Selbst Aristoteles ist nicht sakrosankt
Nach rund 850 Jahren hat Helga Köhler das „Megalogicon“ Johannes’ von Salisbury als Erste ins Deutsche übersetzt
Von Rolf Löchel
Mehr als 850 Jahre nach ihrer Niederschrift wurden Johannes’ von Salisbury unter dem Titel Metalogicon veröffentlichten Schriften in einer denkbar langwierigen Arbeit erstmals von Helga Köhler ins Deutsche übertragen. Zudem hat sie Johannes’ Text mit überaus kenntnisreichen und instruktiven Fußnoten versehen. Sie sind das Ergebnis einer jahrelangen Recherchearbeit, weisen sie doch nicht nur das umfangreiche Quellenmaterial aus, sondern legen auch zahlreiche verdeckte Zitate offen. Des Weiteren weist Köhler stets darauf hin, wenn ihre Übertragung des lateinischen Textes nicht der gängigen englischen Übersetzung von John Barrie Hall entspricht, und begründet, warum sie ein Wort oder eine Wendung anders interpretiert als er und sie darum auch anders übersetzt. „Das übergeordnete Ziel“ ihrer Übertragung besteht darin, „deutschsprachigen Lesern einen Text zu bieten, der nicht nur zum Verstehen seines Inhalts verhilft, sondern auch – soweit das möglich ist – seine literarischen Qualitäten erkennen läßt“. Ersteres ist ihr gelungen, letzteres entzieht sich der Beurteilung des Rezensenten. Allerdings befremdet es ein wenig, in ihrer Übersetzung auf den modischen Anglizismus „Hardliner[…]“ zu stoßen.
Köhler hat das Metalogicon nicht nur übersetzt und in Fußnoten kommentiert, sondern Johannes’ Schrift auch eine ausführliche Einleitung vorangestellt, in der sie einen Abriss seines Werdegangs bietet und die Absicht erläutert, die der Autor verfolgte. Johannes von Salisbury wollte der Herausgeberin zufolge mit seiner „Verteidigung der Logik“ nicht etwa „eine intellektuelle Fertigkeit um ihrer selbst willen […] vermitteln“, vielmehr betrachtete er „Logik und Dialektik als Werkzeuge im Dienst anderer Disziplinen, allen voran der Ethik“, die ihrerseits „alle anderen Teilgebiete der Philosophie überragt“. Des Weiteren stellt Köhler in der Einleitung „die Frage nach der literarischen Gattung“ des Metalogicon, deren Beantwortung, wie sie einräumt, „einen in Verlegenheit bringen [kann]“. Denn der „unsystematisch[e] bis chaotisch[e]“ Text wurde nicht zuletzt von einem „ziemlich hemmungslose[n] Ich-Erzähler“ verfasst, sodass ein Werk entstand, das zum einen Anteile einer Biografie und Streitschrift aufweist, zum anderen aber auch eine ausführlichere „philosophische Abhandlung zum Universalienstreit und zur Psychologie der Wahrnehmung und Erkenntnis“ bietet. „Darüber hinaus“ führt das Metalogicon „ein lebendiges Bild der Frühzeit der Universität von Paris und der dort Lehrenden“ vor Augen, stellt Überlegungen zu „Wahrheit und Wahrscheinlichkeit“ an und enthält „manches Bedenkenswerte für Bildungstheoretiker und Bildungspraktiker“. So kenntnisreich und erhellend Köhlers Ausführungen zum Leben und Wirken Johannes’ von Salisbury auch sind, so ist doch zu beklagen, dass sie keine näheren Informationen zur Wirkungsgeschichte des Metalogicon mitteilt.
Im Folgenden sollen vor allem Johannes’ Ausführungen zur Philosophie, namentlich zur Logik, Dialektik und Erkenntnistheorie, im Zentrum stehen, nicht hingegen seine autobiografischen Ausführungen.
Der Titel Metalogicon klingt zwar altgriechisch, ist aber eine Wortschöpfung seines Autors, der dieser Sprache tatsächlich gar nicht mächtig war. Er habe den Titel gewählt, erklärt Johannes, weil es sich bei seiner Schrift um eine „Verteidigung der Logik“ handele, die er wiederum als „Lehre vom Sprechen und Erörtern“ verstehe. Die Logik, so präzisiert er, sei diejenige „Methode des Erörterns, durch welche der gesamte Wissenschaftsbetrieb auf festen Grund gestellt wird“. „Erörtern“ wiederum „bedeutet, irgendeinen Sachverhalt, der im Zweifel steht oder sich widersprüchlich verhält oder etwas, das sich so oder auch anders darstellt, unter Anwendung logischen Denkens zu beweisen oder zu widerlegen“.
Das Metalogicon gliedert sich in vier Bücher, die in teils großen zeitlichen Abständen verfasst wurden. So liegen zwischen der Niederschrift des zweiten und des dritten Buchs nicht weniger als 20 Jahre. Jedes der vier Bücher wird mit einem Prolog eröffnet, ihm folgen etliche oft kürzere Kapitel, deren Anzahl zwischen zehn (drittes Buch) und 42 (viertes Buch) beträgt.
Anders als viele philosophische und andere Werke nicht nur seiner Zeit erhebt Johannes mit seinem Metalogicon nie den Anspruch, absolute oder endgültige Wahrheiten zu verkünden, sondern stellt sich ganz im Gegenteil ausdrücklich der Kritik. So betont er gleich zu Beginn seiner Schrift: „[Ich] schwöre […] nicht, daß das, was ich sage, die Wahrheit ist.“ Vielmehr gibt er sich „mit der Plausibilität zufrieden“. Die Lesenden, stellt er anheim, mögen „nach Belieben das Ganze und jede Einzelheit überprüfen“. Auch kündigt er auf den ersten Seiten an, er werde stets „ohne Verunglimpfung der Person“ Andersdenkender „gegen ihre Meinung vor[…]gehen“, denn „nichts ist abscheulicher als, wenn eine These oder Ansicht nicht behagt, den Namen ihres Urhebers in den Schmutz zu ziehen“. Diesen guten Vorsatz der strikten Trennung von Autor und Werk scheint er im später verfassten zweiten Buch allerdings nicht länger zu verfolgen, erklärt er doch nun, „ein wissenschaftliches Werk schlechtreden, heißt doch unzweifelhaft, seinen Autor zu verunglimpfen“. Den von ihm gehuldigten Eklektizismus wiederum rechtfertigt Johannes damit, dass er „nicht über genügend eigene Waffen verfüg[t]“, weshalb er „ohne Unterschied von den Geschossen aller [s]einer Freunde Gebrauch [macht]“.
Die zentralen Begriffe seiner erkenntnistheoretischen Überlegungen sind Vernunft, Verstand, Grammatik und Dialektik. Während Johannes in der Vernunft die „Mutter des Wissens“ ausmacht, gilt ihm der Verstand als diejenige Instanz, die „sorgfältig und fleißig alles [prüft], was wahrgenommen und empfehlenswert oder empfohlen ist“. Seine Urteile fällt der Verstand „aufgrund der Beschaffenheit der Einzeldinge“. Die Grammatik wiederum bildet den Geist für all das vor, „was mit Worten gelehrt werden kann, damit er fähig wird es aufzunehmen“.
Logik und Dialektik unterscheiden sich dem Autor zufolge dadurch, das erstere „mit dem Ziel der Wahrheit“, letztere „mit dem Ziel einer Meinung“ betrieben werde, während sich, wie er kritisch anmerkt, die Sophisten schon alleine damit begnügen, „wenn etwas wenigstens wahrscheinlich zu sein scheint“. Allerdings vermöge nur die Dialektik Fragen zu „erledigen“, „die sie selbst betreffen“, wie „beispielsweise, ob bejahen (affirmare) dasselbe ist wie aussagen (enuntiare) oder ob beide Seiten [eines Widerspruchs] gleichzeitig bestandhaben können“. (Die Einfügung in den eckigen Klammern hat die Herausgeberin vorgenommen.) Dazu, andere Fragen zu beantworten, „erhebt sie [die Dialektik; Anm. RL] sich nicht“.
Im Zentrum des zweiten Buches steht der damals hochaktuelle Universalienstreit. Zunächst referiert Johannes von Salisbury ausführlich die unterschiedlichen Positionen, ohne allerdings Vollständigkeit zu beanspruchen. Anschließend schlägt er sich aus guten Gründen und unter Berufung auf Aristoteles ganz auf die Seite der Nominalisten, wohingegen er sich „auf keinen Fall der Lehre Platos an[schließen]“ möchte. Seine Argumentation gründet sich darin, dass die „Genera und Spezies“ nichts weiter als „eine Art künstliche Bildungen des Verstandes [sind], der sich ein wenig genauer darin übt, die Realität zu erforschen und zu systematisieren“. Es handele sich bei ihnen also um „Urbilder der Einzeldinge, doch sind sie das mehr zum wissenschaftlichen Gebrauch“.
Das dritte Buch bietet im Wesentlichen eine Darstellung und Interpretationen von Aristoteles’ Organon, die bis in die ersten Kapitel des vierten und letzten Buches hineinreichen. Dabei erörtert Salisbury auch Umfang und Grenzen der Möglichkeit menschlicher Erkenntnis im Vergleich zu denjenigen Gottes und der Engel. Auch auf die Tiere geht der Autor in diesem Zusammenhang kurz ein. Sie können ihm zufolge zwar nicht „vernünftig denken“, dennoch gesteht er ihnen ein Unterscheidungsvermögen zu, da sie andernfalls nicht lebensfähig wären. „Die Würde des Menschen mit dem Gebrauch der Vernunft und des Wortes [übertrifft]“ somit zwar „die Natur der übrigen Lebewesen“, reicht aber selbstverständlich nicht an die Gottes oder auch nur der Engel heran.
Auch in den weiteren Kapiteln des vierten Buches erörtert Johannes erkenntnistheoretische Fragen. So legt er dar, dass der ratio „die Überprüfung der Sinne [obliegt]“. Dabei „übersteigt“ sie „jede sinnliche Wahrnehmung und ihr Urteil dringt sogar in die immateriellen und geistigen Dinge ein“. Somit, so folgert Johannes, gibt es auch „außerhalb von dem, was die Sinne wahrnehmen“, Wissen.
Johannes’ wichtigster Gewährsmann in Sachen Logik und Erkenntnistheorie ist der von ihm hochverehrte Aristoteles, der als „Fürst der Peripatetiker“ „beinahe alle anderen Philosophen in beinahe jeder Hinsicht übertraf […], weil er die Methode des Beweisens gelehrt hat“. So sei Aristoteles nicht nur der „Urheber“ der Logik, der dieser „Kunst“ ihre Regeln gab, sondern auch der „Erfinder“ der Dialektik. Daher könne er, Johannes, sich „nicht genug darüber wundern, was für einen Charakter Menschen haben, wenn sie denn überhaupt einen haben, die diese Werke des Aristoteles [namentlich das Organon, Anm. R.L.] kritisieren, welche zu kommentieren ganz und gar nicht meine Absicht war, sondern nur, sie anzupreisen“. Nach dieser geradezu hymnischen Lobpreisung seines Mentors räumt Salisbury einigermaßen überraschend dann aber doch ein, dass sich selbst Aristoteles, obzwar er „in der Logik herausragend“ gewesen sei, „in vielen Dingen geirrt“ habe und er darum durchaus nicht „sakrosankt“ sei.
Der Autor beendet seine Schrift nicht etwa mit der Begründung, alles gesagt zu haben, sondern damit, dass es angesichts des „Tod[es] unsres Herrn des Papstes Hadrian“ nun „eher Zeit zu weinen als zu schreiben“ sei.
Bemerkenswert ist, dass auch Johannes von Salisbury, wie schon viele vor ihn und noch viele nach ihm, gelegentlich ein seit der Antike quasi subkutan wirksames Ordnungsschema anwendet, das zuerst von Else Jerusalem in ihrer Untersuchung Die Dreieinigkeit der menschlichen Grundkräfte (1939) offengelegt wurde. 1991 wurde es von dem 2025 verstorbenen Marburger Philosophen Reinhard Brandt – ohne dass er Kenntnis von Jerusalems Werk hatte – in seiner Monografie D’Artagnan und die Urteilstafel wiederentdeckt und an zahlreichen Beispielen belegt. Brandt fasste das Schema in die ‚Formel‘: 1, 2, 3 / 4. Wie er in dem von ihm 2013 herausgegebenen Sammelband Die Macht des Vierten erläutert, „ordnet“ die „Matrix“ des Ordnungsschemas „ein Mannigfaltiges in drei übersichtliche Positionen und schließt dann ein Viertes an, das keinen weiteren Inhalt hinzuaddiert, sondern die Dreiheit als vollständig bestätigt, sie zur gesicherten Wirklichkeit gelangen lässt oder auch ihre Zusammenkunft begründet“.
Bei Johannes ist das nun etwa der Fall, wenn er „Lesen, Lehre, Nachdenken und beständig Üben“ als die „wichtigsten Maßnahmen zur Einübung in die gesamte Philosophie und in die Tugend“ aufzählt. Die ersten drei Momente dieser Quadriga „bringen Wissen hervor“, das vierte festigt es, ohne weiteres Wissen hinzuzufügen. Ein zweites Beispiel des besagten Ordnungsschemas betrifft die Dialektik, deren drei „Fakultäten Physik, Ethik und Logik […] jede ihre Fragen“ hat und die „jede mit ihren eigenen Prinzipien gewappnet ist“. Dennoch benötigen sie als Viertes „die Logik“, die „ihnen allen gleichermaßen ihre Methode“ liefert. Hier findet sich die besagte Matrix sogar gleich doppelt. Zunächst sind es die drei Fakultäten, die gemeinsam ein Viertes (die Dialektik) bilden, zudem erhält diese Trias ihre Methode wiederum von einem Vierten, der Logik.
Diese, so referiert Köhler Johannes in ihrer Einleitung,
befähigt den Sprecher dazu, sich klar und verständlich auszudrücken, und sie hilft dem Hörer, den Sinn des Gesagten eindeutig zu erfassen. Im Verein mit der Dialektik gibt sie Methoden der Prüfung an die Hand und ermöglicht damit das Urteilen über Richtig und Falsch, über Wahrheit und Lüge.
Sodann stellt Köhler die rhetorische Frage: „Müßte nicht gerade heute ein solches Instrument hochwillkommen sein?“ Selbstverständlich ist sie uneingeschränkt und nachdrücklich zu bejahen.
Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg
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