Im Abschnitt „Fremdländische Orchideen“ sind Selmas Übersetzungen aus dem Jiddischen, Französischen und Rumänischen sowie aus dem Französischen ins Jiddische versammelt und offenbaren ihre außergewöhnliche Mehrsprachigkeit. Diese Übersetzungen dokumentieren die lebendige multikulturelle Literaturlandschaft der Bukowina und geben Einblick in die poetische Werkstatt der jungen Autorin. Durch die intensive Auseinandersetzung mit Stil, Reim und Melodie anderer Dichter schärft Meerbaum-Eisinger ihr eigenes lyrisches Profil. Die Übersetzungen werden so zu einem wichtigen Bestandteil ihres dichterischen Selbstfindungsprozesses.
Neben jiddischen Dichtern (Itzik Manger, Halper Lejwik, Mordechai Gebirtig) erscheint Stefan Zweig als ein intellektueller Referenzrahmen, der Meerbaum-Eisingers Verständnis von Liebe, Leidenschaft und Not des Daseins nachhaltig geprägt haben dürfte. Das Gedicht, das seinen Namen trägt, ist auf den 24. Dezember 1941 datiert und entstand somit zwei Monate vor dessen Freitod im brasilianischen Exil. In seiner emphatischen, dynamischen Sprache und den langen, pathetisch aufgeladenen Versen hebt es sich deutlich von der sonst eher zarten, naturbildlich grundierten Lyrik Meerbaum-Eisingers ab. Die lexikalische Intensität („leuchtendes, glühendes, rauschendes Leben“) lässt sich als poetische Reflexion auf Zweigs leidenschaftliche Prosa lesen, die Meerbaum-Eisinger sicherlich beeinflusste.
Der Gedichtband wird durch zwei literaturwissenschaftliche Beiträge ergänzt, die historische, rezeptionsästhetische und intertextuelle Perspektiven eröffnen und das Verständnis von Selma Meerbaum-Eisingers Lyrik wesentlich vertiefen. Die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin Amy Diana Colin zeichnet die Rezeptionsgeschichte von Selma Meerbaum-Eisingers Werk nach und würdigt den Verdienst des einstigen Mathematiklehrers Hirsch Segal bei der Veröffentlichung der Gedichte in Israel. Colins materialreicher Beitrag rekonstruiert zudem eindrücklich die Rettungsgeschichte des Poesiealbums, das durch die Freundinnen Renée Abramovici und Else Schächter bewahrt wurde, und erläutert dessen Widmung an Lejser Fichman. Neben biografischen Details bietet der Essay auch einen kurzen kulturhistorischen Abriss der Bukowina und reflektiert die komplexe Frage nach der deutschen Sprache als literarischem Ausdrucksmittel jüdischer Autorinnen in Zeiten nationalsozialistischer Verfolgung.
Der ukrainische Germanist Petro Rychlo, der Selma Meerbaum-Eisingers Gedichte ins Ukrainische übertragen und sich für die Popularisierung der deutsch-jüdischen Literatur in der postsowjetischen Ukraine sehr engagiert hat, verortet die Dichterin im geistig-kulturellen Raum der Bukowina. Er beleuchtet ihre literarischen Bezüge, etwa zu David Hofstein und Jakow Reitler, und richtet den Fokus insbesondere auf die Rezeption ihres Werks in Czernowitz/Tscherniwzi. Dabei hebt er hervor, wie ihre Gedichte in der Ukraine nicht nur gelesen, sondern rezitiert, für die Theaterbühne adaptiert und auch musikalisch inszeniert wurden – unter anderem unter Mitwirkung von Iris Berben. So entsteht das Bild einer jungen Dichterin, deren poetische Stimme weit über ihren Entstehungskontext hinausweist und bis heute im europäischen Kulturraum nachhallt.
Mit seiner Ausgabe trägt Norbert Gutenberg gleichermaßen zur wissenschaftlichen Weiterarbeit wie zu einer breiteren Leserschaft bei. Nicht zuletzt verleiht die mediale Erweiterung durch QR-Codes mit Rezitationen von Anabel Möbius dem Band ein zeitgemäßes, didaktisch anschlussfähiges Format, das zur nachhaltigen Popularisierung von Selma Meerbaum-Eisingers Lyrik beiträgt.
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