Diltheys Rehabilitierung Hölderlins

Eine wissenschaftsgeschichtliche Betrachtung

Von Walter Müller-SeidelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Müller-Seidel

Vorbemerkungen

Meine Beschäftigung mit Hölderlins Krankheit und der Einschätzung seines dichterischen Werkes aufgrund dieser Krankheit hat eine längere Vorgeschichte, über die einige Auskünfte zu geben sind, die mit dem Rahmenthema des Kolloquiums aufs engste zusammenhängen. Die erste Befassung mit diesen Fragen geht in die turbulenten Zeiten zu Ende der sechziger und zu Anfang der siebziger Jahre zurück, in denen es auch für den Hochschullehrer nicht immer leicht war, sich in der neuartigen Methodenvielfalt zurechtzufinden. Ideologische Tendenzen mit vielfach dogmatischen Verhärtungen trübten nur allzu oft die klare Sicht, die man sich gewünscht hätte; und vorgekommen ist es auch, daß Literatur in der um sich greifenden Politisierung für nicht wenige dem Blick gänzlich entschwand, sofern man sie nicht kurz entschlossen abzuschaffen gedachte. Der vor allem von Hans Robert Jauss initiierten Rezeptionsgeschichte, die zahlreiche neue Ansätze literarischer Betrachtungsweisen bot, sind solche Tendenzen nicht vorzuwerfen. Mit der temperamentvollen Konstanzer Antrittsvorlesung vom 13. April 1967, die bald unter dem Titel Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft im Druck erschien, war eine Diskussion eingeleitet, die hinsichtlich der vielfach unsachlichen Debatten außerordentlich belebend wirkte – um so mehr, als ohne jede modische Attitüde andere Zugänge wie russischer Formalismus oder tschechischer Strukturalismus in eine sehr durchdachte Theorie eingebracht wurden. Den Thesen dieser Konstanzer Vorlesung war eine weitreichende Resonanz beschieden, und der Suhrkamp Verlag hat hierzu nicht wenig beigetragen. Unter dem abgekürzten Titel Literaturgeschichte als Provokation erschien der in Frage stehende Text 1970 als Band 418 der längst weltberühmt gewordenen edition suhrkamp – zusammen mit gewichtigen Aufsätzen des Verfassers wie demjenigen über Schlegels und Schillers Replik auf die ,Querelle des Anciens et des Modernes‘.