Das Geräusch ihrer Schritte

In ihren neu aufgelegten Memoiren „Als wir 20 waren“ erzählt die französische Schriftstellerin Clara Malraux von der Jugend um 1920 und ihrer Liebes- und Abenteuergeschichte mit Frankreichs späterem Kulturminister André Malraux in Indochina

Von Behrang SamsamiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Behrang Samsami

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Eine Festtafel, etwa dreißig Gäste – und unter ihnen ein junger Mann, der mir lange Jahre mehr bedeuten wird als jeder andere Mensch. Seinetwegen werde ich alles zurücklassen, wie es das Evangelium von den Liebenden fordert: ,Du sollst Vater und Mutter verlassen.‘ Aber noch weiß ich nichts von ihm, denn er sitzt neben meiner Freundin Jane; wenn ich ihn sehen will, muss ich mich ein bisschen vorbeugen. Sie sprechen, oder vielmehr: Er spricht. Er ist ein großer, schmaler junger Mann mit zu großen Augen, deren Pupillen fast zu klein sind für die riesigen Augäpfel, sodass sich unter der verwaschen grünen Iris ein weißer Streifen abzeichnet. Später sage ich ihm: ,Größer dürften sie nicht sein‘, später denke ich an seine seefahrenden Ahnen, die wahrscheinlich denselben von der Ferne angezogenen Blick besaßen wie er, später sage ich mir – ein dummer Gedanke zweifellos: Er kann den Leuten nicht ins Gesicht sehen.“

Das Eingangskapitel „Die Begegnung“ in Clara Malraux’ Erinnerungen „Als wir 20 waren“ („Nos vingt ans“, 1966) ist typisch für den gesamten zweiten Band ihrer sechsbändigen Memoiren, die von 1963 bis 1979 unter dem Titel „Das Geräusch unserer Schritte“ („Le bruit de nos pas“) erschienen sind: Die Beziehung zu ihrem späteren Ehemann, dem französischen Schriftsteller und langjährigen Kulturminister André Malraux (1901-1976), scheint, so hat man den Eindruck, von Anfang an ambivalent zu sein; einerseits von Liebe und Hingabe, andererseits von Distanz und Abwehr geprägt. Allerdings mag die Dissonanz auch dem späteren Blick der Autorin zurück auf die gemeinsam verbrachte, nicht selten turbulent verlaufene und abenteuerreiche Zeit geschuldet sein.

Es mag aber auch damit zusammenhängen, dass die 1897 in Paris als Tochter einer deutsch-jüdischen Familie aus Magdeburg geborene Clara Goldschmidt zwar den vier Jahre jüngeren Poeten bewundert, jedoch seine explizit geäußerte Misogynie von Anfang an ablehnt und dagegen ein selbst bestimmtes, emanzipiertes Leben setzt: „Er sprach über das Ewigweibliche […] und verriet mir, dass Frauenfeindlichkeit gar nicht so selten sei, was mir, ich muss es gestehen, einen schweren Schlag versetzte. Hieß es, dass man mich nicht nur als ,Ich‘ betrachtete und beurteilte? Ich hatte mich ja schon beinahe damit abgefunden, dass man in mir zugleich immer die Jüdin und halbe Ausländerin sah, und von nun an musste ich zu allem Überfluss auch noch darauf gefasst sein, dass mir die halbe Menschheit grundsätzlich mit Geringschätzung begegnete, die ich erst besiegen musste, um mit denen auf eine Stufe gestellt zu werden, die mir vielleicht nicht einmal das Wasser reichen konnten. Ich war bestürzt. Seit kurzem war ich geistig viel wacher als mein älterer Bruder und seit Langem schon intelligenter als mein jüngerer. Und außerdem hatten die Mädchen in unserer Familie immer schon ein gewisses Vorrecht genossen.“

Selbstbewusst und zielorientiert nimmt sich die spätere Schriftstellerin die Freiheit, so zu leben, wie sie es sich wünscht, denn, so schreibt sie an einer Stelle, „ich wollte ja alles mitnehmen, was mir die Welt bot“. Es ist das Jahr 1921, als Clara Goldschmidt, die für die Avantgarde-Zeitschrift „L’Action“ Texte aus dem Deutschen übersetzt, den Schulabbrecher Andre Malraux bei einem Festessen der Herausgeber kennen lernt. Sie sprechen bei ihren darauf folgenden Treffen über Literatur und Kunst. Malraux führt sie mit der Zeit in Lebenskreise ein, die ihr bis vor kurzem noch unerreichbar erschienen sind. Zu ihren Bekannten zählen das Schriftstellerpaar Yvan und Claire Goll und der aus Berlin gekommene Maler Marc Chagall mit seiner Ehefrau Bella. Ferner begegnet Clara Literaten wie etwa Max Jacob, Paul Morand, Jean Cocteau, Raymond Radiguet und André Breton mit seiner Frau Simone. Sie lebt sich schnell in das intellektuelle Milieu ein und genießt das kosmopolitische Flair, das sie umgibt. Ihr Vater, der ihr den Umgang mit Malraux verbieten könnte, ist gestorben, als sie noch ein Kind war, und ihre Mutter gewährt ihr eine Freiheit, die Clara von ihr so nicht erwartet hat.

„Wir traten beide der Welt unsystematisch gegenüber, ohne fest gefügte Anschauungen, aber mit gar nicht so wenig Wissen, mit sehr viel Begeisterung, großer geistiger Wachheit, dem gleichen Sinn für Dichtung und Malerei und dem Wissen um den Einfluss der Vergangenheit auf die Gegenwart. Beide hatten wir eine Vorliebe für das Romantische und Abenteuerliche; wir fühlten uns reich und bereicherten uns an dem Gedanken, dass uns Zeit und Raum offenstanden.“ Die hier beschworene Lebenslust und Neugierde, von der Clara Malraux spricht, merkt man auch ihren Erinnerungen an. „Als wir 20 Jahren“, das ihr Leben von 1921 bis 1925 beschreibt und erstmals 1968 unter dem Titel „Wer den Ruf vernimmt“ und 1982 unter dem Titel „Das Geräusch meiner Schritte“ erneut auf Deutsch erschienen ist, ist derart reich an Berichten über Bekanntschaften mit später berühmten Schriftstellern und Malern, an Erlebnissen und Abenteuern in Frankreich wie im Ausland, dass es stets ein großes Vergnügen bereitet, dem außergewöhnlichen Leben der Autorin in diesen Jahren zu folgen. Ihre Sprache trägt wesentlich dazu bei, dass der Text fesselt: Sie schreibt äußerst dicht und lebendig, zeigt sich offen, verletzlich und stellt nicht nur Malraux’, sondern auch ihr eigenes, jugendliches Verhalten immer wieder infrage. Schließlich, so merkt sie an einer frühen Stelle an, strebe sie ein Leben an, „das auf der Wahrheit aufbaut“ und resümiert gegen Ende ihrer Erinnerungen: „Mag eine Autobiografie überheblich oder bescheiden sein, sie stellt einen Aufruf an andere dar, und darin macht meine keine Ausnahme. Dass sie einzigartig und mitteilbar ist, darauf alleine kommt es an.“

Clara Malraux webt in den zweiten Band ihrer, für die vorliegende Auflage neu durchgesehenen und ergänzten Memoiren zugleich zahlreiche Themen ein, die in den 1920er-Jahren aktuell sind. Sie erzählt von der jungen Generation von Schriftstellern und Künstlern, die den Ersten Weltkrieg überlebt hat und in den Jahren danach neugierig und beinahe wie im Rausch das Leben mit all seinen Facetten kennen lernen möchte und dabei nicht selten die bis dahin geltenden, bürgerlichen Konventionen überschreitet. Sie berichtet von den damit zusammenhängenden Konflikten zwischen den Eltern und ihren Kindern, von sich verändernden Lebensmodellen, vor allem der weiblichen Rollenmuster, durch die der Typ der „Neuen Frau“ geschaffen wird: „Doch obwohl uns all dieses Neue faszinierte, waren wir verzweifelt. Nie hatten wir Gott so dringend gebraucht wie nach diesem Krieg, dessen Helden in keine Walhalla aufgenommen wurden. Die Gesellschaftsordnung unserer Eltern hatte zu dem schlimmsten Blutbad der Menschheitsgeschichte geführt. Wir wandten uns von ihnen ab; […] In dieser Zeit ohne Werte gewann jeder Mensch neue Bedeutung. Uns selbst zu verwirklichen war das Einzige, was wir im Sinn hatten. ,Mach aus dir das unersetzlichste Wesen‘, riet uns der eine; der andere sprach gleich von ,offener Moral‘. Die Einzigen, die für uns zählten, waren Helden, Künstler und Heilige.“

Intensität und Spontaneität vor allem sind die Schlagworte, die nicht nur Clara Malraux’ Leben und Denken in der Nachkriegszeit kennzeichnen. So unternimmt sie bereits kurze Zeit nach ihrer Bekanntschaft mit André eine Reise mit ihm nach Italien. Unterwegs wird sie von einem Freund ihrer Familie erkannt und beide entscheiden sich daraufhin, sich sogleich zu verloben und für einige Zeit zu heiraten. Zusammen bleiben sie dann 14 Jahre und haben eine gemeinsame Tochter namens Florence, die 1933 zur Welt kommt. Malraux’ finanzieller aufwendiger Lebensstil bringt ihn 1923, nach dem die beiden ihre Spekulationen an der Börse aufgegeben haben, auf die Idee, nach Französisch-Indochina, genauer nach Kambodscha, zu reisen. Dort wollen sie kostbare archäologische Stücke, Basreliefs, aus einem Tempel entwenden und in Europa an wohlhabende Sammler verkaufen, um einige Jahre von dem Erlös zu leben. André arbeitet sich daraufhin in die Materie ein. Es gelingt sogar, sich für die Expedition gen Osten einen Auftrag und ein Empfehlungsschreiben zu besorgen.

„Meiner Meinung nach, und so empfinde ich es auch noch heute, entbehrte unser Verhalten in der Jugend nicht einer gewissen Größe: Bis zu meinem Tod werde ich mich mit Stolz dazu bekennen, und das Einzige, was ich bedaure, ist, dass meine innere Bereitschaft nicht immer der Größe unserer Taten entsprach. Ich hatte in jener Zeit manchmal das unbestimmte Gefühl, dass sie mein Verhältnis zu den Menschen, die ich von Kind an geliebt hatte, zerstören würde.“

Clara Malraux wird Recht behalten. Das Abenteuer, das André und sie in Indochina suchen, wird ihnen wenig Glück bringen, dafür allerdings drastische Konsequenzen haben. Ausführlich beschreibt die Autorin in der Folge die auch für sie außerordentlich anstrengende Reise, die lange, notwendige Zeit der Gewöhnung an das Klima und den konfliktreichen Aufenthalt in den Jahren 1923 und 1924 im damals noch für die allermeisten Europäer wenig bekannten, exotischen fernen Asien.

Dennoch, auch wenn sich die Reise als Fiasko erweist, zieht Clara Malraux ein positives Resümee von ihrem Aufenthalt im Osten: „Es macht einen Unterschied, ob man Fragmente von Tscheu-Ta-Kuan oder von Hiuang-Tsang in Kambodscha liest oder in Paris. Durch die Straßen gehen, andere Gesichter enträtseln als die, die uns in unserer Jugend umgaben; inmitten neuer Geräusche leben, Gesprächsfetzen aufschnappen, Gebärden und Blicke wahrnehmen: Wie viel mehr wissen wir über die Welt der Kolonien als bei unserer Abreise aus Europa! Fast ohne es zu wollen, haben wir das gedemütigte Asien kennengelernt.“ Der durch die äußeren Umstände verlängerte Aufenthalt in Indochina führt dazu, dass André und Clara Malraux – eigentlich unbeabsichtigt – eine innere Wandlung vollziehen. Sind sie anfangs in der Absicht gekommen auf Beutezug zu gehen und sich an Fremdem zu bereichern, setzen sie sich später dagegen intensiv mit den schwierigen Verhältnissen der Einheimischen in der französischen Kolonie und dabei vor allem mit der konfliktgeladenen Beziehung zwischen ihnen und den französischen Kolonialherren auseinander.

Die Expedition in den Osten wird letztlich gut ausgehen, das Leben der beiden jedoch vollkommen verändern. André wie Clara werden sich in Frankreich wie in Indochina politisch stark engagieren. Das Fazit, das die 1982 im Alter von 85 Jahren verstorbene Autorin dann am Ende von „Als wir 20 waren“ zieht, verbindet sich mit der Intention, die sie mit ihren Memoiren, denen in der vorliegenden Ausgabe noch ein biografisches Nachwort sowie ein Personenregister angefügt sind, verfolgt: „,Bewahren, was glanzvoll und schön war unter der Sonne.‘ Sei es glanzvoll oder nicht, schön oder nicht, bedeutend oder nicht, ich will bewahren, was einst lebendige Tat war. Mit diesen Erinnerungen versuche ich etwas in Form zu bringen, wie man Zement, Blei oder Ton formt, etwas, das zwar nicht von langer Dauer sein wird, doch immerhin eine Zeit lang seinen Platz ,unter der Sonne‘ haben wird. Ich weigere mich, schon heute wie jener im Dschungel verlorene Tempel zu werden, der fern allen Blicken unter den Lianen verfällt. Ich werde die Erinnerung an meine Taten bewahren, ich ,werde meinen Teil an Herrlichem, an Revolte und an Menschlichkeit weitergeben‘.“

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Clara Malraux: Als wir zwanzig waren. Meine Erinnerungen an André Malraux und die Pariser Boheme.
Übersetzt aus dem Französischen von Ruth Groh und Annette Lallemand.
Graf Verlag, München 2010.
303 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783862200054

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