Sprache im neoinfantilen Zeitalter
Mit „Meisenfrei. 99 Gedichte“ beweist Matthias Politycki, dass dem lyrischen Sprechen Intelligenz, Humor und Formbewusstsein auch in rotierenden End- und Wendezeiten nicht abhandenkommen müssen
Von Marcus Neuert
„Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen so gründlich zu betreiben, bis alle schlechte Laune haben.“ Dieser Eröffnungssatz seines viel, aber offensichtlich leider immer noch nicht genug diskutierten Essays Mein Abschied von Deutschland, in welchem Matthias Politycki 2021 in der FAZ seinen Umzug von Hamburg ins von ihm als „sprachliberal“ empfundene Wien begründete, schwebt wie ein süffisantes Motto auch über den Gedichten des nach seiner Hamburger Lieblingskneipe Meisenfrei betitelten neuesten Lyrikbandes. Meisenfrei zeigt jenen den Vogel, die zu laut Lässliches zwitschern und dabei den wahren Pfiff noch immer nicht gehört haben.
Doch dazu später. Denn zunächst liegt ein Schwerpunkt von Meisenfrei auf nachdenklichen Texten, die sich mit dem Menschsein in einer oft widrigen Umgebung befassen, auf Reisen in der wirklichen Welt vom Südpolarmeer bis nach Dschibuti wie auf den Fahrten zwischen Ich und Du, den Ankünften und Abschieden des Lebens – auch einige verzweifelte Liebesgedichte von großer Schönheit sind dabei. In den neun Kapiteln des Buches begegnen wir dazu auch alten Bekannten wie Gregor Schattschneider, dem Protagonisten seines unvergessenen Weiberromans und diversen Objets trouvés, welche etwa sprachliche Entgleisungen der Werbewelt thematisieren.
Ohne Schnörkel und von entwaffnender Klarsprachlichkeit arbeitet sich Politycki durch die Untiefen des Mit- und Gegeneinanders und die stillen Seen fremdländischer Weisheit – die bei ihm jedoch nie mit der Attitüde des Oberlehrers daherkommen, sondern subtile Erkenntnis transportieren: „Ein Leben lang / / In einer häßlichen Stadt / Mit einer häßlichen Frau / Die dir häßliche Kinder schenkt / / : Der Weg zur Erleuchtung“. Und stets finden die meist freien Rhythmen der Politycki’schen Poesie zu ihrer plausiblen inneren wie äußeren Form.
Die Ironie ist freilich auch in den etwas bittereren Texten ein ständiger lyrischer Begleiter. Sie bricht sich stets Bahn, ob Politycki nun von einer absurden koreanischen Nasengrab-Zeremonie berichtet oder ein Korrektes Sonett auf ein Playboy-Aufklappgirl verfasst, dass zum weit überwiegenden Teil aus Schwärzungen besteht. Genauso präsent ist das Ironische auch in den Gedichten über einen vermeintlich profanen Alltag, etwa wenn es heißt: „Plötzlich laut sagen, ‚Jetzt gönn ich mir mal was‘ / und dann doch nur die Nasenhaare trimmen“.
Am augenfälligsten funktioniert dieses Element jedoch bei einer ganz anderen Kategorie von Gedichten, die eindeutig beweist: mit den autoritären Weltverbesserern hat Politycki es nicht so. Nicht wenige seiner Texte teilen scharfsinnige Seitenhiebe gegen die Woke-Kultur, eine moralisierende Besserwisserei und das Kaputtgendern von Sprache im neoinfantilen Zeitalter aus. Als suhle sich sein lyrisches Ich genüsslich im Bewusstsein, von den Nachgeborenen ohnehin als das eines alten weißen Mannes gelesen zu werden, nimmt er sich die Freiheit seines privilegierten Sprechens (seit September vergangenen Jahres immerhin auch als Präsident des PEN Deutschland), um gegen pseudo-progressive Verbalerosionen zu polemisieren. Fast mag man auch die letzten Verse aus dem ansonsten eher religiös konnotierten Kapitel Denn siehe, es kommt ein Tag, der brennen soll wie ein Ofen unter diese lyrische Mission subsummieren, wenngleich im Kontext der vorangegangenen Gedichte natürlich auch andere Deutungen denkbar wären:
Noch lagert ihr üppig auf euren Versäumnissen.
Bald werdet ihr nicht mal mehr Muße haben, einander
ein letztes Mal eurer Lieblingstugend zu versichern.
Wenn ihr dann über Nacht Vergangenheit seid,
werdet ihr nichts als eure Irrtümer mitgenommen haben und
eure mit feinstem Gold durchwirkten Platitüden.
Der erste dieser Texte Ankündigung des Strafgerichts endet jedoch mit dem beziehungsreichen Dreizeiler „Wenn wir gehen sollten, werden wir / nicht nur warme Worte mitnehmen / und eure selbstgemachten Marmeladen“, der durchaus schon einen Hinweis auf mögliche Adressaten enthalten könnte. Im Folgenden werden scheinbare Gottesanrufungen auch für ein vollmundiges Rundumschlag-Rachegedicht, untertitelt mit „Ein Psalmlied Davids, beim Luftgitarrenspiel […]“ oder gegen verschmähtes geschlechtliches Begehren ins Feld geführt: „Wie oft muß ich dich noch heimsuchen / Mit meiner Liebe, bis du wohlgefällig sie erwiderst?“. Das Ganze ist üppig garniert mit abstrusen Fußnoten, die in bester persiflierender Fake-News-Manier akribische Bibelexegesen wirkmächtig auf den Arm nehmen: „[…] Qumram 4Q112-115, bezieht sich auf Dan 7,3 Vier große Biere stiegen herauf aus dem Meer, ein jedes kühler als das andere“.
Das absolute Schlussgedicht setzt uns Matthias Politycki signalhaft noch hinter das Inhaltsverzeichnis am Ende des Buches: Die Leere danach bezieht sich auf ein gelebtes Leben, scheinbar ohne Sinn und ohne Antworten. Es schließt mit den wunderbaren Sätzen, die unser aller Motto sein könnten, blickten wir uns einmal ehrlich von archimedischem Punkt aus an:
Nun sind wir müde
und können nicht mehr. Können
uns nicht mal entscheiden,
ob das unser Unglück ist
oder das Glück.
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