Wenn Botschaften lügen

Das schwierige Ringen von Journalisten um die Wahrheit in den Zeiten von „Fake News“ schildert Yassin Musharbash in einem spannenden Polit-Thriller

Von Rainer RönschRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rainer Rönsch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein doppeldeutiger Titel tut jedem Thriller gut. „Russische Botschaften“ – das können die diplomatischen Auslandsvertretungen Russlands sein, aber auch von russischer Seite verbreitete Nachrichten. In diesem Roman lügen beide. Wahrheitsferne „Fake News“ sind mächtige Waffen, die auf der Gegenseite chaotische Verwirrung stiften und so zur „Zersetzung“ beitragen.

Die aus früheren Romanen des Autors bekannte Journalistin Merle Schwalb steht kurz davor, in der Redaktion des fiktiven Berliner Nachrichtenmagazins Globus aufzusteigen, indem sie den freigewordenen Platz bei den Drei Fragezeichen einnimmt. So nennt man dort das ressortübergreifende Trio von Investigativjournalisten mit quasi unbeschränkten finanziellen Ressourcen. Doch als dessen Leiter drauf und dran ist, ihr den Posten anzubieten, fällt – und dieser bemühte Zufall ist eine Schwachstelle des Romans – „weniger als einen Meter neben ihrem Stuhl“ im Außenbereich des arabischen Lokals Damascus Palace in Berlin-Neukölln ein Mann vom Balkon. Tot? Ja, sagt Merle, die schon zu viele Tote gesehen hat. Nein, sagt der Polizeibericht, der Mann wurde schwer verletzt in eine Notaufnahme gebracht. Die Unfallursache sei Unachtsamkeit, es gebe keine Anhaltspunkte für Fremdverschulden.

Ausgerechnet von der deutschen Polizei also stammen die ersten von unzähligen Lügen in diesem spannenden Thriller mit der klug gewählten Erzählperspektive. Die Sicht der erfolgreichen und dennoch von Selbstzweifeln geplagten Journalistin, die es „an ungeraden Tagen“ für möglich hält, gut im Beruf zu sein, „gerade so Erste Liga, nicht abstiegsbedroht“, erzeugt Spannung bei Erfolgen und Rückschlägen in einem Abenteuer, das viel mehr ist als brisante Recherche: das Ringen der Wahrheit mit der Lüge. Merle Schwab, nach eigener Einschätzung „eher groß, eher schlank und eher attraktiv“, weiß nicht, was andere von ihr halten. Sie kennt sich als zögerlich und dann wieder unbarmherzig, voller Skrupel und Unsicherheiten, aber auch als starrsinnig. Und nebenher erfährt man einiges über das journalistische Handwerk, das der Autor selbst glänzend beherrscht: den Aufbau einer Story zum Beispiel oder die Wichtigkeit des ersten Satzes, ohne den gar nichts geht.

Auf den Spuren des Toten, den es offiziell nicht gibt, wird die Journalistin nach und nach fündig. Der Mann war Russe, hieß Anatoli Nowikow und wurde, wie eine Krankenschwester weiß, tot im nächstgelegenen Krankenhaus eingeliefert. Und er war eine „Scheißpetze“, also ein V-Mann, wie jemand vom Staatsschutz des Landeskriminalamts in Anwesenheit des Polizisten gesagt hat, dem er die Falschmeldung vom Schwerverletzten aufnötigte und den die Journalistin mächtig unter Druck setzt.

Dann fühlt sie sich selbst unter Druck vor der ersten Begegnung allein mit Adela von Steinwald, der Gründerin, Eigentümerin, Herausgeberin und Chefredakteurin des Globus. Die Chefin wird in der Redaktion manchmal AvS genannt, meist aber Das Dritte Geschlecht. Zur Genderdebatte soll sie geäußert haben, sie kenne nur ein Geschlecht: das derer von Steinwald. Das Gespräch beginnt mit der Mahnung zu mehr Forsche und endet mit der Zusage, Merle Schwab könne jederzeit kommen, ohne Termin.

Wieder muss der Zufall ran, diesmal nicht so unwahrscheinlich wie der Todessturz fast ins Lokal. Im schmalen Bett des lockeren Kollegen Timur von der liberalen Norddeutschen Zeitung (NZ) reden Merle und er in Andeutungen über ihre Arbeit. Sie hat einen Untoten an der Backe, Timur einen Toten. Und der hat eine Liste mit 25 Namen, Initialen, Mailadressen, Kürzeln und Aktenzeichen hinterlassen, angeblich von Deutschen, die von den Russen gekauft wurden. Kaum ein Leser wird sich wundern, dass der Untote wie der Tote kein anderer als Anatoli Nowikow ist.

Trotz mancher Bedenken kommt es zur heimlichen Zusammenarbeit der Investigativteams von Globus und NZ. Auf der Verdachtsliste steht auch der Leiter des Wirtschaftsressorts der NZ, der besonders raffiniert vorgeht: Unter falschem Namen verreißt er eigene Artikel, in denen er den Kreml attackiert hat. Aber auch Adela von Steinwald ist anhand ihres Geburtsdatums zu entschlüsseln. Sie hat offenbar kein Bargeld bekommen, doch was ist mit der Rückerstattung des alten Gutshauses ihrer Familie nahe dem heutigen Kaliningrad? Die Russen sind dafür bekannt, Immobilien als Bestechung zu verwenden. Die Journalisten wollen über Kreuz attackieren: Globus den Mann von der NZ und diese die Chefin des Konkurrenzblatts.

Es würde zu weit führen, alle Fortschritte und Rückschläge in der Zusammenarbeit der beiden Teams aufzuzählen. Es gibt spannende Szenen auf dem flachen Land in Brandenburg, wo man sich auf dem Grundstück einer Freundin von Merle abhörsicher streitet und wieder zusammenrauft, und weniger spannende mit zwei Hackern namens Nick und Mick, die im östlichen Ausland konsultiert werden. Die beiden bleiben Schemen, aber ihre Informationen haben es in sich. Man erfährt, dass die russischen Desinformationen trotz des mächtigen Präsidenten nicht alle aus einer Quelle stammen, weil man sich des „Outsourcing“ bedient. Und dass der militärische Geheimdienst GRU besonders aggressiv und brutal ist. Klar wird auch, dass in der „Liste der 25“ echte und falsche Informationen gemischt wurden. Der deutsche Verfassungsschutz sollte die Liste bekommen und anhand der als bekannt vorausgesetzten echten Daten auch den falschen trauen. Irgendein Witzbold hat noch Aktenzeichen längst erledigter Aktionen hinzugefügt. Dann aber kam jemand auf die Idee, die Liste könne weit mehr Unheil anrichten, wenn man sie Journalisten in die Hände spielt.

In einer dramatischen Szene landet ein Hubschrauber auf dem Grundstück in Brandenburg, begleitet von einem Massenaufgebot an Polizeiautos. Mit Timurs Hilfe und zunächst ohne Wissen der anderen hat sich dessen Kontaktmann, ein Kollege Nowikows, dort verborgen. Er wird – zu Recht oder Unrecht – des Mordes an diesem beschuldigt und festgenommen. Einen Ausweis des GRU hatte er bei sich, doch der russischen Botschaft ist er angeblich unbekannt.

Als Leser fürchtet man kurz um das Leben der Journalisten, doch lediglich die Karriere der Drei Fragezeichen wird durch fristlose Entlassung beendet. Merle Schwalb nimmt das aber nicht hin. Sie kündigt selbst und schickt ihren vierseitigen Artikel ab. Die Antwortmail von Adele von Steinwald öffnet sie nicht, denn für den Globus ist sie fortan nicht mehr erreichbar.

Der Autor widmet dieses Buch dem im vergangenen Jahr verstorbenen David Cornwell, der als John le Carré weltberühmt wurde. „Niemand hat bessere Romane über Spione, Agenten und Verräter geschrieben als er.“ – damit hat Yassin Musharbash wohl recht. Doch ihn, der einige Zeit als Rechercheur für John le Carré tätig war, darf man dessen Meisterschüler nennen.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Yassin Musharbash: Russische Botschaften.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021.
400 Seiten, 16 EUR.
ISBN-13: 9783462000962

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