Blick zurück aus der Zukunft
Der Roman „Was wir wissen können“ von Booker-Preisträger Ian McEwan gehört zu seinen schwächeren Romanen
Von Peter Mohr
Eine tragische Liebesgeschichte, einen verwinkelten Krimi und eine abenteuerliche Zeitreise zwischen Weltuntergang und Literaturgeschichte legt uns der 77-jährige britische Schriftsteller Ian McEwan mit seinem 18. Roman vor.
Etwa zu der Zeit, als das darniederliegende Deutschland von Großrussland einverleibt wurde, war die Erdbevölkerung in Folge von Tsunamis, Kriegen, Hungersnöten und Krankheiten auf knapp vier Milliarden gesunken. Und inmitten all dieses Unheils schuf die Weltliteratur ihre schönsten Klagegesänge, hinreißend nostalgisch, voll beredter Wut – Meisterwerke, so unser Versprechen, die wir gemeinsam studieren würden
, heißt es bei McEwan.
Wir befinden uns im Jahr 2119, die Menschheit hat Kriege und Katastrophen hinter sich. Es ist von Atomschlägen die Rede, von einem Amerika im Bürgerkrieg und einer großen Überflutung im Jahr 2042, ausgelöst von einer fehlgeleiteten russischen Wasserstoffbombe. Was einst England war, ist nun ein Archipel versprengter Inselchen. Einzig verbliebene Weltmacht scheint Nigeria zu sein. „Alles, was je durchs Internet strömte, ist wohlbehütet in Neu-Lagos gespeichert und wurde längst katalogisiert.“
Im Mittelpunkt steht der vereinsamte Literaturwissenschaftler Tom Metcalfe („Biograf der Reputation eines ungelesenen Gedicht“). Sein Spezialgebiet ist die Literatur der Jahre 1990 bis 2030 – vor allem das von Geheimnissen geprägte Werk des fiktiven Francis Blundy. Blundy hat seiner Frau Vivien 2014 zum 54. Geburtstag ein hoch gerühmtes Gedicht geschenkt. Doch dieser „Sonettenkranz für Vivien“ ist nur an einem Abend unter Freunden vorgetragen worden, und es rankten sich fortan mysteriöse Legenden um diese Verse. Aus Briefen, Tagebüchern und über 200.000 SMS versucht Tom, diesen legendären Abend rund um das verschwundene Manuskript zu rekonstruieren. Toms biografisches Interesse an der leicht exzentrischen Dichtergattin Vivien wird zunehmend schwärmerisch und bewegt sich abseits der wissenschaftlichen Pfade.
„Fast unmerklich wurden meine Tagebucheinträge zum Bericht meines besseren Selbst. Ich hätte es abgestritten, aber mit der Zeit hörten die Einträge auf, privat zu sein. Ich hatte einen Leser im Sinn“, bekennt Vivien.
Tom nimmt große Beschwernisse auf sich, um das Manuskript zu finden und seine wissenschaftliche Neugierde zu stillen. Um von seiner Uni in Südengland in die Bodleian Library zu gelangen, die in neuen Archivgebäuden auf den Bergen des Snowdonia-Nationalparks untergebracht ist, muss er sich mit Leihfahrrädern, Segelbooten und batteriebetriebenen Fähren abquälen. Dort macht er einen ungewöhnliche Fund – nicht die gesuchte, verschollene Pergamentrolle mit dem Sonett fällt ihm in die Hände, sondern eine konservierte 170-seitige Lebensbeichte der Vivien Blundy, mit dem Geständnis einer Rachetat.
McEwans verschlungenes und über Gebühr ausuferndes Erzähllabyrinth enthält viele inhaltliche Sackgassen, und es fehlt ein durchgängiger roter Faden. Die Figur des Literaturwissenschaftlers Tom Metcalfe bleibt seltsam blass, er sucht und forscht sich wie eine blutleere Hülle durch die geheimnisvolle Welt des Ehepaares Blundy.
Die Abgründigkeit, die oftmals tiefen existenziellen Krisen und die ganz scharf konturierten Menschenbilder wie in McEwans besten Romanen Liebeswahn (1998), Abbitte (2001), Saturday (2005) und Am Strand (2007) sucht man hier leider vergebens. Der Booker-Preisträger des Jahres 1999 holt diesmal erzählerisch ganz weit aus und lässt auf Seite 287 einen kompletten Perspektivwechsel folgen und dann Vivian Blundy erzählen, doch auch der Turnaround von der Dystopie zu einer Art selbstentlarvenden Beichte kann den Roman nicht wirklich retten.
Ein paar eingebaute Statements von Rose, einer Kollegin von Tom Metcalfe, die die zurückliegende Epoche der Blundys charakterisiert, lesen sich wie gegenwärtige Posts aus Social Media – es ist die Rede von „der Gehässigkeit der sozialen Medien“, der „selbstsüchtige[n] Kurzsichtigkeit“ und von „Torheit, Verlogenheit oder Boshaftigkeit der Politiker“. Alles andere als tiefgehende rückblickende Befunde.
Unter dem Strich bleibt nur der Enthusiasmus, mit dem Metcalfe geforscht hat, verbunden mit seinem unerschütterlichen Glauben an die Schönheit und die Kraft der Literatur. Ian McEwan hat selbstverständlich mehr im Sinn gehabt. Was wir wissen können gehört fraglos zu seinen schwächeren Romanen.
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