Alle sind hier ein bisschen krank – ein bisschen?

Die britische Wahlberlinerin Jacinta Nandi schaut sich um bei alleinerziehenden Müttern und entfacht in dem Roman „Single Mom Supper Club“ erzählerisch eine Art Krieg der Mütter-Generationen

Von Nora EckertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nora Eckert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Roman hatte es auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2025 geschafft. Ihn jedoch auf einen Platz in der Shortlist zu hieven, das wäre dann doch zu mutig gewesen. Ich kann mir jedenfalls gut die gerümpften Nasen vorstellen – nominieren reicht, sprach da der literaturkritische Dünkel leise für sich. Kann so ein Roman überhaupt preiswürdig sein? Das sei doch allenfalls schräge Unterhaltungsliteratur, sozusagen Lesestoff auf Comedy-Niveau für Leute, die immerhin lesen können und sich über das Stadium des Couch-Potato hinaus entwickelt haben.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Jacinta Nandis Roman Single Mom Supper Club hätte einen Preis verdient. Wenn nicht den Deutschen Buchpreis, dann einen, den es vielleicht noch nicht gibt und der Literatur auszeichnen würde, die Comedy mit Tiefgang im Romanformat souverän beherrscht und die Gesellschaftskritik urkomisch, bitterböse und dabei absolut unterhaltsam und mit größter Leichtigkeit präsentiert. Wobei gut vorstellbar ist, dass ‚unterhaltsam‘ manchen als literarisches Qualitätsmerkmal nicht unbedingt behagt.

Um einen solchen Roman schreiben zu können, braucht man jedenfalls einen scharfen Blick für alles Menschliche, um den bis in die Niederungen hinein verkorksten Zeitgeist aufzuspüren. Dass dabei hinter menschlichen Fassaden mehr oder weniger Karikaturen sichtbar werden, ist nicht verwunderlich. Erstaunlich ist, wie es der Autorin gelingt, genau darin das eigentlich Tragische zu erfassen. Die Figuren des Romans verwechseln nämlich ihr karikaturenhaftes Dasein mit dem Leben – und erscheinen genau deshalb so authentisch alltäglich. Ein tragischer Irrtum, fürwahr.

Doch der Reihe nach – und die beginnt mit der Frage: Wer ist Jacinta Nandi? Im London des Jahres 1980 als Arbeiterkind geboren und aufgewachsen, zieht es sie zur Jahrtausendwende von der Themse an die Spree. Sie bringt ihre Leidenschaft fürs Schreiben mit, ist auf Lesebühnen unterwegs und wird Mitglied bei den „Surfpoeten“. 2011 erscheint ihr erstes Buch Deutsch werden – Why German people love playing frisbee with their nana naked. Weitere folgen und 2020 dann Die schlechteste Hausfrau der Welt, das sie einmal ihr Lieblingsbuch nannte. Nach 50 ways to leave your Ehemann 2022 kam im letzten Jahr ihr Roman Single Mom Supper Club bei Rowohlt heraus.

Nandi nimmt sich gerne ihre Zeitgenoss*innen und deren unendlich viele Lebenslügen vor. Auf politische Korrektheit legt sie dabei wenig wert und tut gut daran. In einem Interview meinte sie einmal über ihre Slam-Auftritte: „Bei meinem ersten Text waren alle schockiert, was ich für Begriffe in den Mund nehmen kann, wenn ich will. Das hätten mir viele gar nicht zugetraut. Bei Männern ist das eine Selbstverständlichkeit.“ Sprachhemmungen sind jedenfalls nicht ihre Sache.

Außerdem ist ihr als Person of Colour gezwungenermaßen auferlegt, sich mit dem Thema Rassismus zu befassen. Und weil sie eine direkte Sprache bevorzugt und wie in jeder Realsatire vorzugsweise die Wirklichkeit zitiert wird, setzt Nandi auf eine Deutlichkeit, die wehtut, wo immer es um den alltäglichen Rassismus geht. „Was mich nervt, ist, dass viele denken, ich übertreibe. Natürlich denke ich mir insgesamt so einiges aus, aber doch nicht den Rassismus.“ Auch in dem Roman über die alleinerziehenden Mütter schaut sie dem Volk zwischen Neukölln und Charlottenburg im wahrsten Sinne des Wortes aufs Maul.

Die Witzverpackung funktioniert allerdings nur auf den ersten Blick, wenn Dialoge beispielsweise so gehen: „Du sollst Alkoholiker:innen sagen!“, ruft Antje. „Ihr Ausländer gendert nie richtig, deswegen vergess ich es selbst immer, weil ich so viel mit euch rumhänge. Alkoholiker. INNEN.“ Dennoch sei Small Talk unter Alleinerziehenden interessanter als der von verheirateten Müttern. Denen ginge es immer nur darum, dass sie ihr Kind nicht in die Schule des Einzugsgebiets schicken möchten, und davon, „dass der Ehemann scheiße ist“.

Also, in Single Mom Supper Club geht es um zwei Gruppen von alleinerziehenden Müttern – hier die schon etwas ältere Generation, in der BIPoC dominieren und die sich mehr schlecht als recht im gefühlten Dauerstress durchs Leben boxt (beziehungsweise boxen lässt), dort die jüngeren und supererfolgreichen Cocaine Moms. Wobei nicht klar ist, wovon Letztere eigentlich so gut leben und so schicke Wohnungen haben. Beide Gruppen beschließen mutig, ihre Supper Clubs zusammenzulegen, und erleben einen Clash der Generationen und sozialen Welten, der die notdürftig überbrückten Gräben noch tiefer erscheinen lässt.

Die jüngeren Nana, Lexi, Tugba und Sascha „sind fraglos Berlins Instagram-Royalty“. Sie haben vor allem ihre Prinzipien: „Ich denke, diese Frauen, die nicht stillen wollen, sollen ihre Babys beim Jugendamt abgeben“, meint Nana. Als Cocaine Moms scheuen sie sich nicht, auch beim Kindergeburtstag ein paar Lines zu ziehen. Das gehört eben zum Lifestyle.

Lexi, so lesen wir, würde so aussehen, als biete sie Workshops an, wie man das Schulpflichtgesetz umgeht, um sich ein Jahr Homeoffice auf Bali zu leisten. Ihre Maximen hören sich so an: „Was ich will […] ist, dass ihr immer in der weiblichen Energie bleibt, aber trotzdem männlich codierte Sachen wie Geld, Erfolg, Ruhm für euch manifestiert.“ Und an anderer Stelle: „Wir sollten alle Lesben werden!“ „Und in eine Alleinerziehenden-Poly-WG leben! In einer Villa in Zehlendorf!“

Als Lexi an der Reihe ist, in ihre riesengroße Wohnung im Schickimicki-Kreuzberg einzuladen, findet Tamara aus der Gruppe der Älteren diese im wahrsten Sinne „zum Kotzen schön“. Als Lexi ziemlich undefinierbares, aber stylishes Food serviert, wird ihr mächtig übel. Auch das gehört zum Lifestyle-Programm. Was die Wohnung anbelangt, denkt Tamara: „Wenn Freud zurückkommen würde und über die aktuelle Wohnsituation Bescheid wüsste, würde er nie wieder vom Penisneid sprechen. Der Wohnungsneid hat alle anderen Arten von Neid besiegt.“

Weil dieser Roman wohl tatsächlich aus der Idee einer Comedy geboren wurde, reiht er entlang eines roten Erzählfadens viele kleine Szenen aneinander, in die wir als Lesende förmlich hineinplatzen, weil sie immer schon voll im Gange sind. Die pointenreichen Dialoge sind von zentraler Bedeutung, sie schaffen gewissermaßen die Figuren und ihre Abgründe in Sekundenschnelle. Da ist etwa die toxische Beziehung von Sad-Lina mit Jochen: „Das kann doch keine Gewaltbeziehung sein“, meint Sad-Lina. Es gebe keine Gewalt, deswegen sei es für sie auch keine, Psychoterror zählt nicht. „Das hier ist deutsche Liebe.“

Dieser lesenswerte Roman ist eine beeindruckende Sammlung von Schnappschüssen aus dem sozialen Alltag einer Großstadt. Irgendwann wird er auch einmal eine hilfreiche Quelle sein, um das Verhältnis von Zeitgeist und gesellschaftlicher Mentalität im frühen 21. Jahrhundert zu begreifen – wenn darüber überhaupt etwas begreifbar ist.

Titelbild

Jacinda Nandi: Single Mom Supper Club.
Rowohlt Verlag, Hamburg 2025.
256 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-13: 9783498007195

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