Paartherapie zu viert

Ein Ort, drei Personen, ein Handlungsstrang: John Jay Osborn verhandelt in „Liebe ist die beste Therapie“ die Abgründe am Ende einer Ehe

Von Svetlana LeitzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Svetlana Leitz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Charlotte und Steve sind das amerikanische Vorzeigeehepaar: weiß, gutaussehend, erfolgreich, zwei Kinder. Charlotte ist Dozentin an einer kleinen Universität und kümmert sich um den Nachwuchs. Steve arbeitet in der Finanzbranche und bringt das Geld nach Hause. Doch hinter der Fassade bröckelt es: Sie fühlt sich mit Haushalt und Kindern alleingelassen, ist passiv-aggressiv und sagt stets das Gegenteil von dem, was sie denkt. Er ist selten zuhause und die weibliche Gefühlswelt ist für ihn ein Buch mit sieben Siegeln.

Es kommt wie es kommen muss. Erst geht Steve fremd, dann Charlotte. Es folgen Trennung, Auszug und weitgehend Funkstille. Aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen landen die beiden nicht direkt vor dem Scheidungsrichter, sondern im Behandlungszimmer von Paartherapeutin Sandy, die ihnen die Chance zur Rettung ihrer Ehe mit 1:1000 prognostiziert. Der Leser begleitet die Drei nun bei ihren wöchentlichen Sitzungen, die Sandy mit unorthodoxen Methoden leitet: sie ist sehr direkt, provoziert und im Zimmer steht ein leerer Sessel, der die Ehe repräsentieren soll: „Sehen Sie sich einfach den Sessel an, versuchen Sie zu fühlen, wie es ihm geht, wie er aussieht.“

Spannung erzeugt der Roman zielgerichtet bis zum letzten Kapitel durch die Frage, ob das Paar wieder zueinander findet. Sonst bleibt das Gelesene eher flach, ohne wirkliche Entwicklungen oder überraschende Wendungen, auf die man doch im Hinterkopf noch insgeheim hofft. Durch das Entsprechen von Kapiteln und Sitzungen erhält der Roman eine klare Struktur. Gleichzeitig wirkt der Aufbau hierdurch sehr konstruiert, sodass es schwer fällt, sich auf die Figuren und ihre Probleme einzulassen. Zusätzlich werden Geradlinigkeit und Einheit, die den Roman eigentlich auszeichnen, durch unnötige kleine Nebenstränge unterbrochen. Sie sollen den Figuren mehr Tiefe geben, lenken letztendlich aber nur ab.

Die Stärke des Romans liegt in seinen Dialogen bei fast vollständiger Abwesenheit von Handlung. Hier ist der Leser aufgerufen, die Lücken der Vorgeschichte und des Alltags zwischen den Sitzungen selbst zu füllen. Die einfache und schlichte Sprache bildet einen angenehmen Gegenpol zum hochemotionalen Inhalt. Deshalb wird das Lesen nicht anstrengend und baut Tempo auf. Leider hat der Autor bei der Beschreibung seiner Figuren und Dialoge tief in der Klischeekiste gekramt. So schimpft Charlotte nicht, sie „keifert“ und „brüllt“, während ihr Ehemann stumm und begriffsstutzig daneben sitzt. Auch fließen in die Kapitel eine Reihe merkwürdiger bis unangenehmer Metaphern nach dem gleichen Schema ein: „Ich war das hilflose Burgfräulein und er der kühne Ritter, der mich gerettet hat.“ Dem setzt nur der leere vierte Sessel, der die Ehe repräsentieren soll und auch fleißig ins Gespräch mit einbezogen wird, die Krone auf.

John Jay Osborn, der auch als Anwalt und Jura-Professor in den USA arbeitet, legt mit Listen to the Marriage seinen fünften Roman – und den ersten seit 1981 – vor, der in deutscher Übersetzung im Diogenes Verlag erscheint. Liebe ist die beste Therapie ist der völlig verunglückte deutsche Titel, der Assoziationen eher mit einem schäbigen Regal voller billiger Schmonzetten in einer Bahnhofsbuchhandlung als einem Werk aus dem Hause Diogenes weckt und das Zielpublikum klar verfehlt.

Obwohl Thema und Ansatz durchaus interessant gewählt sind, strotzt der Roman nur so vor Klischees und Stereotypen, weshalb die Figuren eindimensional und ihre Probleme fremd und irrelevant bleiben. Wer gar glaubt, etwas über Paartherapien oder die eigene Zweisamkeit lernen zu können, der wird enttäuscht. Denn bis auf „Hört einander zu“ und „Sagt, was ihr wirklich denkt und fühlt“ bietet Liebe ist die beste Therapie keine neuen Erkenntnisse.

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension gehört zu den studentischen Beiträgen, die im Rahmen eines Lehrprojekts im Sommersemester 2020 entstanden sind und gesammelt in der Septemberausgabe 2020 erscheinen.

Titelbild

John Jay Osborn: Liebe ist die beste Therapie.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Jenny Merling.
Diogenes Verlag, Zürich 2018.
285 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783257070439

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