Gegen den Fluss erzählt

Pascal Merciers fünf postume Erzählungen in „Der Fluss der Zeit“ verstehen das Leben vor allem rückwärts

Von Thomas MerklingerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Merklinger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Schweizer Philosoph Peter Bieri hat parallel zu seiner Lehrtätigkeit angefangen, literarische Werke zu verfassen, bevor er sich schließlich endgültig vom Universitätsbetrieb abwandte. Zu Lebzeiten sind so unter dem Pseudonym Pascal Mercier vier Romane und eine längere Novelle erschienen. Wie man diesen Werken einen philosophischen Hintergrund anmerkt, kleiden auch die postum erschienenen fünf kleineren Erzählungen in dem Band Der Fluss der Zeit theoretische Überlegungen in narrative Gedankenprosa. Der Titel der Sammlung verweist dabei auf die Bemerkung des Ich-Erzählers in der letzten Geschichte, „dass das Verfließen der Zeit unumkehrbar war.“ Das ist sicher richtig. Doch was sich umkehren lässt, ist der Blick, der sich dann im Erzählen auf die verflossene Zeit der Vergangenheit richtet.

Zeit jedoch wird vornehmlich an Körpern sinnfällig. Daher stehen in den Texten vor allem Räume im Zentrum. Es geht um ein Haus, eine Wohnung, einen Parisbesuch, den Lärm in einer italienischen Ferienwohnung und die Rückkehr an den Heidelberger Studienort. In einigen Erzählungen spielen Erinnerungen eine Rolle, aber auch, wie Menschen in komplexen Situationen agieren. Dabei kann man sich aber nur schwer mit den Figuren identifizieren, weil sie nicht als individuelle Charaktere erscheinen, sondern vielmehr als Elemente eines Gedankenspiels. Sie tragen Namen, haben Berufe und sind in soziale Beziehungen eingebunden. Darüber hinaus bleiben sie aber weitgehend leblos und unwirklich.

Besonders auffällig erscheint das bei der Ehefrau eines Busfahrers, der sich an seinem Urlaubsort mit einem Sprung aus dem Fenster getötet hat. Direkt nach der Befragung auf der Polizeiwache kann sie dem Ich-Erzähler am Ort der Tat in unwahrscheinlich klarer, überlegter und teilweise etwas zu hochgestochener Sprache die Ätiologie des Suizids ihres Mannes entfalten. Das ist zwar durch den Erzähler gerahmt und doch passen die in wörtlicher Rede wiedergegebenen Passagen nicht ganz zu der plötzlich Verwitweten. In dieser Erzählung, „Tödlicher Lärm“, verrutschen zudem die Vergleiche: Der massige Mann, dessen Körperfülle in immer neuen Beschreibungen gargantuesker wirkt, fliegt zunächst „pfeilschnell“ aus der Wohnung und über die Brüstung, erscheint dann pleonastisch „wie ein zielstrebiger Läufer, der genau weiß, was er will“ und stürmt schließlich „mit seinen O-Beinen aus der Balkontür […] wie ein Gespenst“. Im Zimmer des elfjährigen Sohnes wiederum finden sich, um den lärmsensiblen Stiefvater mit lauten Geräuschen zu traktieren, wie aus unterschiedlichen Zeiten zusammengewürfelt ein Luftballon, ein Luftgewehr und ein Game Boy.

Vielleicht muss man das einfach hinnehmen, ein großer Stilist ist Pascal Mercier sicher nicht. Die Erzählungen sind dann auch eher gedankliche Miniaturen, die jeweils eine philosophische Frage durchspielen und solchermaßen durchaus einen gewissen Reiz besitzen. So blitzt zuletzt auch in der genannten Erzählung die Frage nach menschlicher Freiheit in der Ausnahmesituation auf. Wie das schon Benjamin Libet mit Bezug auf sein bekanntestes Experiment postuliert hat, kann sich Freiheit auch darin zeigen, einen Handlungsimpuls zu stoppen; Bieri verstärkt dieses Moment schließlich, indem hier ein Initial umgelenkt wird und sich die Ersatzhandlung gar gegen das eigene Leben richtet. Lässt man sich auf das Gedankenspiel ein, wirkt die These nicht unplausibel.

Das gilt ebenfalls für die anderen Erzählungen. Ihr heteronomer Konstruktionscharakter kreist um theoretische Ideen und spart dafür bei der literarischen Glaubwürdigkeit. So führt die letzte Erzählung „Noch einmal die Mansarde“ einen Sprachwissenschaftler zurück an seinen Studienort Heidelberg. Trotz genauer Benennung wirkt die Stadt aber beliebig und fremd, wie auch das Geschehen seltsam zeitlos bleibt und strukturell ebenso gut vor 100 oder 200 Jahren hätte spielen können, als Menschen mit dem Namen „Hubertus Conradi“ noch als junge wilde Modedenker vorstellbar waren. Und auch der „CC“ genannte Erzähler Comelius Clemens scheint sich geistig in der gleichen Welt zu bewegen wie Constantin Constantius, der andere CC, der pseudonym für Søren Kierkegaard als Verfasser von Die Wiederholung firmiert. Als philosophischer Referenztext steht die Schrift erkennbar im Hintergrund. Es scheitert Comelius dann gleichermaßen daran, seine Studientage zu wiederholen beziehungsweise wiederzuholen. Wenn er sich zuletzt schreibend erinnert und die Erzählung dann wohl von ihm verfasst ist, vermischen sich Zeitebenen, so dass Comelius vor dem Kino rauchend gar einem Doppelgänger begegnen kann.

Eine andere Versuchsanlage zeigt sich in „Die Wohnung“, worin wie in einem (moralischen) Schachspiel Handlungsmöglichkeiten durchgegangen werden. Auch die Figuren berechnen dabei die Reaktionen und wissen stets ziemlich genau, was andere denken und empfinden. Es geht um die Frage, ob man einem bedürftigen Freund eine benötigte Wohnung kauft, sofern man das Geld dazu besitzt und es verschmerzen kann. Da diese Frage sofort bejaht wird, ergibt sich als Anschlussproblem, wie man seine eigene Großzügigkeit so vermittelt, dass sie annehmbar bleibt. Als ethisches Gedankenexperiment ist das durchaus interessant, trägt als eigenständige Erzählung aber nur bedingt. Als knappere Erzählskizze – in einem Roman etwa oder als kleines Beispiel in einem theoretischen Text – hätte die fast novellistische Situation, auf die der Text zusteuert, womöglich eine stärkere Wirkung entfaltet.

Dabei besitzen die Ideen Bieris einen spannenden Kern. In der Eröffnungserzählung „Die Übergabe“ etwa, wenn Wohnen und Leben in einem emphatischen Sinn so miteinander verschränkt sind, dass dies an Martin Heidegger erinnert. Mit dem verkauften Haus wird hier auch ein Leben übergeben, das für die neuen Besitzer in seiner aufgeladenen Erinnerungsstruktur nicht greifbar sein kann. Durch ihren alltäglichen Gebrauch sind die Gegenstände mit dem Dasein des Vorbesitzers verbunden. Zu jedem Element des Hauses, das fast hundert Jahre in Familienbesitz gewesen ist, könnte er auf seiner Abschiedstour durch die Zimmer die jeweilige Handhabung erklären und eine Geschichte erzählen. Innerhalb des Hauses kommt den Gegenständen eine eigene Wertigkeit zu, die sich nur für den ehemaligen Bewohner erschließt. Jenseits der Mauern hingegen werden sie selbst für ihn bedeutungslos und verkommen zu unnützen Dingen. 

Durchdringt die Zeit dort als Erinnerung sinnhaft eine Immobilie, wird sie in der dritten Erzählung „Warten auf den Befund“ selbst thematisch, da angesichts der Möglichkeit einer schlimmen medizinischen Diagnose die Wartephase zum Anlass wird, bilanzierend zurückzublicken. Die potenzielle Verkürzung der Lebenszeit ist zwar angstbesetzt, eröffnet aber neue Perspektiven. Die Erzählung unterscheidet sich vom Rest, weil sie als einzige nicht aus subjektiver Position geschildert wird. Während die anderen Texte Beobachtungen und Gedanken einer Figur oder eines Paares präsentieren, wird die Auseinandersetzung mit der projektiven Wirklichkeit einer Erkrankung zunächst aus höherer Warte erzählt. Wie in der Heidelberg-Erzählung allerdings will die Hauptfigur Jan Winter die Wahrheit der eigenen Gefühlslage aufschreiben, aber „[e]rst, wenn die Erfahrung abgeschlossen war.“

Die titelgebende Zeit der Erzählungen ist so allerdings nicht im Fluss, sondern stets rückblickend festgehalten. Selbst die direkte Auseinandersetzung mit der noch unbekannten Diagnose steht im Präteritum und scheint zudem erst wirklich beendet, sobald sie mit einigem Abstand aufgeschrieben ist. Das erinnert an die bekannte Tagebuchbemerkung Kierkegaards, die als eine Einsicht der Philosophie anführt, dass „das Leben rückwärts verstanden werden“ müsse. In diesem Sinne bleibt Bieri dann auch ganz Philosoph, denn er erzählt seine Geschichten gleichsam gegen den Fluss.

Titelbild

Pascal Mercier: Der Fluss der Zeit.
Erzählungen.
Carl Hanser Verlag, München 2026.
112 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783446285774

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