Ein Sonderling mit reichlich Patina

Zu Walter Göddens Edition von Peter Hilles "Werken zu Lebzeiten"

Von Horst SchmidtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Horst Schmidt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In den meisten heute gängigen Handbüchern zur deutschen Literaturgeschichte sucht man vergeblich nach längeren Einträgen zu Leben, Werk und Wirkung des im westfälischen Erwitzen geborenen und nach einem bewegten Leben verarmt in Berlin gestorbenen Schriftstellers Peter Hille (1854-1904). Der epochen- und gattungsspezifisch nur schwer einzuordnende Autor, der zwar stets über eine kleine "Fangemeinde", aber nie über eine wirklich große Leserschaft verfügte und in der Germanistik und Kulturgeschichtsschreibung eher als Bohemien und originelle Persönlichkeit des Literaturbetriebs im Fin de Siécle denn als literarische Maßstäbe setzender Autor bewertet wird, ist ein Jahrhundert nach seinem frühen Tod allenfalls noch Kabaretthistorikern und Spezialisten für die Literatur um 1900 ein Begriff. Nur die wenigsten an Literatur interessierten Zeitgenossen dürften mit dem Namen Peter Hille noch etwas anfangen können.

Zwar erschien neben einigen Anthologien mit Hille-Texten, die vornehmlich Lyrik und Kurzprosa des zu Lebzeiten und in den Jahren nach seinem Tode bei der Avantgarde und der Boheme als "Kultautor" geltenden Schriftstellers versammelten, in den Jahren 1984-86 eine von Friedrich Kienecker herausgegebene Werkausgabe Hilles, die in sechs Bänden veröffentlichte Texte sowie auch viele im Nachlass des Autors gefundene Arbeiten präsentierte. Diese Hille-Werkausgabe ist aber seit etlichen Jahren vergriffen, so dass der Schriftsteller Peter Hille momentan vom Buchmarkt fast verschwunden war.

Abhilfe leistet nun eine zweibändige Hille-Ausgabe, die Walter Gödden unter Mitarbeit von Wiebke Kannengießer und Christina Riesenweber im Auftrag der Literaturkommision für Westfalen beim Bielefelder Aisthesis Verlag herausgegeben hat. Auf zusammen knapp 800 Seiten vereinigen die beiden Bände sämtliche zu Lebzeiten erschienenen Werke Hilles, und zwar in chronologischer Folge (1867-1904) und in der Fassung der jeweiligen Erstdrucke.

Indem der Herausgeber Walter Göden sich auf die zu Hilles Lebzeiten veröffentlichten Texte beschränkt, bleiben viele erst postum bekannt gewordene Werke unberücksichtigt, zum Beispiel einige autobiographische Aufzeichnungen, sein 1910 nach seinem Tod erschienenes Buch über "Das Mysterium Jesu" und Hilles Briefe.

Ein Ersatz für die alte, weitgehend komplette Werkausgabe, die Friedrich Kienecker ediert hat, ist die neue Hille-Ausgabe also nicht. Sie liefert jedoch eine unverfälschte Sicht auf das von Hille selbst veröffentlichte Werk und lenkt vor allem den Blick auf bislang abseits des Interesses stehende Texte, etwa auf die zahlreichen literatur- und theaterkritischen sowie feuilletonistischen Arbeiten, die Hille seinerzeit in unzähligen Zeitungen und Zeitschriften publizierte. Diese wegen ihres sprachlichen Schwulstes und ihrer stilistischen Sonderlichkeiten von heutigen Lesern kaum noch zu goutierenden Texte haben zwar reichlich Patina angesetzt, sie zeigen Hille jedoch als durchaus originellen Geist und weltoffenen Bürger des wilhelminischen Zeitalters.

Neben den zahlreichen publizistischen Arbeiten enthält die Edition unter anderem auch den lange vergriffenen Roman "Die Sozialisten" (1887), einige dramatische Arbeiten, die zu Recht schnell von den Bühnen verschwunden waren, sowie viele Gedichte und Aphorismen.

Da Gödden die Texte in chronologischer Reihenfolge präsentiert und sie nicht wie andere Editoren thematisch beziehungsweise gattungsmäßig gegliedert hat, ergibt die Lektüre der "Werke zu Lebzeiten" ein neues Bild des Autors Peter Hille. Das Bild eines thematisch und stilistisch vielseitigen, oft originellen, für heutige Leser aber wohl nur noch in Maßen interessanten und fesselnden Autors.

Dass die Nachwelt den westfälischen Sonderling zu einem Mystiker und "Heiligen der Dichtkunst" verklären konnte, liegt wohl nicht zuletzt an seiner Biografie und daran, dass die alten Zusammenstellungen seiner Werke viele hier erstmals im chronologischen Werk-Zusammenhang versammelte Texte schlichtweg ignorierten.


Titelbild

Walter Gödden (Hg.): Peter Hille (1854-1904) Werke zu Lebzeiten. Teil 1 (1876-1889) und Teil 2 (1890-1904).
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2007.
802 Seiten, 68,00 EUR.
ISBN-13: 9783895286025

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