Auf dem Weg zum totalen Krieg

Ein Sammelband zur Somme-Schlacht und ihrem Umfeld

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Erste Weltkrieg ist, anders als der Zweite, in der deutschen Erinnerung nur noch sehr eingeschränkt präsent: Politisch als die "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts, die spätere Kämpfe und Totalitarismen erst möglich gemacht habe, und militärisch als der Stellungskrieg an der Westfront, als ein über Jahre fortgesetztes massenhaftes Abschlachten unter größtem Materialeinsatz, aber ohne Ziel und Zweck. Als einzelne, wichtige Schlacht mag noch die von Verdun genannt werden, doch alles andere verschmilzt zu einem einzigen Bild des Grauens.

Dass dies früher einmal nicht so war, zeigt der von Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich und Irina Renz herausgegebene Sammelband zum Krieg an der Somme. Anders als bei Verdun ging 1916 in der Somme-Schlacht der Versuch, wieder in die Offensive zu kommen, von den Entente-Mächten aus. Nach monatelangen Kämpfen waren jedoch Franzosen, Briten und Truppen aus anderen Commonwealth-Ländern nur wenige Kilometer vorgedrungen und hatten dabei deutlich mehr Soldaten verloren als die deutschen Verteidiger. Schon wegen dieser immensen Opfer hat diese Schlacht bis heute besonders im britischen Gedächtnis ihren bedeutenden Stellenwert. Die deutsche Stilisierung der gelungenen Verteidigung zur "Wacht an der Somme" überlebte dagegen die 1920er-Jahre nicht und machte Mythisierungen anderer Ereignisse Platz. Immerhin bemerkenswert ist, dass es gelang, die Somme-Schlacht als Verteidigung der Heimat vor den Schrecken des Krieges zu vermitteln; war sie doch, weit vor den deutschen Grenzen situiert, tatsächlich ein Versuch, die deutsche Expansion zurückzuweisen.

Der Schlacht selbst ist zwar das umfangreichste Kapitel des Bandes gewidmet, doch zeigen die Herausgeber auch andere Aspekte des Krieges in diesem Gebiet, die unbekannter sind, zum Teil aber noch wichtiger. Während Gerhard Hirschfeld den Schlachtverlauf nachzeichnet, verdeutlicht John Horne die Vorgeschichte der Kriegsführung und die militärischen Erfahrungen, die zu den Entscheidungen von 1916 führten. Annette Becker skizziert die deutsche Besatzungsherrschaft in Nordfrankreich. Michael Geyer zeigt die Nachgeschichte der eigentlichen Somme-Schlacht: den Rückzug der Deutschen aus dem umkämpften Gebiet von 1917, eine taktisch gelungene Absetzbewegung in eine besser zu verteidigende Stellung. Freilich ging sie mit einer Strategie der Verbrannten Erde einher, die in vielem den Krieg im Osten 1943/44 vorwegnahm. Nichts, was den nachrückenden Truppen irgendwie von Nutzen hätte sein können, wurde unzerstört gelassen.

Das war zwar nicht ganz so neu, wie Geyer meint, wenn er schreibt, dass dadurch "der Krieg mit und gegen Zivilisten zum ersten Mal bewusst und systematisch von einer modernen Armee durchexerziert und als militärische Notwendigkeit aus der Abwehr heraus legitimiert" wurde. Ein vergleichbares Vorgehen gab es schon im amerikanischen Bürgerkrieg, dem wohl modernsten großen Krieg des 19. Jahrhunderts und die Zerstörung von Lebensgrundlagen war, mit weitaus mehr Opfern, bereits Strategie der deutschen Kolonialtruppen im Maji-Maji-Krieg 1904/05 gewesen. Doch handelte es sich nicht mehr um einen Bürgerkrieg, der ohnehin zumeist brutaler ausgefochten wird als ein zwischenstaatlicher Krieg. Außerdem war, nach der rassistischen Logik der damaligen Zeit, der Einsatz solcher Mittel gegen Europäer ein entscheidender Schritt, der, wie Geyer zeigt, auch bei Teilen der deutschen Führung humanitäre Bedenken hervorrief. Zudem waren hier weitaus mehr Personen beteiligt als in den Kolonialkriegen, was auch bedeutet, dass die Erfahrungen bei der Zerstörung - und wie etwas zu zerstören sei - den Militärapparat viel tiefer prägten.

Ambivalent war dies freilich sogar unter einem pragmatischen Gesichtspunkt. Markus Pöhlmann zeigt, wie deutsche Truppen 1918 im verzweifelten Versuch, den Krieg durch eine gelungene Offensive doch noch zu gewinnen, auch ein Jahr nach ihrer Sabotage in die Zerstörungszone nur langsam vordringen konnten. War dies zwar angesichts des ohnehin für Deutschland hoffnungslosen wirtschaftlichen Kräfteverhältnisses nach dem Kriegseintritt der USA nicht mehr kriegsentscheidend, so bestätigt es doch Ernst Jüngers - freilich im Rückblick formuliertes - Diktum: "Zum ersten Male sah ich hier die planmäßige Zerstörung, der ich später im Leben noch bis zum Überdruß begegnen sollte; sie ist unheilvoll mit dem ökonomischen Denken unserer Epoche verknüpft, bringt auch dem Zerstörer mehr Schaden als Nutzen und dem Soldaten keine Ehre ein."

Diese Passage ist in vorliegendem Band im von Gerd Krumeich verantworteten Abschnitt zur deutschen Erinnerung an die Somme wiedergegeben. Das Kapitel, das Texte aus verschiedenen Perspektiven klug vereint, ist durch einen Aufsatz von Frédéric Hadley ergänzt, der die heutige Gestaltung der Schlachtzone als Erinnerungslandschaft vorstellt. Weit über die eigentliche Somme-Schlacht hinaus erlaubt der Band also eine sowohl zeitgenössisch kriegsstrategische als auch erinnerungspolitische Einordnung.

Der Schwerpunkt liegt allerdings auf der Wiedergabe zeitgenössischer Zeugnisse - sowohl von Texten als auch von zahlreichen Fotografien. Entsprechend dem Ziel, ein umfassendes Bild von vier Jahren Krieg an der Somme zu vermitteln, ist nicht nur die Schlacht dokumentiert, sondern es wurden auch Berichte und Bilder aus dem gesamten Zeitraum aufgenommen. Der Band erhellt auf diese Weise die Mikrostruktur eines Krieges und erlaubt Mutmaßungen über das Bewusstsein der Beteiligten.

Dass es indessen bei Mutmaßungen bleibt, ist zunächst einmal auf den prekären Stellenwert solcher Zeugnisse zurückzuführen. Da sieht man etwa auf einer Fotografie das zerstörte Rathaus der Kleinstadt Péronne, an dem deutsche Soldaten vor ihrem Rückzug 1917 ein Schild mit der Aufschrift "Nicht ärgern, nur wundern!" angebracht hatten. Vordergründig betrachtet ist das eine Provokation der nachrückenden Franzosen, die man aber direkter (und auf Französisch) hätte beschimpfen können. Drückt die Schrift also eigene Ratlosigkeit aus? Parallele Belege weisen freilich auf die Freude der Deutschen an der Zerstörung hin, die, wieder in den Worten Jüngers, "wie man sogleich bemerkte, der Mannszucht abträglich" waren. Ein wenn auch brutaler Witz also? Der vom Fotografen stolz verewigt wurde - oder in der aufklärerischen Absicht, Brutalität zu dokumentieren?

Müssten die Bilder erklärt werden, so gilt das genauso für manche der Texte. Frontbriefe sind keine authentischen Dokumente. Sie beschwichtigen vielleicht (um die Verwandten nicht zu beunruhigen, oder aus nationalistischem Pflichtgefühl); sie zeigen den Schreiber relativ selten als Tötenden, weil dieser sich das Wiedersehen im Zivilleben vorstellt. So vermitteln die nachträglichen literarischen Zeugnisse mehr von den Schrecken des Krieges als die unmittelbaren Aufzeichnungen, die bei erster Gelegenheit in die Post gingen; andererseits aber betonen die Briefe die industrielle Anonymisierung als das historisch Neue weniger als die späteren Autoren. Zwar war schon 1916 als Frage von Glück oder Pech statt als eine der Tapferkeit erkannt, wo eine feindliche Granate einschlug und tötete. Doch scheinen die Handlungsspielräume viel größer als im Rückblick. Man kann sich nun fragen, ob die Briefschreiber sich gegen alle Realität als handlungsmächtige Subjekte retten wollten - oder ob die spätere Darstellung des Ersten Weltkriegs als sinnloses Zufallsspiel nicht seinerseits der Versuch einer historischen Einordnung war, die Sinn generieren sollte.

Solche Fragen stellen die Autoren des Bandes leider nicht. Sie halten es für genügend, nach je einer Einleitung Dokumente für sich sprechen zu lassen - dies ist der zweite Grund, aus dem es bei Mutmaßungen über die Sichtweise der Beteiligten insgesamt bleibt. Auswahlkriterien und Repräsentativität der Zeugnisse sind nirgends erörtert. So sind ausschließlich Dokumente von deutscher Seite aufgenommen worden, mit Ausnahme des Abschnitts zur Besatzungsherrschaft, wo sich nur Auszüge aus zwei Tagebüchern von Franzosen finden, seltsamerweise aus dem vom Schlachtfeld einigermaßen entfernten Lille. Gibt es keine Aufzeichnungen von denen, die 1917 vertrieben wurden oder später in ihre zerstörten Ortschaften zurückkehrten? Die Texte von Deutschen zeugen scheinbar, momentane Zweifel beiseite gelassen, von einem Einsatzwillen und Optimismus, der so gar nicht zu den Schrecken der Schlacht im dritten Kriegsjahr passen will. Galt das für alle Deutschen?

Nur versteckt finden sich Hinweise etwa auf energische Unteroffiziere, die auf Verbandplätzen all diejenigen, die sie für Drückeberger halten, zurück in den Kampf treiben. Es gab also vielleicht mehr an Verweigerungsversuchen, als die Texte suggerieren - weil die Gebildeteren meist nationalistischer sind, mehr und eloquenter schrieben und ihre Briefe aufgehoben wurden? Das würde man gerne wissen, und das erst erlaubte eine quellengeschichtliche Einordnung. So fällt auf, dass höhere Dienstgrade überrepräsentiert sind und aus unbestimmtem Grund Aufzeichnungen von Angehörigen des Sanitätsdienstes, besonders von Ärzten, besonders stark vertreten sind.

In ihrem Quellenteil lässt die Sammlung also zahlreiche Fragen offen. Doch bleibt dem Band insbesondere der Verdienst, über das Schlachtgeschehen im engeren Sinne hinaus auf die Techniken der deutschen Besatzungsherrschaft und damit auf einen Aspekt des Ersten Weltkriegs verwiesen zu haben, der lange noch nicht ausreichend erforscht ist.


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Gerhard Hirschfeld / Gerd Krumeich / Irina Renz (Hg.): Die Deutschen an der Somme 1914-1918. Krieg, Besatzung, Verbrannte Erde.
Klartext Verlagsgesellschaft, Essen 2006.
281 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3898615677

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