Überall Dante

Franziska Meiers „Besuch in der Hölle“ und die Rezeptionsgeschichte der „Göttlichen Komödie“

Von Tobias WeilandtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Tobias Weilandt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es gibt Buchtitel, die allseits bekannt sind, aber dennoch kaum (noch) gelesen werden. Diese Titel rangieren zumeist unter dem Label „Weltliteratur” und oftmals werden sie durch Prädikate wie „monumental” ausgezeichnet. Neue Auflagen und Übersetzungen erreichen meist nur ein kleines Fachpublikum oder literaturhistorisch gebildete Lesende, die diese Titel als „must-reads” verstehen. Und obwohl die Bücher, die sich hinter diesen Titeln verbergen, eben nur von sehr wenigen gelesen werden, können doch erheblich viele Menschen deren Inhalte in zwei bis drei Sätzen wiedergeben – große Erzählungen haben eben meistens einen einfachen Plot. Zitate aus diesen Büchern sind im kollektiven Gedächtnis verankert und die Kenntnis einzelner Personen gehört zum gemeinsamen kulturellen Hintergrund von Literaturinteressierten.

Zu diesen weltbekannten, aber nur sehr selten zur Hand genommenen Büchern zählt fraglos Dantes Göttliche Komödie (im Original: La Divina Commedia). Weithin bekannt ist die Geschichte der Francesca da Rimini, die angeheizt durch die Lektüre der Lanzelot-Sage mit dem Stiefbruder ihres Mannes Ehebruch begeht und deshalb in alle Ewigkeit im zweiten Höllenkreis schmoren muss. Berühmt ist mithin die Höllentoraufschrift „Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren”. Mindestens aber bestimmt die Divina Commedia die grundlegende Vorstellung der Hölle, die unterirdisch liegt und von grausigen Ungeheuern und Teufeln bewohnt ist, die die Seelen der Sünder*innen unentwegt quälen. Dies ist wohl auch darauf zurückzuführen, dass das Neue und das Alte Testament eher vage bleiben, was die Schilderungen der Hölle angeht und einzelne Qualen werden bei weitem nicht so detailliert und eindringlich geschildert, wie in Dantes Opus Magnum

Die Divina Commedia hat ihre anhaltende Prominenz auch nicht nur ihren literarischen Qualitäten zu verdanken, sondern vor allem ihren vielfachen Rezeptionssträngen, die das Versepos seit 700 Jahren in Erinnerung halten. Zu nennen sind hier die Kupferstiche Gustave Dores und die Zeichnungen William Blakes, zahllose literarische Referenzen u.a. bei James Joyce, Thomas Mann, Ezra Pound und leider auch Dan Brown, gefolgt von der steigenden Anzahl an filmischen Verarbeitungen wie Dante’s Inferno: An animated Epic. Dante und die Göttliche Komödie haben schon vor Jahrzehnten die „Hochkultur” verlassen und sind mittlerweile zu einem echten Pop-Phänomen geworden, was der Prominenz von Werk und Autor noch einmal einen ordentlichen Schub verlieh.

Zahlreiche Publikationen liegen mittlerweile vor, die den Spuren der Göttlichen Komödie rund um den Globus nachspüren. Zu nennen sind hier beispielsweise Eva Hölters Der Dichter der Hölle und des Exils (2002), Ernst Robert Curtius Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter (1955), Jackson Campbell Boswells Dante’s Fame in England (1999) und Dennis Looneys Freedom Readers: The African American Reception of Dante Alighieri and the Divine Comedy (2011). Eine Gesamtdarstellung über die globale Wirkung Dantes und seinem Epos seit Erscheinen fehlte allerdings bisher und soll nun von der Romanistin Franziska Meier mit der Arbeit Besuch in der Hölle. Dantes Göttliche Komödie. Biographie eines Jahrtausenbuchs vorgelegt werden. Sie stellt sich vor die Aufgabe, „die Rezeption der Komödie, wie sie sich in ihrer ganzen zeitlichen Länge und transnationalen Ausdehnung darbietet” zu untersuchen und „als Gesamtphänomen zu betrachten.”

Angesichts dieses ambitionierten Vorhabens, liegt die Vermutung nahe, eine viele hundert Seiten starke Materialschlacht für ein Fachpublikum in die Hände gelegt zu bekommen. Falsch gedacht! Meier benötigt schmale 214 Seiten und bewegt sich auf ihren geographischen und chronologischen Pfaden durch 700 Jahre Rezeptionsgeschichte elegant und in luzidem Ton. Zugegeben, ein Blick auf den Titel des Buches, zeigt, wo Meier die Grenzen setzt: In Besuch in der Hölle wird ausschließlich die Rezeption des Infernos bearbeitet.

Leitend für die Autorin sind dabei die Fragen: „Was macht die Göttliche Komödie bis heute so bekannt, erfolgreich und einflußreich?” und „Warum ist Dante zum Popstar geworden und nicht andere italienische Künstler, wie Boccaccio oder Petrarca?” Warum, so lassen sich die Fragen konkreter formulieren, findet die Darstellung vor allem des Infernos noch heute in Computerspielen und vor allem in japanischen Mangas ihren Platz? Was reizt Autor*innen wie Dan Brown, in fantasiereicher Darstellung, die Person Dante in das kriminalistische Geflecht seines Buches Inferno (2013) einzubinden? Und warum gibt es mehr Eiscafés mit dem Namen Dante, als Restaurants, die Michelangelo oder Machiavelli heißen? Warum also wird Dante popkulturell und kommerziell vereinnahmt, Boccaccio, Petrarca, Tizian und andere aber nicht? Worin liegt das “kulturelle Kapital” der Figur Dantes und seines Hauptwerkes?

Es sei bereits hier gesagt: Die gestellten Fragen werden von Franziska Meier nicht in Gänze beantwortet. Dies liegt freilich nicht an irgendwelchen Mängeln ihrer Forschungsarbeit. Die Geschichte der Commedia und die Biographie Dantes sind bis heute lückenhaft und über die Jahrhunderte verzerrt durch Legenden, fehlende Überlieferungen und Falschinformationen. So ist laut Meier bspw. noch nicht einmal gesichert, ob Dante sein Werk tatsächlich Commedia taufte. Nicht nur ihr Kollege Karlheinz Stierle widerspricht ihr da allerdings. Die Frage nach der Authentizität des überlieferten Titels wird bis heute unter Dantist*innen verhandelt. Als sicher gilt hingegen die Hinzufügung des Prädikats „Divina” durch den Autor und ersten Dante-Biographen Giovanni di Boccaccio. Wie dieses „Divina” allerdings genau zu verstehen ist, bleibt ebenfalls bis heute nicht sicher geklärt. Gesichert ist aber, dass der Titel Divina Commedia erstmals 1555 von einem findigen Verleger (Lodovico Dolce) auf das Titelblatt gedruckt wurde.

Dante verdankt seine Bekanntheit zweifellos seiner Commedia. Sein zweitbekanntestes Werk Vita Nuova reicht bei weitem nicht an die Komplexität und literarische Finesse der Göttlichen Komödie heran. Und so nähert sich Meier auch vom Hauptwerk her dem Phänomen Dante. Was ist, so fragt Meier, inhaltlich wirklich von diesem Werk im kollektiven Gedächtnis geblieben? Sie stellt fest, und das ist durchaus nicht überraschend, dass die Inferno-Gesänge weit bekannter sind, als die des Purgatoriums oder des Paradieses.

Nicht nur beginnt die Commedia mit der „Höllenfahrt”. Viele, die einst mit der Lektüre der Göttlichen Komödie begonnen haben, streichen alsbald die Segel aufgrund langatmiger Diskussionen über Planetensphären und Mondflecken. Dantes Besuch im Inferno ist von allen drei Teilen die aufregendste, geht es doch hier Schlag auf Schlag.

Vor allem die Berichte Francesca da Riminis (Meier widmet ihr ein ganzes Kapitel) und Ugolinos erfreuen sich großer Beliebtheit und sind zweifellos die bekanntesten Canti der Commedia. Beide Sujets wurden nicht nur vielfach künstlerisch verarbeitet, sie sind ebenfalls die Teile von Dantes Werk, die 1900 erstmals ins Japanische und Chinesische übersetzt wurden, wie Meier zu berichten weiß. Woher diese Faszination für gerade diese Gesänge stammt, beantwortet Meier nur in den Worten anderer – es ist eben eine Rezeptionsgeschichte, die hier vorliegt und keine psycho-soziale Studie. Zu Wort kommen u.a. Jorge Luis Borges und Voltaire.

Die eigentlichen Leitplanken der vorliegenden Arbeit sind die Vereinnahmungen und Aneignungen des Werkes der vergangenen sieben Jahrhunderte. Und diese führen gelegentlich in ein Kuriositätenkabinett.

So berichtet Franziska Meier bspw. vom kanadischen Psychoanalytiker Elliott Jaques, der erstmalig den Begriff der ‚Midlife Crisis‘ aufs Tapet brachte und als literarisch-phänomenologisches Beispiel die ersten Verse aus der Commedia auf einem Fachkollegium zitierte, um so das Gefühls- und Empfindungsspektrum der Krise eines 36-jährigen Patienten von ihm treffend zu skizzieren. Später gestand Jaques, dass er selbst dieser Patient gewesen sei. Wer hätte gedacht, dass die Divina Commedia als Lebenshilfe-Ratgeber für Midlife-Crisis-Geplagte taugt?

Ebenfalls bizarr aus heutiger Sicht mutet die Diskussion kurz nach Erscheinen der Divina Commedia an, wonach Dante tatsächlich als Besucher der Hölle angesehen wurde. Dementsprechend wurden seine Ausführungen für bare Münze genommen, und anhand der Schilderungen Dantes, Berechnungen des Höllenschlundes vorgenommen. Noch 1587/88 widmet sich kein geringerer als Galileo Galilei der Frage nach Form und Tiefe der Hölle, ausgehend von Dantes Schilderungen.

Mit dem beginnenden Dante-Kult im 15. Jahrhundert, kam ebenfalls die Diskussion auf, inwiefern die Göttliche Komödie ein stilistisches Meisterwerk sei? In der italienischen Volkssprache (Volgare) verfasst, voller „Florentiner Idiotismen” und damit für viele bereits als Literatur disqualifiziert, erkannten einige die „stilistische Perfektion” des Epos, spiegele es doch die „Florentinität” in Sprache und Stil wieder. So fungierte die Göttliche Komödie geradewegs als sprachliches Lehrbuch und Rhetorik-Ratgeber. Ludovico Dolce empfahl vor allem Frauen die Lektüre, „wenn sie sich gepflegt ausdrücken wollten.” Als um 1900 die ersten Übersetzungen in Fernost auftauchten, wurden diese bereits wenige Jahre später wiederum für die eigenen Belange vereinnahmt.

Um 1900 hinterließ Dantes Werk seine ersten Spuren in Asien und hier vor allem in Indien, Japan und China. Erste Übersetzungen der Commedia florierten und Dante wurde von westlich erzogenen Intellektuellen als Reformervorbild instrumentalisiert. Franziska Meier berichtet, dass nach dem Sturz der Quing-Dynastie 1911 (Zusammenbruch des chinesischen Kaiserreichs) und der damit nachfolgenden Gründung der Republik Chinas, „der Ruf nach Erneuerung der chinesischen Kultur und Gesellschaft laut” wurde. Kultur galt für die Reformbewegung als wirksames Mittel zur Abschaffung zahlreicher (konfuzianischer) Traditionen. Hierzu gehörte auch die Abschaffung der damals herrschenden Diglossie, also die Unterscheidung zwischen einer „hohen Schriftsprache”, die der Elite vorbehalten war, und einer Umgangssprache. Radikal wurde auch die Ersetzung des klassischen Chinesisch durch eine europäische Sprache diskutiert. Einigkeit zwischen den Reformern herrschte hier laut Meier allein in der Referenz auf Dante als Begründer und „machtvoller Schöpfer” einer neuen Sprache – des Italienischen – und damit als Vorbild für die Reformbewegungen Chinas zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Dante galt als „Autorität, wenngleich für entgegengesetzte Sprachpolitiken.”

Ein umfangreiches Kapitel widmet Meier der Divina Commedia zur Zeit des Dritten Reiches. Bereits Eva Hölter hatte die Göttliche Komödie als Vorbild von zahllosen Werken der Exilliteratur herausgearbeitet. Dante wurde 1292/93 aus seiner Heimatstadt Florenz verbannt, in die er nie wieder zurückkehrte. Im Exil verfasste er die 100 Canti seiner Göttlichen Komödie.

Hölter zieht detaillierte Vergleiche und weist Motive und Sujets aus Dante in Werken von Werfel, Mann und Broch nach. Franziska Meier stellt sich hingegen anderen Aufgaben. Sie weist keine verarbeiteten Motive nach, sondern rekonstruiert die Diskussion über Sinn und Unsinn, Legitimität und Illegitimität eines Vergleiches des Danteschen Infernos mit der „Hölle” der Konzentrationslager. Handelt es sich um einen legitimen Vergleich? Eine bloße façon de parler oder werden die KZs dadurch „ungebührend literarisiert”, wie Martin Walser einst monierte?

Die Commedia fungierte aber nicht nur als literarische Vorlage und Inspirationsquelle für geflüchtete Literaten. Für Primo Levy galten die Gesänge, die er noch aus Schulzeiten in Erinnerung hatte, als Trost, „Inbegriff der Kultur” und „Vergewisserung des eigenen Menschseins in einer Extremsituation” in einem Land, das ihm als Juden das Menschsein absprach. Sie galt nicht nur als Vademecum, sondern war wiederum auch verschrien als Folterratgeber, der Inspiration zu Methoden gab, die „Höllenqualen” bei den Gepeinigten verursachen sollten. Und dies sind nur einige der vielen Funktionen und Vereinnahmungen, die der Göttliche Komödie in vielen Jahrhunderten widerfahren sind. 

Lesende erhalten Einblicke, teilweise gar Überblicke über die unterschiedlichen Facetten und Epochen der Rezeptionsgeschichte in zahlreichen Regionen. Gleichwohl der Begriff Geschichte eine irgendwie geartete (chronologische) Erzählordnung impliziert, trifft das in Meiers Buch nicht immer zu. Die Kapitel stehen gelegentlich isoliert nebeneinander, was zu leichten Irritationen führt, die die Qualität der Arbeit aber nicht großartig beeinträchtigen. Mit dem vorliegenden Werk ist Franziska Meier eine lesenswerte und materialreiche Rezeptionsgeschichte gelungen, die mal amüsiert, mal schockiert und stets informiert. Sie gewährt einen fast weltumspannenden Blick auf die Wirkungen der ersten 33 Canti (gezählt ab Canto 2) der Divina Commedia in Ländern wie China, Japan, Frankreich und Deutschland und Gebieten wie der Iberischen Halbinsel und deklariert Dantes Versepos damit als einen echten Global Player der Literaturgeschichte.

Titelbild

Franziska Meier: Besuch in der Hölle. Dantes Göttliche Komödie.
Verlag C. H. Beck, München 2021.
214 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783406767234

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch