Beschreibungen eines Kampfes um die Literatur

Malte Kleinworts Buch über Franz Kafkas Schreibprozesse

Von Jochen StrobelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jochen Strobel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seit dem Erscheinen der Kritischen Kafka-Ausgabe sind Kafkas Handschriften zum Thema wissenschaftlicher Auseinandersetzung geworden. "Die Handschrift redet!" - mit diesem auf das "Proceß"-Fragment gemünzten Schlagwort hat Malcolm Pasley einer wachsenden Leserschaft die Augen für das Manuskript geöffnet. Doch nicht nur die archivalisch gesicherten Resultate interessieren - die Frankfurter Kafka-Ausgabe macht dem Leser die Autografen als Faksimiles zugänglich -, sondern auch die ihnen vorangegangenen Schreibprozesse, die als geheimes Zentrum von Kafkas Leben angesehen werden: Seine Biografie ist als unendlicher, gleichwohl von krisenhaften Pausen durchsetzter Schreibprozess lesbar geworden. Lässt man die Unterscheidung zwischen amtlichem und privatem Schreiben noch gelten - ersteres ist einer individuellen Autorschaft nur bedingt zurechenbar -, so sind auch die Grenzziehungen zwischen Texten und auch zwischen Textsorten unmöglich geworden. Es scheint Einigkeit darüber zu herrschen, dass Kafkas Schreibstrom als Kontinuum zu betrachten sei, innerhalb dessen zwischen Narrativem, Tagebuchtexten, Briefen oder im weitesten Sinne Notaten vieles möglich ist.

Es ist also naheliegend, Kafkas Schreibverfahren nicht auf der Grundlage von Gattungseinteilungen, sondern vom Auf und Ab des Schreibens und Verstummens her zu erkunden, wie Malte Kleinwort dies in einer Monografie tut, deren Argumentation sich auf die Handschrift, und das heißt auf zahlreiche beigegebene Faksimiles stützt. Er lehrt Kafkas Textstrukturen als keineswegs feste Ergebnisse lesen, sondern als 'Bewegung' und 'Kraft', die auf die Lektüre je einwirken; erst diese erzeugt den konsistenten Text. Kafkas Verfahren (oder: dessen 'Prozess', in doppelter Bedeutung des Wortes) ist nicht seiner Intention oder seinem Vorgehen gleichzusetzen, sondern jener Bewegung, die seine Texte verbindet. Und es sind die Varianten und Streichungen, das Ausgrenzen und das Eingrenzen, auch das Pausieren und Stocken, Bewegung und Stillstand des Schreibens also, an denen sich jene Kraft bemisst.

Damit ist über die Konzeption im großen und ganzen schon viel gesagt, denn darüber hinaus beginnt für Kleinwort das kleinteilige Geschäft der Mikroanalyse, die sich vor allem dem Schreiben des Jahres 1920 widmet und damit nicht zuletzt den Briefen an Milena als dem wohl umfangreichsten distinkten 'Text', der vorwiegend in diesem Jahr entstand. Allerdings zieht Kleinwort zum Vergleich die konstitutive Phase von Kafkas 'Verfahren' in den Jahren 1910 bis 1912 heran, um dort den Aufbau eines Spannungsfeldes 'ich' - 'du' und die Genese der Selbstvergewisserung Kafkas als Schreibprozess transparent zu machen. Diesen Kampf um die Literatur mit seinen immer wieder notwendigen, teils ins Stocken geratenden Neuansätzen zeichnet Kleinwort nach.

Das Analyseprinzip der raumzeitlichen Nähe von Textsegmenten auf den Textträgern birgt allerdings erkennbar die Gefahr, sich in Details zu verlieren, doch immerhin betreibt der Autor der Studie Textgenetik ohne Finalismus. Er verfolgt sein Geschäft betont spielerisch - was nicht nur an der teils eigenwilligen Typografie des Buches abzulesen ist:

So kreist das Milena-Kapitel um das Frankieren, womit aber nicht allein die schon von Bernhard Siegert in seinem - Kleinwort unbekannt gebliebenem - Buch "Relais" ins postalische Spiel gebrachte Briefmarke gemeint ist, sondern auch Milenas Fehllesung der Unterschrift "Franz K." als "Frank". Dass Kafkas berühmter 'Gespensterbrief' an Milena, die Klage über das Fehlgehen brieflicher Kommunikation, eine Abrechnung mit dem Schreiben überhaupt sei, ist eine nicht gerade weit hergeholte These, wie in der verspielten, doch auch etwas selbstverliebten Gesamtanlage des Buches letztlich kaum ganz Neues versteckt ist. In Streichungen und Neuansätzen Kafkas mögen indessen Literatur und Theorie miteinander verschränkt sein; ähnliches gilt für Kleinworts Text, der literarisch nicht ganz unambitioniert ist und dem dabei ein Blick über das Kafka'sche Buchstabenlabyrinth hinaus kaum gelingt: Die Bemühungen, im Ausgang Theodor W. Adornos Bezüge zur (kapitalistischen) Gesellschaft herzustellen, wirken bemüht. Doch auch der Buchtitel, so zwei- und mehrdeutig er sein mag, wirkt blass und wenig präzise. Und einer von Kleinwort benannten Gefahr der Literaturwissenschaft entgeht dieses Buch auch nicht zur Gänze: es schreitet von Zitat zu Zitat voran, ohne so recht anzukommen. Das detailkundige Ausbreiten des Textmaterials ist eine beachtliche Leistung, doch mag der Leser nicht glauben, dass damit schon "Kafkas Verfahren" hinreichend aufgerollt ist. Die leitenden Kategorien 'Verfahren als Prozess', 'als Verirren' und 'als Methode' vermögen nicht zu überzeugen, wenn auch wenigstens die Sensibilisierung für Text-Prozesse die Kafka-Forschung voranbringen wird.

Klug und ambitioniert ist die Studie allemal. Kleinwort kündigt mehrfach eine umfassende Studie zum Stil des späten Kafka an - auf sie dürfen wir gespannt sein.


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Malte Kleinwort: Kafkas Verfahren. Literatur, Individuum und Gesellschaft im Umkreis von Kafkas Briefen an Milena.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2004.
244 Seiten, 29,00 EUR.
ISBN-10: 3826026942

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