Nachruf auf Hannes Krauss

Von Werner JungRSS-Newsfeed neuer Artikel von Werner Jung

Wenn ich daran zurückdenke, wie wir uns kennengelernt haben, dann ist da zuerst einmal eine Lücke bzw. die Empfindung von Abwesenheit. Denn als mich seinerzeit Jochen Vogt als jungen Lehrbeauftragten aus Aachen einstellen wollte, musste ich zunächst an einem Mittagessen unweit der Uni in einem griechischen Restaurant teilnehmen. Und alle Mitarbeiter waren dabei – bis auf einen eben, Hannes Krauss, der akzeptiertermaßen dadurch entschuldigt war, dass er sich mittags um die Kinder kümmern musste, weil seine Frau Bärbel als Lehrerin in der Schule arbeitete – somit blieb für längere Zeit die heimische Küchenaufgabe Hannes’ Angelegenheit. Ich vermute daher, dass die erste Begegnung mit Hannes unspektakulär zwischen Tür und Angel an einem der Tage stattgefunden haben muss, an denen ich meinen Essener Lehrauftrag durchführte. 

Und zwischen Tür und Angel, so muss ich weiterdenken, haben unsere ersten fachlichen Gespräche eingesetzt, Gespräche, in denen sich rasch schon gemeinsame Interessenlagen im Blick auf die Literatur und ihre Geschichte, auf Vorlieben für bestimmte Autorinnen und Autoren abgezeichnet haben, aber seltener auch Abneigungen, denn Hannes war ein ausgezeichneter Schwärmer, wenn er die besonderen ästhetischen und sprachlichen Qualitäten von literarischen Texten erkannt zu haben glaubte. Das konnte er dann ganz spontan seinen Gesprächspartnern gegenüber vermitteln, in – immer begründeten – Lobeshymnen feiern und im akademischen Unterricht bei Seminaren und (seltener) Vorträgen unter Beweis stellen. Generationen von Studierenden, die Hannes von 1973 bis zur Pensionierung 2010 erlebt haben, werden das gewiss bestätigen können. Dabei – und in diesem Punkt hat er sich mit Jochen Vogt bestens verstanden – war die literatur- oder wie immer geartete theoretische Durchdringung von Literatur und Kunst nicht Hannes’ Sache. Mit dem Mut zur „bricolage“ bzw. einer nicht näher spezifizierten (kritischen) Hermeneutik hat sich Hannes literarischer Texte angenommen, sich diesen anverwandelt. Er war ein überaus genauer Leser mit scharfem Blick für unscheinbare Kleinigkeiten und Details in Texten, die er aufzugreifen verstand und ebenso seinen Studierenden vorführen konnte wie in Rezensionen, die er unter anderem in konkret, im Freitag oder zuletzt bei literaturkritik.de veröffentlichte, zur Verblüffung der Leserschaft treffend analysierte.

Besonders ist mir dieses Vermögen von Hannes bei gemeinsamen Seminarveranstaltungen, den damals beliebten mehrtägigen Blockseminaren, aufgefallen. Ich erinnere mich noch daran, dass wir uns wiederholt mit Alltagsdarstellungen in der Gegenwartsliteratur (nicht nur der deutschen) beschäftigt haben und Hannes in dem von uns beiden gleichermaßen geschätzten Romanerstling von Martin Walser, Ehen in Philippsburg, in dem ich insbesondere eine satirische Kritik am jungen bundesdeutschen Wirtschaftswunder sehen wollte, stets schwitzende Figuren erkannte – was mir nicht einmal aufgefallen war. Und daraus verstand er schließlich die Spezifik dieses Textes abzuleiten. 

Hannes’ Sensorium für marginale Kleinigkeiten und Widerständigkeiten in Texten – sein Blick etwa aufs Wetter ebenso wie andere chronotopische Besonderheiten (ohne die eigentümliche Theorie überhaupt zu bemühen), seine Jahrzehnte überdauernde Beschäftigung mit Darstellungen von Alltäglichkeit – hat der 1994 in Bremen im kumulativen Verfahren promovierte Literaturwissenschaftler Krauss, im Übrigen wohl der einzige nicht ordentlich promovierte Germanist, dem von der russischen Germanistik im sibirischen Chabarowsk der Professorentitel ehrenhalber verliehen worden ist, wie Hannes häufiger mit süffisant-ironischem Unterton zum Besten gab, auch in diversen Veröffentlichungen, Aufsätzen, Essays, Rezensionen und Handbuchartikeln, zu belegen verstanden. Durchdrungen von der lebenspraktischen Bedeutung literarischer Texte für die Leserinnen und Leser, die ihn nicht zuletzt in Gestalt der DDR-Literatur auch noch längst nach deren historischem Untergang beschäftigt hat, wovon zahlreiche Aufsätze und Essays über Christa Wolf, Franz Fühmann, Uwe Kolbe oder Erich Loest Kunde geben, hat Hannes Krauss nicht nur als akademischer Lehrer gewirkt, sondern hat er seit jeher seine Tätigkeit auch als Literaturvermittler außerhalb des Universitätsbetriebs gesehen – im öffentlichen Raum etwa bei der Durchführung von Lesungen und Diskussionen in der Stadtbibliothek, schließlich einige Jahre als Juror des Literaturpreises Ruhr, wo Hannes mit eindrucksvollen Laudationes auf Preisträger:innen aufgefallen ist (vgl. dazu auch den Nachruf von Jens Dirksen: Hannes Krauss – ein außergewöhnlicher Hochschullehrer und Literaturliebhaber, in: WAZ, 28.2.2026).

Während sich Jochen Vogt (wie auch sein damaliger Assistent Erhard Schütz) – einmal flapsig ausgedrückt – um die Provinzialität – etwa in Gestalt der Ruhrgebietsliteratur, allem anderen voran dem Krimi – gekümmert hat, verkörpert Hannes Krauss die andere Seite derselben Medaille, nämlich Globalität und Internationalität: dadurch, dass sein Blick auf Texte und Strukturen immer auch komparatistische Momente beinhaltete, dass – im universitären Betrieb – die Entwicklung und Förderung der Auslandsgermanistik im Rahmen des DAAD vor allem durch Institutspartnerschaften (Italien, Portugal sowie Ländern der GUS) ihm noch über die Pensionierung hinaus am Herzen gelegen haben.

Hannes Krauss wird vielen schmerzlich fehlen.

Anmerkung der Redaktion: Eine Auflistung aller Beiträge von Hannes Krauss in literaturkritik.de finden Sie hier.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen