Im Dienst des Militärs

Ein Band über „Krieg und Medizin“ entlarvt die tödliche Korruption „humanitärer Hilfe“ im Kampfeinsatz

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der „Spiegel“ hat recherchiert, dass die „übelste Heimsuchung“ der Bundeswehr in Afghanistan derzeit „handeslübliche“ Plastikkanister seien. „Sie fassen um die zehn Liter, vielleicht war Motorenöl drin oder ein Pflanzenschutzmittel. Aber dann hat jemand Nägel hineingeschüttet, Sprengstoff dazugepackt und einen Zünder. Die gelben Kanister stehen versteckt am Straßenrand und warten auf die Deutschen.“

Aus diesen Sprengfallen resultiere die „typische“ Verwundung dieses ‚neuen Kriegs‘ am Hindukusch: Man nenne sie einfach nur „Schwamm“. „Die einst gefürchteten Bauchschüsse seien nicht mehr so häufig, da die modernen Panzerwesten die Soldaten recht gut schützten. […] Die Nägel durchbohrten die Beine der Soldaten so, dass Blut aus Dutzenden Löchern quille.“ Viel könne man dann auch gar nicht mehr für die Betroffenen tun: „Wenn die Kameraden das Bein nicht binnen zehn Minuten abbinden können, stirbt der Soldat. Wenn sie es schaffen, muss meist amputiert werden.“

Mit den Zeiten und ihren Kriegen ändern sich auch die jeweils „spezifischen“ Verletzungen. Grausam und sinnlos aber waren diese konkreten Kriegsfolgen schon immer – und werden es wohl auch in Zukunft bleiben. Diese resignative Einsicht überfällt den Leser, wenn er den Band über „Krieg und Medizin“ aufschlägt, der anlässlich der gleichnamigen Ausstellung des Deutschen Hygiene-Museums und der Londoner Wellcome Collection im Wallstein Verlag erschienen ist. Denn schon im Geleitwort von John A. Parrish wird deutlich, dass die Ärzte im Krieg nicht unbedingt nur das Prinzip des „Guten“ vertraten und den Opfern nicht nur Rettung und Heilung brachten, sondern auch der Optimierung des großen Mordgeschäfts zuarbeiteten: „Die Geschichte hat erwiesen, dass bei einer Bündelung der jeweiligen Kräfte die Medizin dem Militär dient und die Kriegsmaschinerie dem Staat.“

Um dieser Rolle gerecht zu werden, musste die Medizin angesichts der Modernisierung der Waffensysteme zunächst einmal einige ‚Herausforderungen‘ annehmen. Oft wurden die Ärzte und Sanitäter in den modernen Kriegen von den Folgen des waffentechnischen Erfindungsreichtums überrascht. So war die im „Spiegel“-Bericht über den Afghanistan-Krieg erwähnte Technik der „Panzerwesten“ im Ersten Weltkrieg noch nicht ausgereift: Das Modell mit dem sinnigen Namen „Prallab“ entpuppte sich als wirkungslos. Die Folge waren unter anderem Herzverletzungen in einem bisher unbekanntem Ausmaß – und sei es nur durch ein Granatsplitterchen in „Linsengröße“, wie man einem der im Band zitierten historischen Augenzeugenberichte entnehmen kann: „Er hat ihr selbst nachgelauscht, der Granate, die im Garten krepiert ist […]. Wo fehlt’s ihm denn, ist er getroffen, wo ist er getroffen? Er blutet nicht, die Uniform ist heil […]. Unbegreiflich, aber deutlich sichtbar, verfällt er in wenigen Sekunden. […] Jener ist weiß, wird grau, dann gelb. […] Stabsarzt Fünfer faßt nur noch an einem Körper umher, der schon kalt wird. […] ‚Da ist offenbar etwas ganz Kleines mitten ins Herz gedrungen‘, formuliert Fünfer die Diagnose ungewollt und ungewöhnlich albern.‘“

Ein weiteres medizinisches Hauptproblem des Ersten Weltkriegs waren die Gesichter der Soldaten – auch wenn dieses neue ‚Betätigungsfeld‘ der Kriegsmedizin im Band, anders als in der Dresdener Ausstellung, außen vor gelassen wird: Im Grabenkrieg an der Westfront wurden diejenigen, die ihren Kopf nur kurz über den Rand ihrer Stellung hoben, leicht von Kugeln, Schrappnell- und Granatsplittern getroffen und trugen, wenn sie überlebten, die kompliziertesten und grausigsten Kopfverletzungen davon. Abgeschossene Unterkiefer, fehlende Nasen und Augen: Ernst Friedrichs schaurige Fotodokumentation „Krieg dem Kriege“ (1924) versuchte, durch die schockierende Präsentation solcher Fälle beim Publikum starke Affekte gegen den Krieg zu provozieren. Aufgabe der Medizin war es jedoch, für solche extremen Verletzungen Behandlungstechniken und Gesichtsprothesen zu entwickeln. So half man nicht nur, Beschwerden zu lindern, sondern auch dabei, die Verletzungen der „Kriegskrüppel“ in der Öffentlichkeit zu kaschieren und zum Verschwinden zu bringen – zumindest auf den ersten Blick.

Ein anderes Problem, das in der nun aufkommenden Intensität noch unbekannt war, nannte man „Kriegszittern“ beziehungsweise „shell shock“. Diese nervöse Reaktion auf die traumatische Erfahrung des Trommelfeuers oder naher Explosionen, die man heute als „Posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS) bezeichnet, versuchte die Medizin im Ersten Weltkrieg schnellstmöglich zu behandeln. Jedoch nicht, um die von dem Symptom befallenen Soldaten zu heilen und in Sicherheit zu bringen, sondern bloß, um die Leute schleunigst wieder einsatzfähig zu machen oder gleich als mögliche „Simulanten“ zu enttarnen.

Hierbei wurde umso deutlicher, dass die Medizin im Krieg nicht mehr nur dazu da war, um den Opfern zu helfen – sondern dass sie längst eine wichtige Komplizin der staatlichen Gewalt geworden war, die dem Ziel diente, das Funktionieren einer riesigen Tötungsmaschinerie zu optimieren: „Die Medizin stand nicht nur im Dienst des Militärs, sondern war ein zentraler Faktor in der Definition und Ausdehnung der militärischen Macht, so dass die Streitkräfte das emotionale und materielle Leben der Rekruten effektiver kontrollieren und lenken konnten“, stellt Joanna Bourke in ihrem Essay über die „Erfahrungen der Militärmedizin in den beiden Weltkriegen“ nüchtern fest.

Dieses Bestreben führte zu so bizarren propagandistischen Veröffentlichungen wie dem 1925 erschienenen Lehrbuch für Menschen, denen beide Arme abgeschossen worden waren und in dem ein armloser Mann auf Fotos unter anderem demonstrierte, wie man ein Gewehr auch mit seinen Beinen in Anschlag bringen kann. Das ist aber nur eine von vielen solcher Abbildungen in dem materialreichen Band, die den Betrachter ziemlich ratlos machen können. Wirkt dieses Panoptikum des Grauens doch wie eine fortgeführte Illustration zu Karl Kraus’ Collage-Drama zum Ersten Weltkrieg, „Die letzten Tagen der Menschheit“, in dem bereits genau das prophezeiht wurde, was bis heute vielfach wieder eingetreten ist: Dass das einmal Wirklichkeit gewordene Grauen keinesfalls dazu führen werde, dass man seine Wiederholung eines Tages zu verhindern vermöge: „Alles was gestern war, wird man vergessen haben; was heute ist, nicht sehen; was morgen kommt, nicht fürchten. Man wird vergessen haben, daß man den Krieg verloren, vergessen haben, daß man ihn begonnen, vergessen, daß man ihn geführt hat. Darum wird er nicht aufhören.“

Auch der Band über „Krieg und Medizin“ wird daran nichts ändern. Aber er vergegenwärtigt und analysiert immerhin einige der tödlichen Funktionsmechanismen, die im Wahnsystem des Kriegs paradoxerweise immer weiter ausdifferenziert werden. Menschen zusammenzuflicken, damit man sie schnellstmöglich wieder in das Inferno schicken kann, dem sie gerade knapp entronnen sind – logisch ist das nicht. Und doch ist genau dies ein Ziel, das die menschliche Wissbegierde nach wie vor weiter verfolgt, nicht zuletzt mit enormem wirtschaftlichen Aufwand.

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Melissa Larner / James Peto / Coleen Schmitz (Hg.): Krieg und Medizin.
Wallstein Verlag, Göttingen 2009.
270 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783835304864

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