Das bunte Knäuel aus einer vergangenen Zeit entheddern
Der Sammelband „Anders erzählen. Studien zu einer Mediävistischen Narratologie“ zeigt, wie Seraina Plotke Texte auf mehreren Ebenen betrachtete
Von Irina Brüning
Als Seraina Plotke im Sommersemester 2019 an der Universität Bamberg eine Professur für Germanistische Mediävistik antrat, blieb ihr nicht mehr viel Zeit: Sie starb im Oktober 2020 im Alter von nur 48 Jahren. Im Jahr 2025 brachte ihr Witwer Alexander Honold gemeinsam mit Regina Toepfer unter dem Titel Anders erzählen. Studien zu einer Mediävistischen Narratologie eine Sammlung ausgewählter Aufsätze heraus, darunter zwei zuvor unveröffentlichte Vorträge. Honold ist Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Basel, wo Seraina Plotke studierte und fast ihr ganzes Leben lang tätig war. Der Ort hatte einen starken Einfluss auf ihre Arbeitsschwerpunkte. Toepfer ist Professorin für Ältere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Würzburg und war eine von zwei Leiter:innen des DFG-Projekts Antikenübersetzung, an dem Plotke mitarbeitete. Einige der in den Band aufgenommenen Aufsätze verweisen auf Themen, denen sich die Verstorbene nicht mehr wie geplant ausführlicher widmen konnte.
Inwiefern sind mittelalterliche Texte „anders“ als heutige und warum lohnt die Beschäftigung mit ihnen? Antworten auf diese Fragen sucht Seraina Plotke auf unterschiedlichen Ebenen und stellt dabei ihre Vielseitigkeit unter Beweis. Studiert hatte sie auch Latinistik, die Venia legendi auch für Neulatein erworben und konnte sich somit in zwei über einen langen Zeitraum parallel gebrauchten Sprachen bewegen. Darüber hinaus analysiert sie das Zusammenspiel von Text und Bild in Drucken der frühen Neuzeit. Insgesamt berücksichtigt Anders erzählen einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten.
Literaturwissenschaftliche Konzepte, die anhand von Texten der Moderne entwickelt wurden, müssen im Zusammenhang mit mittelalterlichen Texten überdacht werden – dies zeigt Seraina Plotke beispielsweise in Bezug auf Gérard Genettes Kategorien von Erzählerstimmen. Paratexte, die Informationen unter anderem zu Autor und Titel liefern und deren Existenz Genette voraussetzt, existieren in mittelalterlichen volkssprachlichen Texten nur in Ansätzen und eine klare Unterscheidung von Verfasser und Erzähler kann im Laufe einer Erzählung verschwinden („variabel und volatil“ nennt Plotke das Verhältnis zwischen den beiden Instanzen). Paratexte etablierten sich erst mit dem Buchdruck, dessen Erfindung wiederum eine Reaktion auf die gesteigerte Nachfrage nach Texten infolge einer Zunahme der Lesefähigkeit in der Bevölkerung war. Die Lektüre wurde zu einer individuellen Angelegenheit, die Rezeption erfolgte nicht mehr auditiv.
Der seinerseits auf einer altfranzösischen Vorlage basierende Gregorius von Hartmann von Aue wurde von Arnold von Lübeck ins Lateinische übersetzt. Seraina Plotke vergleicht die beiden Texte im Hinblick auf die Erzählinstanzen und stellt fest, dass die Stimme in der mittelhochdeutschen Version das Geschehen kommentiert und den Akt des Erzählens reflektiert, während in der lateinischen Version, die über eine paratextähnliche Vorrede verfügt, kein Erzähler hervortritt. Der Verfasser wird in beiden Fällen genannt. Dies trifft zwar auch auf den Eneasroman von Heinrich von Veldeke zu, doch die Nennung erfolgt dort erst im Epilog. Die Mediävistin führt dies auf den Umstand zurück, dass dem Roman mit der Aeneis von Vergil ein Werk eines „in der hochmittelalterlichen Bildungstradition als große Autorität anerkannten Dichter[s]“ zugrunde liegt (wenngleich der altfranzösische Roman d‘Enéas die unmittelbare Vorlage war). Hinter Vergil tritt Veldeke respektvoll zurück. Der römische Autor wird im Roman als Quelle und als Garant für die Richtigkeit genannt, gleichzeitig beruft sich der Sprecher auf mündliche Quellen – im Mittelalter kein Widerspruch.
Seraina Plotke schreckte vor neuartigen und unkonventionellen Textinterpretationen nicht zurück, vor allem in Bezug auf Geschlechterrollen und Beziehungsmodelle. Ihre Sicht des Titelhelden des Herzog Ernst B und seines Gefährten Wetzel als homosexuelles Paar untermauert sie mit dem Hinweis darauf, dass das Bett, in das sich die beiden Männer nackt und völlig unbeobachtet gemeinsam legen, erstens für eine Hochzeitsnacht bestimmt war und zweitens mit Symbolen für die „Sünde sexueller Verführung“ verziert ist. In ihrer Analyse des Kindheitslieds des Wilden Alexander zeigt sie, dass kleine Details entscheidende Hinweise geben können: Die Strophenform und der Hinweis auf eine Konjektur an einer rätselhaften Stelle bringen sie dazu, das Wort kint als „weibliche Jugendliche“ zu lesen. Und schon bietet sich neben der üblichen christlich-allegorischen noch eine weitere Auslegung an.
Ein weiteres interessantes Thema, das mehrere Aufsätze in Anders erzählen behandeln, ist das Verhältnis zwischen Okzident und Orient beziehungsweise zwischen Christentum und Islam. Herzog Ernst erreicht sein Ziel Jerusalem erst nach einer jahrelangen Irrfahrt und erlebt den von merkwürdigen Geschöpfen bevölkerten Orient als „Übungs- und Erprobungsfeld kultureller Praktiken, die jenseits der etablierten und sanktionierten gesellschaftlichen Normen stehen“. Was den Aufbau des König Rother betrifft, weist Seraina Plotke darauf hin, dass Konstantinopel als Hauptstadt des Byzantinischen Reichs neben dem von Papst und Kaisertum beeinflussten Abendland und dem islamischen Orient eine dritte Größe darstellte und im Epos somit zu Recht als Zentrum präsentiert wird. Rothers Heimat Bari liegt dagegen „an der Küste des westlichen Meeres“.
An wen richtet sich Anders erzählen, wer sollte das Buch in die Hand nehmen? Interessant ist es sicherlich für alle diejenigen, die sich mit Übersetzungen beschäftigen. Konrad von Würzburg brachte im Funktionen eines Paratexts erfüllenden Prolog zu Partenopier und Meliur die Information unter, das auf einer altfranzösischen Vorlage basierende Werk habe nur mit Unterstützung eines Übersetzers entstehen können. Dieser wird – noch heute nicht selbstverständlich – namentlich genannt. Im Zusammenhang mit dem Kindheitslied bemerkt Seraina Plotke, jede Übersetzung transportiere bereits eine bestimmte Interpretation, eine Bewahrung der Mehrdeutigkeit des Originals sei schwierig. Leichten Schwindel lösen Einleitung und Epilog von Heinrich von Veldekes Eneasroman aus, da einerseits Vergils Aeneis als Quelle genannt wird, während andererseits von „französischen Büchern“ die Rede ist (also vom Roman d‘Enéas, der seinerseits Vergil gar nicht erwähnt). Wer sich mit der Geschichte des Christentums im deutschsprachigen Raum beschäftigt, wird wissen wollen, was die Entwicklung des Buchdrucks mit der „Kommerzialisierung von Frömmigkeit“ zu tun hat. Altromanist:innen erhalten einen Einblick in viele spannende Texte, von deren Existenz sie, weil es sich nicht um Übersetzungen aus dem Altfranzösischen handelt, eventuell bisher nichts gewusst haben. Historiker:innen mit dem Schwerpunkt Mittelalter werden die Sammlung ohnehin mit Gewinn lesen.
Jedoch: Der Zugang ist für Nicht-Altgermanist:innen schwierig. Nicht allen mittelhochdeutschen Texten, die Seraina Plotke in ihren Aufsätzen zitiert, ist eine Übersetzung ins Neuhochdeutsche beigegeben, nur in wenigen Fällen sind Inhaltsangaben dieser Texte vorhanden. Einige Fachbegriffe hätten eine kurze Definition vertragen können. Da die Herausgeber:innen keine derartigen Hilfen mitgeliefert haben, hatten sie offenbar nur ihr unmittelbares fachliches Umfeld als Leserschaft im Blick. Dies ist bedauerlich, da die mittelalterlichen Erzählungen uns auch heute noch viel zu sagen haben und, wie zwei der Aufsätze zeigen, bis heute nachwirken – in Bezug auf die Stoffe und auf die Erzähltechnik. Es bleibt zu hoffen, dass die umfassend interessierte und gebildete Wissenschaftlerin nicht so schnell in Vergessenheit gerät.
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