Streitbar, wehrhaft und militant – kann die Demokratie sich selbst retten?
Einige Überlegungen zur Textsammlung „Karl Mannheim: Militante Demokratie. Reden zur Re-Education“
Von Karl-Josef Müller
Von den sechs Texten, die in dem in Rede stehenden Sammelband enthalten sind, stammen die ersten beiden mit den Titeln Diagnose unserer Zeit sowie Erziehung, Soziologie und das Problem sozialer Bewusstheit aus dem Jahr 1943, bei den weiteren vier Texte mit den Titeln Das Problem der Neuerziehung, Wie ist Neuerziehung möglich?, Die Rolle der Universitäten und Die Zukunft der Erwachsenenbildung handelt es sich um vier von insgesamt sechs Radiobeiträgen aus dem Jahr 1945.
Antisemitismus und Rassenhass lautet der Titel des ersten der damaligen Radiobeiträge, dessen schriftliche Form nicht überliefert wurde und dessen Inhalt sich folglich auch nicht annähernd rekonstruieren lässt. Festgehalten werden kann diesbezüglich, dass es Mannheim offensichtlich wichtig war, zu dem zentralen Kennzeichen des Nationalsozialismus Stellung zu nehmen. In den uns nunmehr vorliegenden Radiobeiträgen allerdings fehlt, sofern wir nichts übersehen haben, jeder direkte Hinweis auf die systematische und mit kalter Rationalität geplante Vernichtung des jüdischen Volkes.
Datiert ist der verschollene Beitrag Antisemitismus und Rassenhass auf den 8. Juli 1945, gefolgt von dem ebenfalls verloren gegangenen Text The Problem of Nationalism vom 15. Juli 1945. Es folgt dann, etwa einen Monat später, The Problem of Re-Education, gesendet in zwei Teilfolgen am 12. und 19. August 1945. Mannheim wendet sich folglich zunächst der Vergangenheit zu, um seinen Blick anschließend, in den uns nunmehr zugänglichen Beiträgen, auf die Zukunft zu richten. Und dies in der Absicht, die Deutschen zu wehrhaften Demokraten zu erziehen. Die Titel der weiteren Vorträge sind quasi selbsterklärend: The Role of the Intelligentsia in Reconstruction vom 23. September 1945, der Text ist nicht erhalten; Das Problem der Neuerziehung, Wie ist Neuerziehung möglich?, Die Rolle der Universitäten sowie Die Zukunft der Erwachsenenbildung.
Unübersehbar glaubte Karl Mannheim an die fraglos gegebene Kraft von Vernunft und Aufklärung im Kampf gegen das Irrationale. Unmittelbar nach einer zwölfjährigen Diktatur, die Millionen von Opfern forderte, erwecken seine Ausführungen den Eindruck, als gelte es nunmehr, lediglich die passenden Stellschrauben neu zu justieren mit dem Ziel, den Dämon des Irrationalen auszutreiben und stattdessen eine wehrhafte, ja militante Demokratie zu etablieren. Soziologie, wie Mannheim sie versteht, verfügt über die pädagogischen Mittel, um eine Erziehung zur demokratischen Mündigkeit zu bewerkstelligen.
Die Vernunft müsse jetzt das Kommando führen, und die Soziologie die Mobilmachung bereitwillig akzeptieren. Diese Überzeugung motiviert Mannheim dazu, eine neue Strategie der Rationalisierung des Irrationalen vorzuschlagen und führt infolgedessen, trotz der grundsätzlichen Kontinuität zentraler Fragestellungen, zu einer anderen Form soziologischer Theorie.
In dem hier zitierten Text Karl Mannheim und die Entmutigung der Intelligenz ist mit Verweis auf Theodor W. Adornos Kritik an Mannheims Argumentation von dessen „Voraussage einer umfassenden, heilenden Planungsvernunft“ die Rede. Wir sind, so Mannheim, dem Irrationalen, dessen Gehalt selbstredend zunächst definiert werden müsste, nicht hilflos ausgeliefert; vielmehr können die Deutschen sich quasi am eigenen Schopfe aus dem Sumpf des Widersinnigen herausziehen, um dergestalt eine wehrhafte, ja militante Demokratie zu garantieren.
Aktuell seien die Überlegungen Mannheims „aufgrund der gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie durch das Erstarken rechtsextremer Strömungen“, so der Herausgeber Oliver Neun zu Beginn seiner Einleitung. Wie aber kann diese wehrhafte Demokratie gesichert werden, wenn eine immer größere Zahl derer, die als Bevölkerung diese Demokratie doch verkörpern, sich extremen politischen Parteien zuwenden? Und dabei meinen wir – wie folgende Worte aus der Tagesschau es nahelegen – nicht alleine rechtsextreme Gruppierungen, sondern auch Teile des linken Parteienspektrums:
Recherchen des Bayerischen Rundfunks (BR) zeigen, dass Funktionäre der Linksjugend Josef Stalin, Mao Zedong und die DDR verherrlichen. Zugleich verbreiten Amtsträger der anerkannten Jugendorganisation der Partei Die Linke antisemitische Aussagen und verharmlosen die Terrormiliz Hamas. Das belegen Posts in Sozialen Netzwerken, Veranstaltungsfotos, Beiträge in Chatgruppen sowie im internen Forum der Linksjugend, in das BR Recherche exklusiv Einblick nehmen konnte.
Werden die Erkenntnisse der Psychologie, Pädagogik und Soziologie konsequent angewendet, so steht nach Ansicht Mannheims einer gefestigten demokratischen Gesellschaft nichts mehr im Wege. Einerseits sollen die Deutschen, die dem Wahn des Nationalsozialismus verfallen waren, unter Aufsicht der Siegermächte erzogen werden, andererseits sollen sie sich im Sinne Kants ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit entledigen.
Karl Mannheim war seit 1930 ordentlicher Professor für Soziologie an der Universität Frankfurt. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft wurde er 1933 entlassen und ging nach London ins Exil.
Nur wenige Monate nach Mannheims Radiobeiträgen erschien 1946 im Eberhard Brockhaus-Verlag ein Buch des Historikers Friedrich Meinecke mit dem Titel Die deutsche Katastrophe. Betrachtungen und Erinnerungen. Wir zitieren im Folgenden aus der 6. Auflage, erschienen im Jahr 1965.
Im Gegensatz zu Mannheim verblieb Meinecke nach 1933 in Deutschland, er war bereits 1932 emeritiert worden. 1948 wurde er zum Ehren-Direktor der Freien Universität Berlin gewählt; 1949 erhielt er die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main; 1951 wurde das Seminar für Mittelalterliche und Neuere Geschichte der Freien Universität Berlin nach ihm benannt. Das geschichtswissenschaftliche Institut der FU trägt bis heute seinen Namen.
Das 9. Kapitel des oben erwähnten Buches trägt den Titel Vom positiven Gehalt des Hitlerismus. Dieser, also der „Hitlerismus“, habe sich darum bemüht, „einer neuen fruchtbaren Volksgemeinschaft“ den Weg zu bereiten. Die Geborgenheit der Volksgemeinschaft sollte die Kälte einer Ansammlung vieler vereinzelter Individuen ablösen.
Verständnis für die Attraktivität derartiger Versprechen darf im Falle Meineckes nicht gleichgesetzt werden mit unkritischer Zustimmung, und dennoch erweckt die Lektüre des Buches im Ganzen den Eindruck, es könne eben doch nicht alles falsch gewesen sein an der ‚Idee‘ des Nationalsozialismus.
In seinem Vortrag Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit aus dem Jahr 1959 verweist Theodor W. Adorno auf einen Gedankengang, der sich auch in Meineckes Überlegungen wiederfindet. Zunächst weist Adorno darauf hin, „Kampfhandlungen im Krieg, deren Modell überdies Coventry und Rotterdam hieß“, seien „kaum vergleichbar mit der administrativen Ermordung von Millionen unschuldiger Menschen. Auch diese Unschuld, das Allereinfachste und Plausibelste, wird abgestritten. (…) so etwas, tröstet sich das schlaffe Bewußtsein, könne doch nicht geschehen sein, wenn die Opfer nicht irgendwelche Veranlassung gegeben hätten (…).“
Und damit kommen wir zurück auf Meineckes Text. Mit Blick auf die Wurzeln des eliminatorischen Antisemitismus im 19. Jahrhundert entwickelt der Historiker folgenden Gedankengang:
Die antisemitische Bewegung vom Beginn der 80er Jahre an brachte ein erstes Wetterleuchten. Die Juden, die dazu neigen, einer ihnen einmal lächelnde Gunst der Konjunktur unbedacht zu genießen, hatten mancherlei Anstoß erregt seit ihrer vollen Emanzipation. Sie haben viel beigetragen zu jener allmählichen Entwertung und Diskreditierung der liberalen Gedankenwelt, die seit dem Ausgange des 19. Jahrhunderts eingetreten ist. Daß sie neben dieser negativen und zersetzenden Wirkung auch recht viel Positives für den Geist und das Wirtschaftsleben Deutschlands geleistet haben, wurde von den Massen derer, die die Schäden des jüdischen Wesens jetzt bekämpften, vergessen.
„[S]o etwas (…) könne doch nicht geschehen sein, wenn die Opfer nicht irgendwelche Veranlassung gegeben hätten“. Es lässt sich wohl nicht exakt rekonstruieren, wann genau Meinecke am Schreibtisch gesessen hat, um derartige Gedanken zu formulieren, die ja nicht seine eigenen sind, sondern sich speisen aus dem Arsenal des allgegenwärtigen Antisemitismus. Konstatieren lässt sich allerdings, dass die Überlegungen Karl Mannheims nahezu zeitgleich mit denen Friedrich Meineckes zu Papier gebracht worden sind.
Antisemitismus wie Rassismus widersprechen einer humanistisch gesinnten Vernunft, wie sie in den ersten Worten des Grundgesetzes niedergelegt ist: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Karl Mannheims Radiovorträge erwecken den Anschein, als könne eine wissenschaftlich fundierte Pädagogik eine Gesellschaft dazu bewegen, diesen ersten Satz zu ihrem kategorischen Imperativ zu erklären.
Diesen Optimismus Mannheims können wir nicht teilen. Die nahezu undurchschaubare Komplexität der Moderne verlangt nach einfachen Antworten, die es nicht geben kann. Das Bedürfnis aber nach Orientierung verführt dazu, denen Glauben zu schenken, die mit Parolen wie „Deutschland den Deutschen“ oder „from the river to the sea“ durch unsere Straßen laufen.
Im Vorfeld zur 100. Ausgabe der Satiresendung Die Anstalt vom 21. Juli 2026, ist es zu einer Diskussion über ein Lied von Danger Dan mit dem Titel Keine Angst gekommen. Weil der Liedtext als Aufruf zur Gewalt verstanden werden könnte, hat sich das ZDF dazu entschlossen, seine Aufführung zu untersagen. Maike Kühl, Max Uthoff und Claus von Wagner, die maßgeblichen Verantwortlichen für den Sendungsinhalt, kommen in der Sendung im Zusammenhang mit diesem Verbot auf einen Text von Karl Loewenstein aus dem Jahr 1937 zu sprechen, der Titel lautet Militant Democracy and Fundamental Rights. Auch Oliver Neun setzt sich in der Einleitung zu Karl Mannheims Texten dezidiert mit den Unterschieden wie auch Gemeinsamkeiten der Konzepte von Mannheim und Loewenstein auseinander. Die Frage liegt auf der Hand, wie genau der Begriff der militanten Demokratie zu verstehen ist. Bereits 1948 äußert der spätere Verfassungsrichter Gerhard Leibholz sich zu dieser Frage, wir zitieren dessen Worte aus der Einleitung von Oliver Neun:
Es ist gelegentlich mit Recht hervorgehoben worden, daß es gegenüber Gruppen, die sich auf die verfassungsmäßig verbrieften Freiheiten nur berufen, um diese nach der Machtergreifung zu vernichten, keine Duldung geben darf, und daß man entschlossen sein muß, den Mut zur Intoleranz gegenüber den Feinden der Freiheit aufzubringen und gegebenenfalls bereit sein muß, die Freiheit sogar gegen die Mehrheit des Volks zu verteidigen, wenn diese bereit sein sollte, auf Freiheit und Vernunft zu verzichten und in einer ideologisch verführten, amorphen Masse zu verschwinden.
Noch ist es wohl nicht so weit, dass „die Mehrheit des Volkes“ bereit ist, „auf Freiheit und Vernunft zu verzichten“; allerdings stellt sich die Frage, wer dieses „man“ sein soll, dem Leibholz die Aufgabe überträgt, als Minderheit den Willen der Mehrheit zu brechen, geschweige denn, wie ein solches Szenario konkret aussehen könnte.
1964 formuliert Ernst-Wolfgang Böckenförde, von 1983 bis 1996 Richter des Bundesverfassungsgerichts, einen Satz, der als Böckenförde-Diktum bekannt wurde und bis in die Gegenwart hinein immer wieder zitiert wird: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Und Böckenförde selbst ergänzt diesen Satz, den er zu Recht als „den meistzitierten Satz meines wissenschaftlichen Œuvres“ bezeichnet, mit folgender Feststellung: „Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist“. Böckenförde stellt die Frage, ob Freiheit ohne Bindung möglich sein kann. Weder die Religion noch „die Idee der Nation“ (Böckenförde) gewährleisten den Zusammenhalt moderner Gesellschaften; wenn dem aber so ist, was hält dann unser Gemeinwesen zusammen in einer Zeit, in der man den Eindruck gewinnen muss, dass der bereits zitierte erste Satz unseres Grundgesetzes für immer mehr Menschen in diesem Lande seine fundamentale Bedeutung verloren zu haben scheint: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
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