Kommunikatives Beschweigen?
Der Germanist Klaus Ziegler (1908–1978) im Spannungsfeld von Resilienz, Anpassung und Vergangenheitsbewältigung
Von Jürgen Babendreier

Die Eberhard Karls Universität Tübingen galt dem jungen NS-Staat „als weithin politisch unzuverlässig“. Auf seiner Suche nach einem neuen, „echt nationalsozialistischen Rektor“ bemühte sich das württembergische Kultusministerium deshalb um den 1933 an die Universität Gießen berufenen Psychiater Hermann Fritz Hoffmann (1891‒1944), seit 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP, überzeugter Antisemit, engagierter Gegner des Christentums.[1] Hoffmann übernahm im Frühjahr 1936 das Tübinger Ordinariat für Psychiatrie und, wie vorab offen geplant und gewollt, ab November 1937 das Rektorat der auf eine lange Geschichte zurückblickenden Universität. Wohl erst am Ende seiner einjährigen Amtszeit ließ Hoffmann sich für die Professorengalerie der Universität Tübingen porträtieren, allerdings nicht im Talar, sondern im Abendanzug eines SA-Sturmhauptführers, angetan mit Amtskette, Ordensspange und Hakenkreuzarmbinde.[2] Das Ölgemälde symbolisiert die partei- und ideologiekonforme Gesinnung nicht nur der dargestellten Person, sondern auch der von ihr repräsentierten ehrwürdigen Institution. Das Bild verschwand bis Mitte der 1990er Jahre ungerahmt und nie aufgehängt im Gemäldedepot der Graphischen Sammlung der Universität Tübingen.[3]
Die Nichtaufarbeitung des Nationalsozialismus bestimmte die Nachkriegszeit bis Anfang der 1960er-Jahre. Überall, so Helmut König, habe damals eine „Mischung aus (personeller) Kontinuität und Beschweigen der NS-Vergangenheit der beteiligten Personen einerseits und – auf der institutionellen Ebene – die klare Distanzierung von der Zeit des Nationalsozialismus“ andererseits geherrscht.[4] Der 1936 geborene Philosoph Hermann Lübbe wählte für diese „Doppelstrategie“[5] das paradoxal zugespitzte Begriffspaar „kommunikatives Beschweigen“[6].
Nach dem Zusammenbruch durfte die Eberhard Karls Universität ihren Lehrbetrieb als erste deutsche Universität im Oktober 1945 wieder aufnehmen. Namhafte Wissenschaftler krönten früh deren guten Ruf, zum Beispiel Adolf Butenandt, Eduard Spranger, Romano Guardini, Ernst Kretschmer, Helmut Thielicke, oder der 1961 seiner DDR den Rücken kehrende, schon ziemlich betagte Ernst Bloch.
Knapp zwanzig Jahre später, im Februar 1964, geriet der exzellente Ruf der Universität massiv ins Wanken, als auf dem Cover von Nummer 53 der Tübinger Studentenzeitung Notizen (Erscheinungsweise jeden Semestermonat, Stückpreis 20 Pfennig) in einer fotografischen Wiedergabe das Porträt von „S. Magnifizenz SA-Sturmhauptführer Prof. Dr. Hoffmann“ prangte. Im Heftinnern der in Spalten gesetzte anderthalbseitige Beitrag Die braune Universität. Tübingens unbewältigte Vergangenheit.[7] Zwei in den Text montierte Porträtfotos von noch aktiven Hochschullehrern repräsentieren Tübingens Gegenwart und schlagen assoziativ eine Brücke zum SA-Konterfei auf der Umschlagvorderseite.[8]
Es gehe den Notizen darum, „einen konstruktiven Beitrag zur Bewältigung der Vergangenheit“ der Tübinger Universität zu leisten, zumal der Redaktion in der Vergangenheit immer wieder der Vorwurf „destruktiver Kritik“ gemacht worden sei. Deshalb werde man fortan und in bewusster Abgrenzung zu den bislang an Gedenktagen in Tübingen praktizierten „kursorischen Betrachtungen“ die „Zustände an unserer Universität ein wenig genauer unter die Lupe […] nehmen“ und sich der braunen Vergangenheit und ihren Symptomen an einem bestimmten Fall nähern.[9]
Tatsächlich erfuhren gleich zwei Kasus eine detaillierte Betrachtung: der Fall des Professors der Rechte Georg Eißer (1898‒1964) und der des Emeritus Gustav Bebermeyer (1890‒1975), Germanist, dann, ab 1933 dank seiner expliziten Parteinähe, Ordinarius für deutsche Volkskunde.[10] Die Namen Eißer und Bebermeyer zur Sprache zu bringen, bedeutete einen Tabubruch für Nachkriegsdeutschland.
Das zwanzig ungezählte Blätter umfassende Zeitschriftenheft im Groß-Oktav-Format „verkaufte sich so gut wie schon lange nicht mehr“.[11] Das mediale Echo war weitreichend,[12] die Professorenschaft zeigte sich schockiert. Die Angelegenheit drohte, in eine Vertrauenskrise zwischen Lehrern und Studenten zu münden.[13] Man lamentierte, drohte und klagte, sprach von Meinungsterror und von „Kübeln von Jauche“, die über die Universität ausgegossen worden seien.[14]
Der für Nummer 53 der Notizen verantwortliche Hermann Ludwig Gremliza (1940‒2019), Schüler des Tübinger Ordinarius für wissenschaftliche Politik Theodor Eschenburg (1904‒1999), wurde nach seinem Berliner Diplomexamen Politik-Redakteur beim Spiegel, wechselte 1971 zu der sich zum „Sprachrohr der APO“ entwickelnden, ursprünglich von der FDJ mitfinanzierten Hamburger Studentenzeitschrift Konkret (gegründet 1957), die der gebürtige Kölner nach deren Konkurs 1973 im Oktober 1974 übernahm und seither als „im politischen Spektrum weit links angesiedeltes Nischenblatt“ herausgab.[15] Gremliza wird sich in seiner Kritik an der Tübinger Dozentenschaft durch deren repressives, ihn diffamierendes Reaktionsmuster bestätigt gesehen haben. Er habe es 1964 vorgezogen, seine Zelte in Tübingen abzubrechen und sein Studium am Otto-Suhr-Institut in Westberlin fortzusetzen. Aus ausdrücklich „politischen Gründen“ sei ihm die hier obligate Zwischenprüfung erlassen worden.[16] Als Herausgeber und Chefredakteur der Notizen habe er sich nicht (mehr) damit begnügen wollen, wie gehabt „ein Amüsierblättchen zur Schmückung jungakademischer Feierabende“ zu publizieren. Dies sei ihm erfolgreich gelungen: Er habe die Notizen „zu einem Machtmittel der studentischen Selbstverwaltung gemacht“.[17]
Die 1964 von der Tübinger Studentenschaft vom Zaun gebrochene Attacke hatte auch einen dezidiert hochschulpolitischen Hintergrund. Überlegungen zur Studien- und Bildungsreform kennzeichnen alle der zahlreichen und schon Ende 1945 erstmals einberufenen, von den Militärregierungen der Besatzungszonen zwar kontrollierten („reeducation“), aber auch argumentatorisch gepuschten Westdeutschen Rektorenkonferenzen. Ein Angelpunkt aller damaligen reformerischen Überlegungen war die als dringlich erkannte Notwendigkeit, eine „echte politische Aktivierung der deutschen Hochschulen“ zu bewirken. Eine solche „politische Erziehung“ sei unabdingbar, um das in der akademischen Welt dominierende „Ideal der Apolitie“ zu korrigieren[18] und ‒ in den Worten Klaus Zieglers ‒ die „Formung“ eines demokratischen „Habitus“ zu ermöglichen.[19] Um dieses reformerische Ziel zu erreichen, wird an ein den Vorlesungsbetrieb ergänzendes Organisationsmodell gedacht, das Studium Generale. Es ließe sich über eine thematisch definierte Ringvorlesung in die Praxis umsetzen, wahlweise mit anschließender Diskussion.
Die universitäre akademische Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden, sich bislang als ideologie- und politikabstinent nur eigener wertfreier Wissenschaft, nicht aber der Öffentlichkeit verpflichtet glaubend, dürfe nicht mehr in einem apolitischen Elfenbeinturm verharren. „Die jüngste deutsche Vergangenheit sollte der Universität als Warnung dienen, wie schnell der elfenbeinerne Turm der unpolitischen Wissenschaft zur Gefängniszelle des Tyrannen“ habe werden können.[20] „Nicht mehr im Medium des kommunikativen Beschweigens, […] sondern im Medium des kritischen Redens“[21] wären mithin fortan, indem man die Vergangenheit thematisiere, Gegenwart und Zukunft zu gestalten. Im April 1960 stand auf dem 6. Deutschen Studententag in Berlin „Mut zur Politik“ als eine von vier thematischen Forderungen auf der Agenda.[22]
Theodor Eschenburg, in seiner ersten Reaktion auf Nummer 53 der Notizen die „journalistische Clique mit einem Misthaufen“ vergleichend, „gegen den man nicht anstinken könne“,[23] korrigierte schnell seinen rhetorischen Ausfall. Zusammen mit sechs weiteren Kollegen – die Semesterferien hatten begonnen und eine vom Rektorat boykottierte studentische Vollversammlung stand vor der Tür – verfassten die „Tübinger Sieben“[24] einen offenen Brief an die Tübinger Studentenschaft, in dem sie eine kurzgefasste Antwort zu geben suchten auf die sie bewegende Frage, „wie es dazu gekommen sei, daß politisch belastete Hochschullehrer heute wieder an unserer Universität lehren“.[25]
Gemeinsam wurde unter Federführung des Tübinger Ordinarius für Pädagogik Andreas Flitner (1922‒2016) als erster „Einstieg zu einer Beschäftigung mit unserer Geschichte“ für das Wintersemester 1964/65 eine Ringvorlesung aller Fakultäten beschlossen. Sie sollte aus vierzehn einstündigen Vorträgen bestehen, angesetzt auf Donnerstagnachmittag, den Dies academicus. Als „Ringvorlesung zur ‚Braunen Universität‘“ wurde die Veranstaltung in den Notizen angekündigt, als „Das deutsche Geistesleben und der Nationalsozialismus“ im Vorlesungsverzeichnis,[26] als „bisher umfassendste Darstellung der Auseinandersetzung zwischen Wissenschaft und Hitler-Regime“[27] in der Buchausgabe der Vorträge, erschienen im Herbst 1965:[28]


In bibliographischen Verzeichnissen lässt sich zu dem Sammelband zunächst nur eine einzige Rezension nachweisen,[29] in der akademischen Community aber war die Tübinger Initiative Anlass für thematisch ähnliche Ringvorlesungen an den Universitäten in Westberlin, Marburg, Heidelberg, Bonn und München.[30] In Tübingen wird als Vertreter der philologisch orientierten Disziplinen am 21. Januar 1965 der Germanist und Ordinarius für deutsche Philologie Klaus Ziegler (1908‒1978) vor das Auditorium gebeten und über „Die Idee der Nation in der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft“ sprechen.[31]
Anderthalb Jahre zuvor, am 9. November 1963, war Klaus Ziegler schon einmal als Redner zu einem NS-Thema gefragt gewesen, als er auf einer vom AStA der Universität Tübingen initiierten Veranstaltung zum Gedenken an den 25. Jahrestag der Reichsprogromnacht sprach. Mit der Titelformulierung „Die nationalsozialistische Judenverfolgung und wir“[32] hatte er offenbar versucht, historische Schuld in eine kollektiv („und wir“) zu verantwortende Gegenwart zu überführen. Dieser Versuch, so die Notizen, sei ihm, dem „gewiß niemand seine aufrechte Gesinnung absprechen wird“, leider nicht gelungen. Sein „unpointierter Erlebnisbericht mit einer vorausgehenden kursorischen Betrachtung historischer Details“ ohne „informativen Charakter“ habe enttäuscht, zumal sich daraus keine „hic et nunc Entscheidungen das heißt: Taten“ für die Gegenwart hätten ableiten lassen. Doch das heute gelebte Obrigkeitsdenken, der latent herrschende Antisemitismus, die „Taten eines Herrn Globke, die Äußerungen eines Professors Hoffstätter“, das Faktum des „Freispruchs für Prof. Leibrandt“ [sic], all diese Fälle, sie ließen sich nicht als vergangene Historie abtun, sie seien vielmehr Exempel einer NS-Gegenwart, die nach „pointierten“ Bewältigungsstrategien verlange. „Die Liste der Beispiele ließe sich ad infinitum fortsetzen“.[33]
Der als unzulässige Provokation empfundene Beitrag von Hermann L. Gremliza zur braunen Universitär war demnach die unmittelbare Antwort auf studentisches „Mißbehagen“ über die zuvor am Gedenktag zur Reichsprogromnacht erfahrene professorale Sprachlosigkeit und „über die Art und Weise, […] in der an unserer Universität die Vergangenheit bewältigt wird.“[34]
Zu den Ausführungen Klaus Zieglers in der Ringvorlesung sind von studentischer Seite keine unmittelbar nachlesbaren Reaktionen überliefert. In der Druckfassung seiner Rede steht nicht mehr „die Idee der Nation“ im Vordergrund, sondern die Germanistik als Wegbereiterin des NS-Regimes. Damit verbunden ist der anspruchsvolle Versuch, wichtige Ideologiebestandteile herauszuschälen. Zieglers ursächliche Erklärung der NS-Herrschaft aus ihren weit in die Vergangenheit zurückreichenden „geistesgeschichtlichen Voraussetzungen“, aus „kategorischen Denkmodellen“ und „ideologischen Dispositionen“ sowie seine Analyse „wissenschaftsgeschichtlicher Zusammenhänge“[35] vernachlässigen allerdings die Frage nach den konkret-materiellen Ursachen des Dritten Reiches.
Die offenbar auch den Ringvorlesungen der anderen Universitäten eigene Tendenz, Überbauphänomene ins Zentrum der „Wesensbestimmung“ des Nationalsozialismus zu stellen, wird zwei Jahre später aus marxistischer Sicht eine scharfe Kritik erfahren. Hiermit werde ein „Popanz“ aufgebaut, der über die Wirksamkeit des eindeutig faschistisch zu nennenden Herrschaftsinstrumentariums hinwegtäusche. Und dieses Instrumentarium sei sozio- und politökonomischer Art, oder, kurz gesagt, kapitalistischer Natur.[36]
Ziegler reflektierte zwar eingehend den Überbau, wußte aber auch sehr wohl um den Einfluss der, in seinen Worten, „realsoziologischen Fakten“ mit ihren politischen, ökonomischen und sozialen Implikationen, er wußte um die individualpsychologischen und elementaren Faktoren, die im Einzelfall aus „menschlich sehr heterogenen Motiven“ zu mehr oder minder intensiven Braunfärbungen geführt hatten. Reflektiert wurde auch das Problem, dass in akademischen Berufen mit ihren chronisch prekären Beschäftigungsperspektiven (fach)wissenschaftliche Anpassungsleistungen fallweise eine angezeigte Option darstellten.[37] Entsprechend plädierte er für „besonnene Unterscheidungen und Abwägungen“.

Den Lehrstuhl für Neuere deutsche Philologie an der Universität Tübingen hatte Klaus Ziegler in der Nachfolge Paul Kluckhohns (1886‒1957) seit 1955 inne. Bei der Nachbesetzung gab es Mitbewerber, von einem wird beiläufig berichtet: Es war sein einstiger Göttinger Studienkollege und späterer Mentor Gerhard Fricke (1901‒1980), welcher sich zum Zeitpunkt des Berufungsverfahrens als Gastdozent an der Universität Istanbul aufhielt, hier auf seine akademische Wiederverwendung[38] in Tübingen wartete und aufgrund seiner im zweiten Anlauf erfolgten Einstufung als Entlasteter auch damit hatte rechnen dürfen.
1908 in Magdeburg in einem akademisch-christlich geprägten Haushalt geboren, studierte Klaus Heinz Otto Richard Ziegler nach dem Abitur (1926) in Göttingen unter anderem bei Rudolf Unger (1876‒1942), der deutsche Literaturgeschichte als Geistesgeschichte lehrte. Einer seiner Kommilitonen war der aus Posen stammende Gerhard Fricke (1901‒1980). Während der fast acht Jahre ältere Fricke zuerst in Rostock im Fach Theologie (1925) und dann in Göttingen von Rudolf Unger im Fach Germanistik (1929) promoviert wurde, anschließend heiratete, sich bei Unger habilitierte (1931) und nach 1933 „fast meteorhaft“[39] die akademische Karriereleiter erklomm, wurde Ziegler aktives SPD-Mitglied, Vorsitzender der Göttinger Sozialistischen Studentenschaft (SDS) und entschiedener NS-Gegner, woraus sich erklärt, warum er 1933 aus politischen Gründen unverzüglich relegiert wurde.[40] In den Folgejahren hielt Ziegler sich in Berlin auf, wo er „nicht Akademiker, sondern (sehr vergnügt) Gasmann sein durfte“,[41] und wo er sich, seit 1939 verheiratet, „neben weiteren wissenschaftlichen Studien mit journalistischen und anderen ähnlichen Arbeiten“ über Wasser hielt.[42] In Berlin habe er „ungeachtet persönlicher Gefährdung […] mit Männern des Widerstands gegen Hitler zusammengearbeitet.“[43] Bei Rudolf Unger in Göttingen über Friedrich Hebbel zu promovieren, wird ihm 1938 dann aber doch „zugestanden“, ebenso wie die Ablegung des Ersten und Zweiten Staatsexamens (1940, 1941) mit anschließendem Schuldienst.[44] Auch war er Mitglied in der SA (1933), der NSDAP (1937), im NS-Lehrerbund (NSLB) und der NS-Volkswohlfahrt (NSV).
Sein Kommilitone Fricke stand inzwischen, nach mehrjährigem Ordinariat an der Universität Kiel (1934‒1941), „fachlich und politisch hervorragend beleumdet“ und „ohne Widerspruch den Anforderungen nationalsozialistischer Universitätspolitik“ nachkommend, auf Berufungslisten in Göttingen und Heidelberg und erhielt schließlich 1941 einen Ruf an die Reichsuniversität Straßburg, die, ein Aushängeschild für das nationalsozialistische Deutschland, „nur mit politisch ‚zuverlässigen‘ und als fachlich qualifiziert geltenden Professoren bestückt wurde“.[45]
Ziegler war seit 1942 wissenschaftlicher Assistent bei Gerhard Fricke am Germanischen Seminar der Universität Straßburg. Er hat sich dort 1944, von Fricke protegiert und Denunziationen und NS-Widerständen zum Trotz, habilitiert und den Titel eines Privatdozenten erhalten. Auch fand er sich auf einer ca. 150 Namen umfassenden Liste jüngerer Geisteswissenschaftler wieder, die, in einer gezielten Sonderaktion offiziell als „uk“ (= unabkömmlich; abgekürzt zitiert UK) eingestuft, von ihren aktuellen Wehr- und Kriegsdienstverpflichtungen freigestellt werden sollten.[46]
Um für die Herausforderungen der Nachkriegszeit gerüstet zu sein, unternahmen 1943/44 in einer konzertierten Aktion das Reichserziehungsministerium, das Amt Rosenberg, die NSDAP-Parteikanzlei und das Planungsamt des Reichsforschungsrates den (wenngleich im Wesentlichen gescheiterten) Versuch, junge Geisteswissenschaftler an die sie schützende Heimatfront zu beordern. Diese Planungen zeugen nicht nur von der Absicht, das kriegsbedingte Ausbluten und den fortschreitenden Bedeutungsverlust der Geisteswissenschaften aufzuhalten, sie sind auch getragen von dem Wunsch nach einer geisteswissenschaftlichen Nachwuchsreserve, um für die nach dem Endsieg zu erwartenden strukturellen Veränderungen in der NS-Wissenschaftslandschaft gewappnet zu sein. Es bedurfte langer Verhandlungen, bis schließlich von 150 anvisierten Jungakademikern etwa vierzig namentlich vom Oberkommando der Wehrmacht entlassen wurden.
Hinter diesen von den wissenschaftspolitischen Entscheidungsträgern gezielt geplanten Freistellungen stand der Gedanke einer „weltanschaulichen oder fachwissenschaftlichen Elitenauslese“, die vorgeschlagenen Gelehrten, so die Forschung, „verkörperten in einer fast idealtypischen Weise den Querschnitt des geisteswissenschaftlichen Nachwuchses am Ende des Dritten Reiches“. Das „Chaos der Kriegszeit“ und „Kompetenzgerangel“ aber hätten den Aufbau eines solchen geisteswissenschaftlichen Nachwuchskaders bisher verhindert.
Dass offenbar angedacht war, „angesehene Fachvertreter wie fachlich umstrittene Hochschullehrer, aktive Nationalsozialisten wie politisch indifferente oder in Ausnahmefällen sogar systemkritische Geisteswissenschaftler“ zu einer NS-strukturrelevanten Gemeinschaft zusammenzustellen, widerspricht unserer gängigen Vorstellung von einer stringent durchorganisierten, linientreues Verhalten herbeizwingenden NS-Diktatur. Es würde den hier vorliegenden thematischen Rahmen deutlich sprengen, Erklärungsmodelle für diese scheinbar widersprüchliche Fakten- und Gemengelage zu liefern. Mit dem Terminus „Doppelstaat“ kennzeichnete zum Beispiel 1940 Ernst Fraenkel das NS-Herrschaftssystem, als „gespaltenes Bewusstsein“ beschreibt Hans Dieter Schäfer die damalige Praxis gegensätzlicher Lebenswirklichkeiten.[47]
Dass sich Klaus Ziegler, der, wie kolportiert wird, „als Sozialist, ja sogar als Kommunist galt“,[48] zum Beispiel zusammen mit dem Antisemiten, Rassentheoretiker und sich vorzugsweise in SA-Uniform präsentierenden Tübinger Professor für Psychologie und Pädagogik Gerhard Pfahler (1897‒1976) auf einer gemeinsamen Liste wiederfand, hatte Ziegler nicht eigener Initiative zu verdanken und ad personam zu verantworten.[49] Stutziger macht da seine langjährige, Krisen- und Kriegszeiten überdauernde freundschaftliche Verbindung zu Gerhard Fricke, der, ein nach 1945 vielfach zitiertes Skandalon, am 10. Mai 1933 in Göttingen eine flammende Rede zur Bücherverbrennung gehalten hatte, deren ideologische Implikationen nach 1945 seinen bruchlosen Neuanfang in Tübingen verhinderten. Denn in die Universität Tübingen war er mit dem Lehrkörper der 1944 aufgelösten Reichsuniversität Straßburg integriert worden. Ab 1946 wird Fricke dort als Lehrbeauftragter geführt. Sein Straßburger Assistent Ziegler dagegen ist als Dozent nach Göttingen beordert worden und fasste hier, ausgewiesenermaßen unbelastet, sofort Fuß, akademisch in der Germanistik, politisch als „Vorsitzender einer internen Kommission zur Entnazifizierung der Studenten“.
Noch einmal zurück zu den publizierten Vorträgen der Ringvorlesung 1964/65. Die publizistische Strategie der Chefredaktion der Notizen war es gewesen, mit den historischen Fakten genau zu verfahren, die zur Bewältigung anstehende Vergangenheit wortwörtlich genommen beim Namen zu nennen. Dieser „Forderung der notizen nach einem gewissen Ostrazismus“, nach einem personalisierenden Scherbengericht also,[50] entzogen sich die Sammelbandbeiträger durch historische Versachlichung und eine denunziationsfreie, Aktualitätsbezüge vermeidende Historisierung. Ein großer Teil der Namen, die zum Beispiel bei Ziegler fallen, entstammen der germanistischen Ur-Ahnengalerie, „wie etwa Herder und Möser, Jahn und Arndt, […] Görres und Jacob Grimm“.[51] Daneben erwähnt er Adolf Bartels, Paul Fechter, Josef Nadler, Gustav Roethe, die jüdischen Germanisten Martin Sommerfeld und Fritz Strich und außerdem Walther Linden, Oberstudiendirektor und verantwortlicher Leiter der wissenschaftlichen Abteilung der Zeitschrift für Deutschkunde (1920‒1943).
Nur einer einzigen Persönlichkeit wird detailliertere Aufmerksamkeit zuteil. Es handele sich, so Ziegler, um einen „der seelisch und geistig differenziertesten und kultiviertesten Vertreter, die unser Fach überhaupt je gefunden hat; Literaturhistoriker und Lyriker zugleich – überdies bis zum politisch bedingten B[r]uch eng mit Thomas Mann befreundet“. Erst nach dieser vorausgeschickten superlativischen Würdigung wird der Name des bereits Verstorbenen mitgeteilt: Ernst Bertram (1884‒1957). Aber, fährt Ziegler fort, „sogar solch eine Persönlichkeit wie Ernst Bertram“ habe dem „Glauben an die allen anderen Völkern überlegene Vollkommenheit und Idealität des Deutschen, Germanischen, Nordischen […] beispielhaft krassen Ausdruck“ verliehen. Zum Beleg wird das dreistrophige Gedicht „Zeit ist zu reden von der Toren Wahn“[52] in Gänze zitiert.[53]
Ernst Bertram, Dichter und bis 1946 Ordinarius für Germanistik an der Universität Köln, war für Ziegler „geistig differenziertestes“ Vorbild und zugleich ein aufgrund seines Gefangenseins in mythischen Denkmodellen warnendes Beispiel. Knapp zwanzig Jahre später, überall erinnerte man 1983 in Deutschland an die Bücherverbrennung vor 50 Jahren, brachten zahlreiche Publikationen die Tatsache ans Licht, dass Bertram im Vorfeld der in Köln auf den 17. Mai 1933 verschobenen „großen feierlichen Verbrennung“[54] eine denkbar unwürdige Rolle gespielt hatte. Er selbst meinte, dem „feierlichen Auto da Fee“, da es „jetzt würdig verlaufen“ werde, beiwohnen zu sollen. In Bonn hatte sein die Feuerrede haltender Kollege, der Altgermanist Hans Naumann, ihn zitierend und interpretierend, auf eines seiner Gedichte verwiesen: „In die Flamme mit was euch bedroht!“. Bertrams Dichterworte hatten Gewicht. Naumanns Nachredner, der Kunsthistoriker Eugen Lüthgen, fing den Ball auf, wiederholte und bekräftigte: „Heute gilt das Wort Ernst Bertrams: […] In die Flamme mit was euch bedroht!“[55]
Das Urteil der Nachwelt war streng: Bertrams „Nornenwahn“ habe ihn vom „Schöngeist“ zu einem „entschlossenen Worttäter“ werden lassen. Er zählte zu den ganz wenigen, denen, zwar „lebhaft und kontrovers diskutiert“, gleichwohl nach Kriegsende eine Rückkehr ins Lehramt definitiv nicht mehr erlaubt wurde.[56]
Nur wenige Monate später, Klaus Ziegler hatte gerade seinen Part in der Reihe der Tübinger Ringvorlesungen bestritten, trat in Köln sein Weggefährte Gerhard Fricke (anscheinend) unaufgefordert vor die Studenten und eröffnete das Sommersemester 1965 damit, von sich aus nach Antworten zu suchen.[57] Sie, die Studenten, hätten das Recht zu wissen; und er, ihr Lehrer, mit dem sie „gemeinsame Arbeit am Geist und im Geist verbinde“, habe die Pflicht zu antworten. Zu antworten auf ihre Frage nach seiner, er leugne es nicht, schuldhaften, nie zu sühnenden Verstrickung in eine mörderisch agierende Staatsmaschinerie. Er wolle ausdrücklich nicht „gänzlich im Allgemeinen“ bleiben, „wenigstens etwas Konkreteres zu erfahren“ sei notwendig und legitim. Er, Fricke, antworte als Lehrer, der seine Studenten sieze und er antworte als Mensch, der ihnen, seinen Studenten, nahelegt, ihn zu duzen. „Wie kam man, wie kamst Du eigentlich auf diesen Weg? […] Wie konntest Du Dich zum Beispiel mit der Bücherverbrennung durch Göttinger befreunden, ja durch eine Ansprache Dich mit ihr solidarisch erklären?“ Solcherart war ein Dialog potentiell möglich geworden.
Anmerkungen
[1] Uwe Diedrich Adam: Hochschule und Nationalsozialismus. Die Universität Tübingen im Dritten Reich (Contubernium; 23), Tübingen: Mohr 1977 S. 79. Bei Adam wird Hermann F. Hoffmann irrtümlich als Heinrich Hoffmann identifiziert (S. 237). Siehe auch Ernst Seidl: Der „Führerrektor“. Hermann Hoffmann als Exponent der NS-Universität. In: Ders., Edgar Bierende (Hrsg.): Forschung ‒ Lehre ‒ Unrecht. Die Universität Tübingen im Nationalsozialismus (Schriften des Museums der Universität Tübingen; 9), Tübingen: MUT 2015, S. 65‒69.
[2] Übersetzt in die Militärhierarchie entsprach dieser Rang dem eines Hauptmanns. Seine als (para)militärische Ehrung aufzufassende Aufnahme als Obersturmführer (also im Rang eines Oberleutnants) in die SA erfolgte ein Jahr zuvor am 9.11.1937. Vgl. Martin Leonhardt: Hermann F. Hoffmann (1891‒1944). Die Tübinger Psychiatrie auf dem Weg in den Nationalsozialismus (Contubernium; 45), Sigmaringen: Thorbecke 1996, S. 119, Lebenslauf S. 157.
[3] Ebd. Es gab den Wunsch der Ehefrau, das Bild zu übermalen. Dem Wunsch wurde nicht stattgegeben. Ebd. S. 121.
[4] Helmut König: Die Zukunft der Vergangenheit. Der Nationalsozialismus im politischen Bewußtsein der Bundesrepublik, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 2003, S. 28.
[5] Ebd., S. 24‒30.
[6] Hermann Lübbe: Der Nationalsozialismus im deutschen Nachkriegsbewußtsein. In: Historische Zeitschrift 236 (1983), S. 579‒599, hier S. 594. Ders.: Vom Parteigenossen zum Bundesbürger. Über beschwiegene und historisierte Vergangenheit, München: Fink 2007, S. 32.
[7] Hermann L[udwig] Gremliza: Die braune Universität. Tübingens unbewältigte Vergangenheit. In: Notizen. Tübinger Studentenzeitung 8 (1964), Nr. 53, Bl. 2ab.
[8] „Prof. Bebermeyer. Prof. Eißer“ lauten die Angaben in der Bildlegende.
[9] Hermann L. Gremliza: Liebe Notizen-Leser. In: Notizen. Tübinger Studentenzeitung 8 (1964), Nr. 53, Bl. 1b, 2a.
[10] Zu beiden Personen siehe Ernst Klee: Personenlexikon zum Dritten Reich, 2. Aufl. Frankfurt am Main: Fischer 2003. Georg Eißer starb am 4. Juni 1964. Für seinen Tod wurde seinerzeit ursächlich seine denunziatorische Diskriminierung in den Notizen verantwortlich gemacht. Es soll vom „Mörder Gremliza“ die Rede gewesen sein, so Karl Christian Lammers: Die Auseinandersetzung mit der „braunen“ Universität. Ringvorlesungen zur NS-Vergangenheit an westdeutschen Hochschulen. In: Axel Schildt, Detlef Siegfried, Karl Christian Lammers (Hrsg.): Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte. 37), Hamburg: Christians 2000, S. 148‒165, hier S. 159.
[11] Notizen. Tübinger Studentenzeitung 8 (1964), Nr. 53, Februar 1964. Zitat bei: Ute Planert, Nicole Krautschneider, Marion Hamm, Walter Kaufmann, Sebastiaan Okél: Verübt, verdrängt, vergessen. Der Fall Hoffmann oder: Wie die Universität von ihrer Vergangenheit eingeholt wurde. In: Tübinger Blätter 77 (1990/91), S. 61‒65, hier S. 61.
[12] Lammers: Die Auseinandersetzung mit der „braunen“ Universität (wie Anm. 10), S. 152, mit Pressenachweisen passim in den Fußnoten. Diese bibliographischen Hinweise sind zu ergänzen um einen redaktionellen Beitrag im Nachrichtenmagazin Der Spiegel: Tübingen. Blick zurück. In: Der Spiegel 18 (1964), H. 34, S. 28‒29.
[13] So Rektor Hermann Diem im Nachwort zu dem die Vorträge der Tübinger Ringvorlesung dokumentierenden Sammelband: Andreas Flitner (Hrsg.): Deutsches Geistesleben und Nationalsozialismus. Eine Vortagsreihe der Universität Tübingen mit einem Nachwort von Hermann Diem, Tübingen: Wunderlich 1965, S. 237‒240, hier S. 237.
[14] Planert et al.: Verübt, verdrängt, vergessen (wie Anm. 11), S. 61f.
[15] Frederik Obermaier: Sex, Kommerz und Revolution. Vom Aufstieg und Untergang der Zeitschrift „konkret“ (1957‒1973), Marburg: Tectum 2011, S. 9, 162.
[16] Von konkret. In: Konkret. Zeitschrift für Politik und Kultur 47 (2003), Nr. 7, S. 4. Vgl. Lammers: Die Auseinandersetzung mit der „braunen“ Universität (wie Anm. 10), S. 155, 160.
[17] Gremliza: Liebe Notizen-Leser (wie Anm. 9). Tübingen. Blick zurück (wie Anm. 12), S. 29.
[18] Vgl. F[ranz] W[alter] Müller: Studium Generale und Politik. In: Friedrich Tenbruck, Wilhelm Treue (Hrsg.): Studium Generale. Bericht über zwei Weilburger Arbeitstagungen, [Frankfurt am Main 1952], S. 37‒43, hier S. 39f.
[19] Klaus Ziegler: Gegenwärtigkeit. In: Göttinger Universitätszeitung 2 (1947), Nr. 4, S. 1‒4. In diesem frühen, philosophisch abgehobenen Beitrag zur Interdependenz von Öffentlichkeit, Politik und Wissenschaft im Prozess einer auf Demokratie zielenden „Formung“ (S. 1) sowohl der Studenten wie der Dozenten wird die Einrichtung eines „Dies Universitatis“ (S. 3) als praxiskompatibel begrüßt. Schon am 20.12.1945 hat Ziegler in einem Schreiben an seinen Göttinger Rektor Rudolf Smend auf sechs Seiten „Vorschläge zur weltanschaulich-politischen Aktivierung der Universitätsarbeit“ entwickelt. In fachübergreifenden, außerhalb des regulären Vorlesungsbetriebes anzusiedelnden Arbeitskreisen sei den weltanschaulich einseitigen NS-Dogmen aus historischer, politischer, religiöser, philosophischer und politischer Sicht die Vielfalt demokratischer Denk- und Lebensformen nahe zu bringen. SUB Göttingen: Cod. Ms. R. Smend C 23, Bl. 49‒52. Kenntnis von der Maschinenschrift erlangte ich dank Sabine Koloch.
[20] Vgl. Müller: Studium Generale (wie Anm. 18), S. 40.
[21] König: Zukunft der Vergangenheit (wie Anm. 4), S. 32. Auf den Berliner Universitätstagen 1966 sprach Wolfgang Abendroth über: Das Unpolitische als Wesensmerkmal der deutschen Universität. In: Nationalsozialismus und die deutsche Universität. (Universitätstage 1966), Berlin: De Gruyter 1966, S. 189‒208.
[22] W[olfgang] Kalischer (Red.): Abschied vom Elfenbeinturm. Einheit der Bildungswege. Nachwuchs und Förderung. Studium im Ausland. Mut zur Politik. Eine vorbereitende Schrift für den 6. Deutschen Studententag, Bonn 1960. Es gehe um den „Aufbruch des akademischen Denkens in die soziale und politische Realität“ (S. V).
[23] Hermann L. Gremliza: Leserbriefe. In: Notizen. Tübinger Studentenzeitung 8 (1964), Nr. 54, S. 10. Vgl. Planert et al.: Verübt, verdrängt, vergessen (wie Anm. 11), S. 61: „Eschenburg, sonst eher abgeklärter Übervater“.
[24] Kleine Anspielung an die „Göttinger Sieben“, auf die Ende 1964 sieben Germanisten Bezug nahmen, als sie in der Wochenzeitung Die Zeit vom 4.12.1964, S. 17, zum kritischen Fall der Besetzung des Bonner Rektorats mit Hugo Moser eine „Erklärung der Sieben“ abgaben.
[25] Bert Hauser: Die braune Universität eine Aufgabe. In: Notizen. Tübinger Studentenzeitung 8 (1964), Nr. 54, S. 2‒3, hier S. 3. Der von den sieben Unterzeichnern „Aufruf“ genannte offene Brief ist auch abgedruckt bei Hermann Diem: Nachwort (wie Anm. 13), S. 238f.
[26] Vgl.: Notizen. Tübinger Studentenzeitung 9 (1964), Nr. 57, S. 2, sowie: Eberhard-Karls-Universität Tübingen: Namens- und Vorlesungsverzeichnis. Wintersemester 1964/65, S. 105.
[27] Manfred Bitzer: Deutsches Geistesleben und Nationalsozialismus. Resümee der Tübinger Ringvorlesung. In: Attempto 17/18 (1965), S. 28‒31, hier S. 28.
[28] Andres Flitner (Hrsg.): Deutsches Geistesleben und Nationalsozialismus (wie Anm. 13). Auf zwei Beiträge der Vortragsreihe (den des Altphilologen Walter Jens und den des Musikwissenschaftlers Walter Gerstenberg) „mußte wegen anderer Verpflichtungen der Autoren verzichtet werden“, so Hermann Diem: Nachwort (wie Anm. 13), S. 239.
[29] Hermann Mörchen: [Rezension zu] Deutsches Geistesleben und Nationalsozialismus. In: Mitteilungen des Deutschen Germanisten-Verbandes 13 (1966), Nr. 3, S. 17.
[30] Vgl. Planert et al.: Verübt, verdrängt, vergessen (wie Anm. 11), S. 65, sowie Lammers: Die Auseinandersetzung (wie Anm. 10), S. 153, mit weiteren bibliographischen Nachweisen in Anm. 20. Die Berliner Ringvorlesung des Jahres 1966 liegt publiziert vor: Nationalsozialismus und die deutsche Universität (wie Anm. 21). Zur Münchener Ringvorlesung 1965/1966 s. Helmut Kuhn (Hrsg.): Die deutsche Universität im Dritten Reich. Acht Beiträge, München: Piper 1966.
[31] So die Ankündigung von Zieglers Beitrag im Vorlesungsverzeichnis (wie Anm. 26).
[32] Siehe: Kristallnacht. In: Notizen. Tübinger Studentenzeitung 8 (1963), Nr. 50, Bl. 8b. Vgl. auch den Hinweis bei Hanna Weischedel: Klaus Ziegler zum Gedächtnis. In: Attempto 63‒65 (1978‒1979), S. 250‒252, hier S. 251. Hanna Weischedel (1921‒2010), die von Paul Kluckhohn 1957 mit einer Arbeit über Hugo von Hofmannsthal promoviert wurde, war seit 1973 Lehrstuhlinhaberin am Tübinger Deutschen Seminar. Sie trug (als einzige Frau) zur Festschrift Ziegler bei: Autor und Publikum. Bemerkungen zu Hofmannsthals essayistischer Prosa. In: Eckehard Catholy, Winfried Hellman (Hrsg.): Festschrift für Klaus Ziegler, Tübingen: Niemeyer 1968, S. 291–321.
[33] Vgl. Holger Oehrens: Lasset uns gedenken … In: Notizen. Tübinger Studentenzeitung 8 (1963), Nr. 51, Bl. 10a. Es handelt sich bei den genannten Fällen um den Chef des Bundeskanzleramtes Hans Globke, den für eine Generalamnestie plädierenden Hamburger Psychologen Peter R. Hofstätter und den 1966 von der Anklage eines Kriegsverbrechens (Mord) freigesprochenen Bauingenieur Kurt Leibrand.
[34] Gremliza: Die braune Universität (wie Anm. 7), Bl. 2a.
[35] Klaus Ziegler: Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft im Dritten Reich. In: Andreas Flitner (Hrsg.): Deutsches Geistesleben und Nationalsozialismus. Eine Vortagsreihe der Universität Tübingen mit einem Nachwort von Hermann Diem, Tübingen: Wunderlich 1965, S. 144‒159, hier S. 144f., 158, sowie Diem: Nachwort (wie Anm. 18), S. 239.
[36] Wolfgang Fritz Haug: Der hilflose Antifaschismus. Zur Kritik der Vorlesungsreihen über Wissenschaft und NS an deutschen Universitäten, 3. überarb. u. erg. Aufl., Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970, besonders S. 42‒53, zum Popanz des Geistigen vgl. ebd. S. 48. Vierzig Jahre später, im Wintersemester 2004/2005, wird einer der schon 1965 angetretenen Redner, der Volkskundler Hermann Bausinger, in der Tübinger Ringvorlesung Universität Tübingen im Nationalsozialismus die Berechtigung dieser Kritik bestätigen. Hermann Bausinger: „Volksforschung“ im Zeichen des Nationalsozialismus. In: Urban Wiesing, Klaus-Rainer Brintzinger, Bernd Grün, Horst Junginger, Susanne Michl (Hrsg.): Die Universität im Nationalsozialismus (Contubernium; 73), Wiesbaden: Steiner 2010, S. 1055‒1058, hier S. 1055f.
[37] Ziegler: Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft im Dritten Reich (wie Anm. 35), Zitate S. 147f. und S. 149. Auf diesen Begründungszusammenhang verweist, Ziegler zitierend, auch Jens Thiel: Akademische „Zinnsoldaten“? Karrieren deutscher Geisteswissenschaftler zwischen Beruf und Berufung (1933/1945). In: Rüdiger vom Bruch, Uta Gerhardt, Aleksandra Pawliczek (Hrsg.): Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts (Wissenschaft, Politik und Gesellschaft; 1), Wiesbaden: Steiner 2006, S. 167‒194, hier S. 171f.
[38] Das Grundgesetz regelte mit dem im Mai 1951 in Kraft getretenen Artikel 131 die privilegierte Wiederverwendung von nach Kriegsende freigesetzten und dann in nachfolgenden Entnazifizierungsverfahren als entlastet eingestuften Beamten.
[39] So im Rückblick Benno von Wiese: Ich erzähle mein Leben. Erinnerungen, Frankfurt am Main: Insel-Verlag 1982, S. 150.
[40] Die biographischen Eckdaten zu Fricke und Ziegler bei Christoph König (Hrsg.): Internationales Germanistenlexikon 1800‒1950, Bd. 1‒3, Berlin: de Gruyter 2003. Zu Fricke vgl. außerdem Gudrun Schnabel: Gerhard Fricke. Karriereverlauf eines Literaturwissenschaftlers nach 1945. In: Petra Boden, Rainer Rosenberg (Hrsg.): Deutsche Literaturwissenschaft 1945‒1965, Berlin: Akademie-Verlag 1997, S. 61‒84. Zu Ziegler vgl. Jens Thiel: Akademische „Zinnsoldaten“? (wie Anm. 37), S. 171, Anm. 17.
[41] J. K.: Ein nicht ganz typischer Professor. Der Germanist Klaus Ziegler wird 70. In: Süddeutsche Zeitung 34, 1978, Nr. 243, 21./22.10.1978, S. 15.
[42] Klaus Ziegler: Lebenslauf. In: Ders.: Mensch und Welt in der Tragödie Friedrich Hebbels. Phil. Diss. Göttingen 1938, nach S. 197. Berlin: Triltsch & Huther 1938. Die Buchhandelsausgabe erschien in der Reihe „Neue Forschung. Arbeiten zur Geistesgeschichte der germanischen und romanischen Völker“ (Berlin: Junker & Dünnhaupt 1938). Vgl. auch die Neuausgabe: Mensch und Welt in der Tragödie Friedrich Hebbels. Mit einer Vorbemerkung zum Neudruck. (Unveränderter reprografischer Nachdruck der Ausgabe Berlin 1938), Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1966.
[43] Weischedel: Klaus Ziegler (wie Anm. 32), S. 250. Laut Thiel (wie Anm. 37), S. 171, Anm. 17) handelt es sich um Adam von Trott zu Solz (1909‒1944). Vier Briefe von Trott zu Solz an Ziegler befinden sich im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte München.
[44] Weischedel: Klaus Ziegler (wie Anm. 32), S. 250.
[45] Zitate aus Schnabel: Gerhard Fricke (wie Anm. 40), S. 69f.
[46] Zu dem Vorgang ausführlich Jens Thiel: Nutzen und Grenzen des Generationenbegriffs für die Wissenschaftsgeschichte. Das Beispiel der „unabkömmlichen“ Geisteswissenschaftler am Ende des Dritten Reiches. In: Matthias Middell, Ulrike Thoms, Frank Uekötter (Hrsg.): Verräumlichung, Vergleich, Generationalität. Dimensionen der Wissenschaftsgeschichte, Leipzig: Akademische Verlagsanstalt 2004, S. 111‒132. Zu den nachfolgenden Zitaten s. ebd. S. 118‒124. Eine nicht vollständige Liste mit 46 zur UK-Stellung vorgeschlagenen Namen ebd., S. 124 in Anm. 34.
[47] Ernst Fraenkel: Der Doppelstaat. Recht und Gesetz im „Dritten Reich‘“, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1984. Hans Dieter Schäfer: Das gespaltene Bewußtsein. Über deutsche Kultur und Lebenswirklichkeit 1933‒1945, Frankfurt am Main: Ullstein 1981.
[48] Von Wiese: Ich erzähle mein Leben (wie Anm. 39), S. 150.
[49] Zu Pfahler auf der UK-Liste siehe Jens Thiel: Nutzen und Grenzen des Generationenbegriffs für die Wissenschaftsgeschichte (wie Anm. 46), S.124. Zu Pfahlers Uniformpräferenz vgl. Jens Thiel: Der Dozent zieht in den Krieg. Hochschulkarrieren zwischen Militarisierung und Kriegserlebnis (1933‒1945). In: Matthias Berg, Jens Thiel, Peter Th. Walther (Hrsg.): Mit Feder und Schwert. Militär und Wissenschaft – Wissenschaftler im Krieg (Wissenschaft, Politik und Gesellschaft; 7), Stuttgart: Steiner 2009, S. 211‒240, hier S. 220f. mit Foto.
[50] Bitzer: Die Ringvorlesung „Das deutsche Geistesleben und der Nationalsozialismus“ (wie Anm. 27), S. 40.
[51] Vgl. Ziegler: Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft im Dritten Reich (wie Anm. 35), S. 144, 146f., 152, 155f.
[52] Ernst Bertram: Das Nornenbuch, Leipzig: Insel 1925, S. 12.
[53] Ziegler: Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft im Dritten Reich (wie Anm. 35), S. 156f.
[54] Zu Ernst Bertram vgl. ausführlich mit bibliographischen Nachweisen zu seinen hier im Wortlaut zitierten Äußerungen Karl Otto Conrady: Völkisch-nationale Germanistik in Köln. Eine unfestliche Erinnerung, Schernfeld: SH-Verlag 1990, S. 42f. Bertram habe sich dafür eingesetzt, dass die Schriften Friedrich Gundolfs und Thomas Manns, beide mit ihm befreundet, nicht ins Feuer geworfen würden. Grundsätzliche Einwände aber habe er nicht vorgebracht.
[55] Nachweis in: „Das war ein Vorspiel nur …“. Bücherverbrennung Deutschland 1933: Voraussetzungen und Folgen [Ausstellung und Katalog: Hermann Haarmann, Walter Huder, Klaus Siebenhaar], Berlin, Wien: Medusa-Verlagsgesellschaft 1983, S. 202, 204.
[56] Conrady: Völkisch-nationale Germanistik in Köln (wie Anm. 54), Zitate S. 39, 13.
[57] Gerhard Frickes Rede vor seinen Studierenden zu Beginn des Sommersemesters 1965 in Köln. Abdruck bei Schnabel: Gerhard Fricke (wie Anm. 40), S. 85‒95, nachfolgende Zitate ebd., S. 87. Die in der Literatur übliche Datierung auf das Jahr 1965 bedarf einer Korrektur. Fricke nimmt in seiner Rede eingangs (S. 85) Bezug auf eine, wie er sagt, „unlängst in der Wochenschrift Die Zeit“ publizierte Kritik an der Schiller-Volksausgabe, für die er ein Nachwort geschrieben habe. Diese „unlängst“ veröffentlichte Kritik existiert. Sie stammt aus der Feder von Marcel Reich-Ranicki: „Ein neues Unternehmen – ein Stil von gestern. Aus Anlaß der Schiller-Volksausgabe des Hanser-Verlags“, abgedruckt 1966 in der Zeit Nr. 15 vom 8. April auf Seite 18. Fricke wird seine Rede also zu Beginn des Sommersemesters 1966 gehalten haben.